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An der Gitarre: Andreas Dauböck im Stück „Morbus Hysteria“, das 2023 zu sehen war.

An der Gitarre: Andreas Dauböck im Stück „Morbus Hysteria“, das 2023 zu sehen war.
Foto: Stefan Hauer

Taktgeber: Musiker Andreas Dauböck im Gespräch

aktionstheater ensemble

Macht der Ton das Theaterstück? So pauschal lässt sich das natürlich nicht sagen. Fix ist jedoch, dass Theatermusik in vielen Stücken eine zentrale Rolle einnimmt. Auch in den Stücken des aktionstheater ensembles ist das so, erzählt Musiker und Komponist Andreas Dauböck, der seit dreizehn Jahren mit der Truppe zusammenarbeitet. Wir haben ihn getroffen.

Seit 13 Jahren arbeitet der gebürtige Oberösterreicher Andreas Dauböck mit dem aktionstheater ensemble zusammen. Er komponiert die Musik und ist als Live-Musiker Teil des Bühnengeschehens. Buchstäblich gesprochen könnte man auch sagen: Er gibt den Ton an. Und den Takt vor – zumindest dann, wenn der Multiinstrumentalist am Schlagzeug sitzt. Abgesehen davon ist Andreas Dauböck, den wir kurz nach Neujahr zum Gespräch treffen, alles andere als ein Angeber. „Dieses Frontman-Ding brauche ich derzeit nicht so sehr“, wird er etwas später, in Zusammenhang mit Phoney Island, seiner aktuellen Band, sagen.

Doch zuerst sprechen wir über das aktionstheater ensemble und „Speed (kills content)“, das neue Stück der Theatergruppe, das nach einer erfolgreichen Spielserie in Vorarlberg ab 10. Jänner im Theater am Werk zu sehen ist. Auch Andreas Dauböck ist – Ton und Takt angebend – wieder mit dabei. Wie der Titel des aktuellen Stücks bereits vermuten lässt, fällt Letzterer diesmal noch etwas schneller und treibender aus als sonst. Doch dazu gleich mehr.

Wir sitzen in einem kleinen Café mit angebundenem Plattenladen im siebenten Bezirk. Das „LOKal“ in der Richtergasse, einem Seitenarm der Neubaugasse, ist Kaffeehaus, Musikoase wie auch ein Beschäftigungsprojekt für Menschen, die aufgrund psychischer Probleme gerade keine Möglichkeit haben, am ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Neben seiner Theaterarbeit arbeitet Andreas Dauböck 20 Stunden pro Woche im „LOKal“ – er sucht Platten aus und bewertet sie. Über Martin Grubers aktionstheater hätte er überhaupt erst zum Theater gefunden, erzählt der Musiker, der unter anderem Bands wie Ash My Love, Dun Field Three und die Morbidelli Brothers mitgegründet hat. „Davor hatte ich gar nichts mit Theater zu tun. Der Dramaturg Martin Ojster war bei einer Plattenpräsentation meiner damaligen Band Morbidelli Brothers im Publikum und hat Martin Gruber später erzählt, dass das die Band für ihr nächstes Stück sein könnte.“

Auf die erste gemeinsame Arbeit folgten viele weitere. Der stark von gegenseitigem Vertrauen geprägte Arbeitsprozess hätte sich im Laufe der Zeit jedoch ein wenig verändert, wie Dauböck berichtet. „Anfangs war ich von Beginn an dabei und habe mir laufend überlegt, in welche Richtungen das Ganze gehen und welche Musik dazu passen könnte. Mittlerweile komme ich erst später im Probenprozess dazu. Oft weiß ich schon, an welchen Stellen Musik gebraucht wird, bevor Martin es ausspricht.“

Die Theaterarbeit brachte Dauböck, der, wie er sagt, erst recht spät – mit 18 – zur Musik fand, auch dazu, sich immer wieder an neue Instrumente heranzuwagen. „Für ein Stück wollte Martin etwas haben, das wie Björk klingt“, erinnert er sich lachend. „Ich habe die Musik dafür auf dem Klavier geschrieben, obwohl ich bis dahin nie Klavier gespielt habe. Eigentlich komme ich von der Gitarre.“

Auch mit einer Loop Station kam er zum ersten Mal über das Theater in Berührung, fügt er hinzu. Auf erste Ideen folge in der Regel die Auswahl des Instrumentariums und anschließend ein Prozess des Ausprobierens im Studio, so Dauböck. „Meistens entwickelt sich diese erste Idee im Laufe der kompositorischen Arbeit jedoch zu etwas ganz anderem.“

Andreas Dauböck im Stück „Heile mich“ des aktionstheater ensembles.
Foto: Gerhard Breitwieser
Andreas Dauböck im Stück „Heile mich“ des aktionstheater ensembles.

