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Jan-Christoph Gockel über „UKRAINOMANIA“.

Jan-Christoph Gockel über „UKRAINOMANIA“.
Foto: Paul Hutchinson

Politische Poesie

Volkstheater

Jan-Christoph Gockels Theater ist Rock ‘n‘ Roll. Es ist auch: Schauspiel, Musik, Illustration, Humor, Groteske und Menschenliebe. Und manchmal ist es auch eine Zugfahrt in die Ukraine, um dort nach den Spuren Joseph Roths zu suchen. Sicher ist: Es ist ein Erlebnis. Für alle.

Wie möchten Sie sich diesem Thema annähern? So oder so ähnlich könnte eine entspannte Einstiegsfrage in ein Gespräch mit einem Theaterregisseur oder einer Theaterregisseurin lauten. Ein klassischer Eisbrecher, wenn man so möchte. Den braucht es jedoch nicht, wenn man sich mit Jan-Christoph Gockel unterhält. Nach der Probe ist der vielbeschäftigte Regisseur immer noch voll in Fahrt, plaudert sofort drauflos und hält seine in beachtlicher Geschwindigkeit geformten Ge- danken lässig auf Schiene. Der in der Nähe von Kaiserslautern geborene Theatermacher gehört außerdem zu jener Sorte Regisseur*innen, die selbst solch entspannten Einstiegsfragen mit dem genau richtigen Maß an Spannung begegnen. Wobei man in seinem Fall vielleicht sogar von leichter Anspannung sprechen könnte, denn wenige Tage nach unserem Gespräch wird er mit seinem Ensemble in die ukrainische Stadt Lviv reisen. Vorher kommen die ukrainischen Kolleg*innen aber noch nach Wien, wie er freudestrahlend bemerkt.

Ein guter Zeitpunkt, um aufzulösen, welches Stück Jan-Christoph Gockel, der zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder in Wien arbeitet, gerade probt: „Ukrainomania“ ist eine Auseinandersetzung mit dem Leben des Schriftstellers Joseph Roth, entsteht in Kooperation mit dem Zankovetska Nationaltheater in Lviv und ist ab 15. Jänner auf der Bühne des Volkstheaters zu sehen.

Wie nähert er sich nun diesem Schriftstellerleben? Die kurze Antwort: mit dem Nachtzug, der, wie Jan-Christoph Gockel berichtet, jeden Abend fast voll besetzt von Wien nach Lviv aufbricht. Die etwas längere Version könnte folgendermaßen aussehen: mit Haut und Haar, mit unbändiger Neugierde und mit dem Wunsch nach realer Verbindung. Aber auch mit einer Vielzahl an Gesprächen und zahlreichen Büchern wie etwa „Auf der Sandbank der Zeit“ des Osteuropa-Experten Karl Schlögel, aus dem der Regisseur im Laufe des Interviews zitiert.

Zur Person: Jan-Christoph Gockel

studierte in Gießen und Regie an der „Ernst Busch“ in Berlin. Gemeinsam mit dem Puppenbauer Michael Pietsch gründete er „peaches&rooster“. Ihre Inszenierungen und Filme sind im deutschsprachigen Raum, aber auch international zu sehen. Jan-Christoph Gockel ist Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen.

UKRAINOMANIE

Es ist nicht das erste Mal, dass Jan-Christoph Gockel seit Beginn des russischen Angriffskriegs in die Ukraine reist. „An den Münchner Kammerspielen habe ich im Jahr 2023 das Stück ‚Green Corridors‘ der ukrainischen Dramatikerin Natalka Vorozhbyt inszeniert. Nach einer der Vorstellungen bin ich mit einer unserer ukrainischen Spieler*innen nach Kyjiw gefahren, blieb für eine Woche und kam unter anderem mit dem Intendanten des Nationaltheaters in Lviv in Kontakt. Er hat mich gefragt, ob wir gemeinsam etwas machen möchten.“

Bei der Stoffsuche stießen Jan-Christoph Gockel und sein Team auf den 1894 im ostgalizischen Brody geborenen Schriftsteller Joseph Roth. Auf der Kammerbühne des Nationaltheaters kam im Herbst 2024 schließlich die mehrsprachige Arbeit „Wer, verdammt, ist Joseph Roth“ auf die Bühne, eine Vorstufe zu dem etwas umfangreicheren Projekt, das der Regisseur nun mit der ukrainischen Schauspielerin Solomiia Kyrylova, Ensemblemitgliedern des Volkstheaters, dem Musiker Jacob Suske wie auch mit der ukrainisch-deutschen Live-Illustratorin Sofiia Melnyk auf die Bühne bringt.

Die Zugreise mit dem Ensemble sei auch deshalb von Bedeutung, weil es ziemlich genau hundert Jahre zurückliegt, dass der mehrfach entwurzelte Joseph Roth ebenfalls in seine alte Heimat aufbrach, erklärt der Theatermacher, dem ein gewisser Forschergeist nicht abzusprechen ist. „Auch der Titel des Stücks stammt von ihm. In einem Text für die ,Frankfurter Zeitung‘ schrieb er, dass Länder immer dann berühmt werden und plötzlich Eingang in Varietés finden, wenn sie unter Beschuss stehen. Als Nation muss man erst am Abgrund stehen, um weltberühmt zu werden. Damit spielen wir auch in unserer Inszenierung. Wie auch mit dem Humor und der großen Wehrhaftigkeit, die in seinen Texten stecken.“

Im Theaterbesuch liegt etwas Widerständiges, gleichzeitig ist es auch ein Festhalten an Gemeinschaft.

