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Das Stück beschäftigt sich mit Klassismus und Klassenwandel wie auch mit der Frage, was äußerliche Marker wie Kleidungsstücke damit zu tun haben. Außerdem: Wie hängt der Wunsch nach Abgrenzung auch mit Blicken und Verurteilungen von außen zusammen?

Das Stück beschäftigt sich mit Klassismus und Klassenwandel wie auch mit der Frage, was äußerliche Marker wie Kleidungsstücke damit zu tun haben. Außerdem: Wie hängt der Wunsch nach Abgrenzung auch mit Blicken und Verurteilungen von außen zusammen?
Foto: Tommy Hetzel

Zwischen den Welten

Burgtheater

Wie lange dauert es, bis man sich nach einem Klassenwandel nicht mehr als Klassenclown, sondern vielleicht sogar als Klassensprecher*in fühlt? In „Klassenputtel“ beschäftigen sich Saliha Shagasi und ihr Ensemble mit sozialem Auf- und Abstieg.

Die Rahmenhandlung von „Klassenputtel" ist schnell erklärt: Es geht um Klassismus und Klassenwandel. Innerhalb dieses Rahmens passiert jedoch unglaublich viel – es kommt zu Streitgesprächen zwischen den Generationen, zu Momenten der Scham und der Entfremdung wie auch zu Augenblicken, in denen sich der Humor als der beste und einzige Ausweg aus einer Situation entpuppt. Warum die Sache mit dem Rahmen auch wortwörtlich zu verstehen ist, sehen wir bei einer Probe zu „Klassenputtel“. Das aus acht Spieler*innen bestehende Community-Ensemble spricht durch unterschiedlich große Bilderrahmen hindurch, trägt sie durch den Raum und legt sie in bestimmten Momenten auch wieder ab.

Manchmal fallen sie auch aus dem Rahmen. Im übertragenen Sinn. Den groben Rahmen für das Projekt hat Regisseurin Saliha Shagasi vorgegeben. In der Probe ermutigt sie ihr Ensemble unter anderem, größer zu spielen, später könne man die Emotionen ja wieder zurückschrauben. Schon in „Hässlichkeit“, ihrer ersten BURG-Produktion, hat sie sich mit Klassismus beschäftigt, nun tut sie das gemeinsam mit ihrem Team auf noch explizitere Weise. Alle Spieler*innen in „Klassenputtel“ sprechen mehr als nur eine Sprache und haben eine Form von Klassenwandel durchgemacht. Es geht jedoch nicht nur um sozialen Aufstieg, sondern auch um sozialen Abstieg, wie die Regisseurin erläutert.

„Viele Menschen, die nach Österreich kommen, erleben eine Degradierung ihres sozialen Status. Hier gibt es eindeutig eine Intersektion von Rassismus und Klassismus. Auch darum wird es in dem Stück gehen.“ Aber eben auch um sozialen Aufstieg und den damit verbundenen Wechsel der sozialen Klasse, den Saliha Shagasi auch selbst erlebt hat. „Der Ausgangspunkt war meine Beobachtung, dass Jogginghosen, vor allem der Marke Adidas, unglaublich präsent sind. Auch bei gut situierten Menschen, die sie beispielsweise auch bei Premierenfeiern tragen. Gleichzeitig ist es aber nicht egal, wer die Hose in einem bestimmten Kontext trägt. Wir thematisieren aber auch die Distanzierung und Entfremdung von der eigenen Familie, die mit dem Klassenwandel häufig einhergehen – die ständige Ambivalenz und das schlechte Gewissen.“

THAO NGUYEN und ASYA-SEVGÜL MERGEN gehören zum insgesamt achtköpfigen Ensemble von „Klassenputtel“. Thảo Nguyễn ist DJ und Kulturschaffende, Asya-Sevgül Mergen arbeitet in Wien. Beide haben einen Klassenwandel durchgemacht und sind zum ersten Mal Teil einer Theaterproduktion.
Foto: Tommy Hetzel
THAO NGUYEN und ASYA-SEVGÜL MERGEN gehören zum insgesamt achtköpfigen Ensemble von „Klassenputtel“. Thảo Nguyễn ist DJ und Kulturschaffende, Asya-Sevgül Mergen arbeitet in Wien. Beide haben einen Klassenwandel durchgemacht und sind zum ersten Mal Teil einer Theaterproduktion.