Musik sehen

Die Stücke des aktionstheater ensembles zeichnen sich für ihn auch dadurch aus, dass nicht nur der Text, sondern auch die Musik eine Erzählfunktion übernimmt, erklärt Andreas Dauböck mit ruhiger Stimme. Gleichzeitig sei es wichtig, dass sie das Stück nicht kommentiert oder das Publikum in eine falsche Richtung lenkt. „Das ist herausfordernd, gleichzeitig ist es aber auch eine total schöne Aufgabe, die mir sehr viel gebracht hat“, bringt es der Musiker auf den Punkt. Unter anderem hätte sich seine Wahrnehmung von Musik über die Theaterarbeit ein bisschen verändert. „Früher habe ich Musik vor allem gehört, mittlerweile sehe ich Musik.“

Geht es nach Andreas Dauböck, ist der Job eines Theatermusikers außerdem gar nicht so weit von jenem eines DJs entfernt, wie man im ersten Moment vielleicht vermuten würde: „Ich habe früher viel mit Schallplatten aufgelegt und vergleiche es gerne damit: Man baut über einen Abend hinweg eine bestimmte Stimmung auf, die jedoch sofort weg ist, wenn man nur eine falsche Nummer spielt. Dann ist die Tanzfläche sofort leer, der Abend gestorben. Im Theater ist das auch so – wenn man einen falschen Ton reinbringt, stimmt das Stück nicht mehr.“

Am Schlagzeug in der aktuellen Produktion „Speed (kills content)“.
Foto: Stefan Hauer
Am Schlagzeug in der aktuellen Produktion „Speed (kills content)“.

Am glücklichsten ist Andreas Dauböck, wenn er die Musik, die er für ein Stück geschrieben hat, auch selbst performen kann. Dazu gehört auch, während des Stückes auf die Spieler*innen einzugehen – mal Tempo rauszunehmen, um es an einer anderen Stelle vielleicht wieder hochzufahren. „Ich bin einfach ein Analogmusiker“, hält er fest. „Ich habe diesen Anspruch an mich selbst, jedes Instrument analog einzuspielen. Mit meiner früheren Band haben wir auch nur analog aufgenommen – am liebsten direkt auf Stereoband. Wenn ein Fehler drin war, dann war das halt so.“

Bei all seinen Projekten sei zudem die Melancholie ein wichtiges Fundament, so Dauböck. Die bekomme er einfach nicht raus, möchte sie aber auch gar nicht loswerden. „Ich kann nicht unmelancholisch sein. Ich glaube, dass das aber auch einer der Gründe ist, warum meine Musik am Theater so gut funktioniert – weil sie die Menschen auf einer emotionalen Ebene abholt.“

Daran anknüpfend sprechen wir auch noch über „Speed (kills content)“, den neuen Wurf des aktionstheater ensembles. Ein Stück, bei dem, wie Andreas Dauböck erklärt, eine große Melancholie auf eine mindestens genauso große Ruhelosigkeit trifft.

Das Ensemble von „Speed (kills content)“.
Foto: Niklas Koch
Das Ensemble von „Speed (kills content)“.

Zu wenig wertgeschätzt: Theatermusik 

Über die Rolle der Theatermusik hat er sich in der Vergangenheit schon öfter Gedanken gemacht. Er begrüße es sehr, dass es gerade eine sehr lebhafte Diskussion über die (fehlende) Wertschätzung von Musik im Theaterkontext gibt. Der Wunsch nach für die jeweilige Inszenierung angefertigten Kompositionen und Live-Musik nehme zwar eher zu als ab, doch die entsprechende Anerkennung fehle häufig. „Ich habe mein Ego bei der Theaterarbeit ziemlich zurückgeschraubt, weil mir aufgefallen ist, dass es kaum Kritiken gibt, in denen die Musik Erwähnung findet", so Dauböck, der auch schon an verschiedenen Häusern gearbeitet hat.

Die Zeichen stehen jedenfalls gut, dass die tonangebende Funktion von Musik in Theaterstücken künftig stärker wahrgenommen und honoriert wird. Und Theatermusik nicht länger einfach als „Beiwerk“ und damit als Beilage zur Buchstabensuppe des textbasierten Sprechtheaters zu verstanden wird. Wer weiß, vielleicht erleben wir 2026 einen Musik-NESTROY.

Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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