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Samouil Stoyanov beim Proben in der Ukraine.

Samouil Stoyanov beim Proben in der Ukraine.
Foto: Jacob Suske

Heute spielen wir

Volkstheater

Das Ensemble von „Ukrainomania“ über den Krieg als Folie, den Widerstandsgeist der Ukrainer*innen und ein Theater, das noch mehr als anderswo im Hier und Jetzt stattfindet.

Eines vorneweg: Es gab in diesen drei Tagen in Lviv keinen einzigen Raketen- oder Drohnenalarm. ‚You had good luck!‘, sagte eine ukrainische Kollegin zu uns.“ Mit diesen Worten beginnt Stefan Suske, Ensemblemitglied am Volkstheater, von jener Reise zu erzählen, die ihn, seine Kolleg*innen und das Regieteam von „Ukrainomania“ Anfang Dezember in die Ukraine führte. Tatsächlich liegt Lviv, das während der Österreichisch-Ungarischen Monarchie Lemberg hieß und zu Österreich gehörte, im eher ruhigeren Westen des Landes. Es ist jene Stadt, in der der jüdische Schriftsteller Joseph Roth zur Schule ging und in der er Teile seines Studiums absolvierte. Vor dem Zweiten Weltkrieg machte die jüdische Bevölkerung mehr als ein Drittel der gesamten Stadtgemeinschaft aus.

Obwohl der Westen deutlich weniger unter Beschuss steht als andere Teile des Landes, bleibt die gemeinsame Reise in die Ukraine ein Wagnis. „Gegen meine Angst, in ein Kriegsgebiet zu fahren, habe ich mir eine Nintendo Switch 2 gekauft. Um mich abzulenken“, berichtet Schauspieler Samouil Stoyanov in einer Story auf dem Instagram-Kanal des Volkstheaters.

Verfallene Pracht

Startpunkt der Reise ist die gemeinsame Fahrt mit dem Nachtzug. Die Zugverbindung zwischen Wien und Lviv existiert seit mehr als hundert Jahren und verläuft über Ungarn. Es gab sie also auch schon, als Joseph Roth, dessen Leben und Wirken „Ukrainomania“ in Form einer Revue auf die Bühne bringt, noch lebte. Der in Brody, unweit von Lemberg, geborene Schriftsteller verstarb im Jahr 1939 im Pariser Exil. Aus Brody, ebenjener kleinen Stadt im Westen der Ukraine, stammt im Übrigen auch Amalia Freud, die Mutter Sigmund Freuds.

„Ankunft in Lviv mit dem Nachtzug aus Wien. Ein Hauch von Monarchie in den alten Waggons. Auch der Bahnhof: verfallene Pracht. Hier kann man sich Joseph Roth vorstellen, auf seinen Zug wartend, die unvermeidliche Zigarette im Mundwinkel“, setzt Stefan Suske seinen Bericht fort. Draußen hole einen die Gegenwart jedoch rasch ein, wie er daran anknüpfend bemerkt. „Männer kommen im Eilschritt auf dich zu und überbieten sich in Angeboten für Fahrten in Kleinbussen nach Polen. Der Himmel ist grau, leichter Nebel hängt über der Stadt.“

Der Schauspieler, der bei dieser Produktion zum ersten Mal mit seinem Sohn, dem Musiker Jacob Suske, zusammenarbeitet, hat eine Vielzahl an Erkenntnissen aus der Ukraine mit gebracht. Unter anderem: „Das jüdische Leben in Lemberg, wie man es aus Roths Romanen und Berichten kennt, ist unwiderruflich und tatsächlich spurlos verschwunden. Dafür gibt es seit der Wende wieder Kirchen. An die hundert sollen es mittlerweile sein. Auffallend ist auch, dass die Theater, die Museen, die Konzertsäle, die Opern und die Literaturveranstaltungen immer voll sind.“

Das erzählt auch Regisseur Jan-Christoph Gockel, der im Jahr 2024 bereits eine Produktion in Kooperation mit dem Zankovetska Nationaltheater in Lviv realisierte: „Theater als Kunst des Augenblicks hat in der Ukraine aktuell eine besondere Bedeutung. Eine Schauspielerin sagte zu mir: ,Heute leben wir und spielen. Morgen kann eine Rakete mein Haus treffen und ich bin tot. Aber heute haben wir gespielt.‘“ Darüber hinaus ist das Theater in der Ukraine auch eine Form von Widerstand und eine Kunstform, der es trotz der Kriegssituation wie kaum einer anderen gelingt, Gemeinschaft herzustellen.

„Menschen auf der Bühne und im Publikum teilen einen gemeinsamen Moment. Das ist schon viel, wenn das Morgen ungewiss ist“, so der Theatermacher. Schauspieler Stefan Suske fiel auch der Humor der Ukrainer*innen auf, den er als beißend und sarkastisch beschreibt. „‚Ohne Humor du tot!‘, sagte lachend eine unserer ukrainischen Kolleginnen, um dann gleich wieder traurige Geschichten vom Krieg zu erzählen. Vom ‚großen Krieg‘, wie sie ihn hier nennen“, so der Schauspieler. Auch „full scale invasion“ ist ein Begriff, der in der Ukraine häufig genutzt wird, um die seit dem 24. Februar 2022 bestehende Kriegssituation zu beschreiben.