– Jan-Christoph Gockel über die vollen Theatersäle in der Ukraine

Wer war Joseph Roth?

„Ukrainomania“ wird aus zwei Teilen bestehen, erzählt der Regisseur. Der erste Part, so Gockel, spielt bei Roths Beerdigung im Pariser Exil im Jahr 1939. Schon damals war man sich nicht sicher, wo er denn nun dazugehörte. War er Jude oder Christ, Monarchist oder Sozialist, Realist, Menschenfeind oder Romantiker? „Niemand weiß genau, wer Joseph Roth eigentlich war“, hält der Regisseur fest. Und auch er möchte in „Ukrainomania“ keinesfalls so tun, als wüsste er es. Er sei auch kein Fan von Biopics, die eine „unangenehme Nähe herstellen“ und vorgeben, einen Menschen zur Gänze durchdrungen zu haben. „Ich mag beispielsweise den Film ‚I am not there‘, in dem mehrere Schauspieler*innen Bob Dylan verkörpern, sehr viel lieber als den neuen Film mit Timothée Chalamet.“

Im zweiten Teil des Abends klettert Joseph Roth aus seinem Grab und die Reise nach Lviv beziehungsweise Lemberg beginnt. Darüber könne er zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht so viel sagen, fügt Jan-Christoph Gockel lachend hinzu. „Wir werden erst sehen, was passiert, wenn wir in diesen Zug steigen und losfahren.“ Das Reisen taucht in den Arbeiten des Regisseurs sowohl thematisch als auch als künstlerisches Arbeitsprinzip regelmäßig auf. Immer wieder auch in Koproduktionen mit internationalen Kulturinstitutionen. Dabei geht es dem Regisseur jedoch immer darum, voneinander zu lernen – „nicht nur zu betrachten, sondern auch sich selbst zur Betrachtung herzugeben“. Von kulturimperialistischen Anwandlungen fehlt jede Spur. Für ein Stück am Deutschen Theater reise er demnächst in die Antarktis, fügt er hinzu.

„Manchmal bemitleiden mich Menschen, weil ich auf meinen Reisen immer arbeite. Die Verbindung, nach der ich suche, entsteht für mich aber vor allem in der gemeinsamen Arbeit.“

Zum Stück: Darum geht‘s in „Ukrainomania“

Wer war Joseph Roth? Selbst an seinem Grab im Pariser Exil wusste man es nicht. Der heimatlose Schriftsteller bezeichnete sich selbst unter anderem als „Hotelpatriot“. Das Ensemble von „Ukrainomania“ begibt sich reisend, forschend und spielend auf seine Spuren.

Erinnerungen im Kühlschrank

In „Ukrainomania“ möchten er und sein Team vor allem das Leben der Menschen im Krieg in den Vordergrund rücken – das Unterwegssein, das Existieren im Korridor, in einer Art Zwischenzustand. „In den Nachrichten geht es in der Regel um politische Fakten, um Waffenlieferungen und Verträge. Das ist wichtig, hat aber auch etwas Kaltes und lässt uns, die wir tagtäglich damit konfrontiert sind, irgendwann auch abstumpfen.

In meiner Arbeit interessiert mich die menschliche Ebene. Solomiia hat uns zum Beispiel erzählt, dass sie persönliche Erinnerungen in Frischhaltebeutel gepackt hat und sie im Kühlschrank aufbewahrt. Das wirft die Frage auf, welche Möglichkeiten es gibt, um in einer Kriegssituation Erinnerungen aufzubewahren. Für mich liegt die Kraft des Theaters in dieser poetischen Wahrheit – in einer politischen Poesie.“

Wenn er sich wünschen dürfte, wie die Zuschauenden „Ukrainomania“ wieder verlassen – was wäre das? „Schön wäre, wenn sich eine Nähe zur Stadt Lviv, wo Roth einst studierte, und zu den Menschen dort einstellt. Humor spielt dabei eine wichtige Rolle“, so die Antwort des Regisseurs. Dass die Zugverbindung zwischen Wien und Lviv immer noch besteht, kann durchaus auch als Zeichen dafür verstanden werden, dass auch die geistige und künstlerische Verbindung keinesfalls abreißen darf.

Jan-Christoph Gockel möchte auch, dass der Theaterbesuch ein Erlebnis ist, das im allerbesten Fall alle Sinne anspricht. Außerdem hat er keine Lust, sich und sein Theater in Schubladen stecken zu lassen. In einem Blogbeitrag beschrieb es Solomiia Kyrylova einmal so: „Die Zusammenarbeit mit Jan und dem gesamten Team war Rock ’n’ Roll, das liebe ich.“ Das Abwehren von Kategorisierungsversuchen eint ihn mit Joseph Roth. Und auch mit Bob Dylan, der 1965 in einem Interview betonte:

„All I can ever do is be me whoever that is.“

Hier geht es zu den Spielterminen von „Ukrainomania“ im Volkstheater! 

Arthur-Schnitzler-Platz 1
1070 Wien
Österreich
Foto beigestellt

Erschienen in
Bühne 01/2026

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Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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