IN EINER ANDEREN WELT

Darüber sprechen wir auch mit den beiden Spielerinnen Tho Nguyn und Asya-Sevgül Mergen. Beide haben einen Klassenwandel durchgemacht und bringen ihre eigenen Geschichten – zu gewissen Teilen – auch ins Stück ein. Nguyn ist, wie sie erzählt, die Erste in ihrer Familie, die ein Studium abgeschlossen hat. Mit Theater hatte sie bisher nicht besonders viel am Hut. „Ich hatte oft das Gefühl, dass für einen Theaterbesuch das Verständnis bestimmter Codes und Referenzen vorausgesetzt wird, die ich jedoch von zu Hause nicht mitbekommen habe.“

Auf einem Bergbauernhof in der Türkei aufgewachsen, hatte Asya-Sevgül Mergen in ihrer Jugend auch keinerlei Berührungspunkte mit dem Theater. „Manchmal fühlt es sich so an, als ob meine Eltern in einer anderen Welt leben als ich – fast so, als wäre eine weitere Generation dazwischen.“ Bei „Klassenputtel“ mitzumachen, sei eine sehr spontane Entscheidung gewesen, erzählt sie. „Ich hatte Lust, etwas zu machen, wo ich aus mir rausgehen kann und meine Nervosität ein bisschen verliere“, sagt Mergen, die das Gefühl hat, von ihrem Umfeld immer wieder unterschätzt zu werden. „Diese Migrantin weiß, wer Schiller ist?“, zitiert sie eine Aussage.

Auch Scham spiele bei diesem Thema eine große Rolle, fügt Tho Nguyn hinzu. „Wir schämen uns, weil wir bestimmte Codes nicht kennen und beherrschen, lernen dann all diese neuen Dinge und vergessen dabei uns selbst.“

Wenn sie sich wünschen dürften, wie das Publikum den Theaterabend wieder verlässt, was wäre das? „Ich fände es schön, wenn sich die gut betuchten Menschen im Publikum ein bisschen auf den Schlips getreten fühlen und vielleicht erkennen, dass Armut nicht nur ein Gesicht hat. Wir Spieler*innen stellen uns nie als Opfer da, aber ich fände es gut, wenn sie merken, dass sie dieses System mittragen – mit all dem Schmerz, der daran hängt“, so Tho Nguyn.

DIE REGISSEURIN:
Saliha SHAGASI
ist Regisseurin und
Theaterpädagogin.
Gemeinsam mit Anna
Manzano leitet sie die
Community-Abteilung
der BURG. Davor war
sie die Künstlerische
Leiterin des Import
Export Kollektivs am
Schauspiel Köln.
Foto: Tommy Hetzel
DIE REGISSEURIN: Saliha SHAGASI ist Regisseurin und Theaterpädagogin. Gemeinsam mit Anna Manzano leitet sie die Community-Abteilung der BURG. Davor war sie die Künstlerische Leiterin des Import Export Kollektivs am Schauspiel Köln.

RAHMENHANDLUNG

Der Abend findet auf Deutsch und Englisch statt, außerdem in einer Sprache, die zwar geformt, aber trotzdem sehr direkt ist. „Keine Hürde, sondern eine Einladung“, bringt es Shagasi auf den Punkt. Das Stück beginnt mit einer Kunstschau. Im prunkvollen Vestibül hängen sechs Kunstwerke. „Man sagt, dass verschiedene soziale Klassen unterschiedliche Arten von Kunst gut finden. Damit beschäftigen wir uns in der Einstiegsszene.“ Gleichzeitig werden hier die Bilderrahmen eingeführt, die die Spieler*innen das ganze Stück über begleiten.

An der Arbeit mit Community-Spieler*innen findet sie spannend, dass die Menschen, die mitmachen, Spezialist*innen in ihren jeweiligen Themenfeldern sind. Darüber hinaus geht es ihr um die Frage, wer in unserer Gesellschaft eine Bühne bekommt und wessen Geschichte es „wert ist“, erzählt zu werden. Oder anders: Wessen Story bekommt einen solch prunkvollen Rahmen? Bei gleichzeitiger Erlaubnis, diesen immer wieder zu sprengen.

Darum geht‘s in „Klassenputtel“

Das Stück beschäftigt sich mit Klassismus und Klassenwandel wie auch mit der Frage, was äußerliche Marker wie Kleidungsstücke damit zu tun haben. Außerdem: Wie hängt der Wunsch nach Abgrenzung auch mit Blicken und Verurteilungen von außen zusammen?

Hier geht es zu den Spielterminen von "Klassenputtel" im Vestibül/Burgtheater!

Universitätsring 2
1010 Wien
Österreich

Erschienen in
Bühne 02/2026

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Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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