Im Wirbel der Ereignisse

Neben vielen Gesprächen und dem gemeinsamen Durchwandern der Stadt standen auch der künstlerische Austausch und das gemeinsame Spielen mit den Kolleg*innen aus der Ukraine im Fokus der Reise. Die Illustratorin Sofiia Melnyk gehörte schon bei „Wer, verdammt, ist Joseph Roth?“, der ersten Zusammenarbeit Jan-Christoph Gockels mit dem Zankovetska Theater, zum künstlerischen Team. Bei „Ukrainomania“ wird sie wieder als Livezeichnerin Teil des Bühnengeschehens sein. Die Lektüre der Romane von Joseph Roth haben bei ihr vor allem „den Eindruck eines ‚kleinen Menschen‘ hinterlassen, der machtlos vom Wirbel der historischen Ereignisse mitgerissen wird, der hilflos ist angesichts des Drucks, den ein mächtiger Staat ausübt. Auch Nostalgie um ein zerfallenes Imperium spielt in seinen Romanen eine signifikante Rolle. Diese Interpretation ist, gewiss, sehr vereinfacht, wahrscheinlich sogar verzerrt. Aber für mich, wie für die meisten Ukrainer*innen heutzutage, implizieren bestimmte Wörter und Konzepte eine Weltanschauung, die uns jahrhundertelang von einem anderen Imperium propagiert wurde. In diesen Zeiten suche ich im Theater Kraft, Hoffnung, Dialog.“

Wer war Joseph Roth?

Der 1894 in Brody, im damaligen Ostgalizien, geborene Autor wuchs in einem bürgerlichen, jüdischen Elternhaus auf. Er studierte Germanistik in Lemberg und Wien. Roth arbeitete als Journalist, lebte zwischendurch in Berlin und schrieb Romane wie „Hiob“ oder „Radetzkymarsch“, die heute ein wenig in Vergessenheit geraten sind. Vor seinem Tod im Alter von nur 44 Jahren lebte er im Exil in Paris. Er war ein Wanderer zwischen den Zeiten, Staaten und Identitäten. Ukrainomania – ab 15. Jänner 2026 im Volkstheater

Final Sale

Woran man merkt, dass Krieg ist? So lautet eine jener Fragen, die sich Volkstheater-Ensemblemitglied Bernardo Arias Porras im Rahmen der gemeinsamen Reise nach Lviv stellte. „Der Krieg ist in Lemberg, das noch nicht an der Frontlinie liegt, nicht anhand dauernder Bombardements, ständiger Flucht in den nächstgelegenen Bunker und zerstörter Straßenmeilen benennbar“, so die Beobachtung des Schauspielers. Der Krieg ist in Lviv, wie er ergänzt, eher eine Grundsituation, eine Folie, die allem eine neue Bedeutung verleiht.

„Es ist dieser überraschend andere Sinn alltäglicher Dinge und Geschehnisse, die ihn deutlich spürbar machen. Ein Schild im Schaufenster: Final Sale. Eine Eisverkäuferin, die über dem Zitroneneis, dem Schokoladeneis, dem Erdbeereis steht und weint. Ein Mädchen, das sich in einer Bar 40 Minuten lang schminkt, ohne jemanden zu erwarten. Das Lied ‚All I Want for Christmas Is You‘, das aus einem Laden durch die Fußgängerzone weht. Der Himmel, der in Wien höher zu liegen scheint.“

Auch Stefan Suske erstaunte es, mit welcher Trotzigkeit in Lviv Normalität behauptet wird. Und doch ist der Krieg an jeder Ecke spürbar, wie Ensemblemitglied Alicia Aumüller erklärt: „Trotz oder gerade wegen seiner Abwesenheit und der trügerischen Normalität.“ Die Schauspielerin erzählt auch, dass ihr auf den Straßen von Lviv fast nur Frauen, Kinder, Jugendliche und alte Menschen begegnet sind. „Männer zwischen 25 und 60 sieht man wenig, und wenn, dann oft in Uniform oder mit einem Militärrucksack auf dem Rücken. Kirchen und Denkmäler sind aus Schutz vor Splittern bei Einschlägen provisorisch abgedeckt, eingerüstet und verrammelt.“

Foto: Jacob Suske

Die Auseinandersetzung mit Joseph Roth helfe ihr dabei, ihre eigene Situation – und die vieler anderer Ukrainer*innen – besser zu verstehen, sagt die Dramaturgin Oksana Lemishka. „Joseph nannte Hotels sein Zuhause. Er wechselte Zimmer, Städte, Religionen, Arbeitgeber viel zu oft. Sein Leben, sagt man, war eine ständige Flucht. Ich sehe es jedoch als eine Art Suche. Die Suche nach dem eigenen Platz in dieser Welt. Also steigen Sie ein, fahren Sie mit! Begeben Sie sich gemeinsam mit uns auf diese Suche.“

Sicher ist: Die Reise des „Ukrainomania“- Ensembles endete nicht, als der Zug wieder in den Wiener Hauptbahnhof einfuhr. Sie geht weiter – bei jeder Probe und jeder Vorstellung.

Jacob Suske ist Musiker
und hat die Ukraine-Reise fotografisch festgehalten.
Foto: Jacob Suske
Jacob Suske ist Musiker und hat die Ukraine-Reise fotografisch festgehalten.

Hier geht es zu den Spielterminen von "Ukrainomania" im Volkstheater!

Arthur-Schnitzler-Platz 1
1070 Wien
Österreich
Foto beigestellt

Erschienen in
Bühne 01/2026

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Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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