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Anna Marboe studierte Regie am Max Reinhardt Seminar und inszenierte seither unter anderem am Münchner Volkstheater, am Schauspielhaus Wien und im Kosmos Theater Wien. Außerdem ist sie unter dem Künstlerinnennamen Anna Mabo als Musikerin tätig.

Anna Marboe studierte Regie am Max Reinhardt Seminar und inszenierte seither unter anderem am Münchner Volkstheater, am Schauspielhaus Wien und im Kosmos Theater Wien. Außerdem ist sie unter dem Künstlerinnennamen Anna Mabo als Musikerin tätig.
Foto: HELENE PAYRHUBER

Anna Marboe: Wird schon!

Volkstheater

Kann eine zehnstufige Morgenroutine dabei helfen, sich ein bisschen Kontrolle über das eigene Leben und die Welt zurückzuerobern? Anna Marboe über Selbstoptimierung, die Schönheit von Gemeinschaft und das Stück „Liv, Love, Laugh Strömquist“.

In Zeiten, in denen die Welt um einen herum zu zerbröseln scheint, ist man geneigt, alles daran zu setzen, zumindest das eigene kleine Leben so gut es geht zusammenzuhalten. Wenn es sein muss, auch mit einem überteuerten Matcha Latte, der sich auch in seiner zuckerfreien Variante überraschend gut als Kleister gegen die eigene Zerbröckelung eignet. Zumindest kurzfristig. Wenn selbst der seine Wirkung verfehlt, lässt sich das leicht poröse Selbst vielleicht mit ein paar vitaminhaltigen Gummibärchen wieder zusammenkleben. Zumindest oberflächlich. Und wenn das auch zu nichts führt, dann viel- leicht tatsächlich: Achtsamkeitsjournal und Reformer Pilates.

Im Jänner, also zu jener Zeit, in der Pilatesstudios wohl den größten Kund*innenzuwachs verzeichnen, treffen wir die Regisseurin und Musikerin Anna Marboe auf der Probebühne des Volkstheaters. Draußen ist es klirrend kalt, drinnen herrscht wohlig-warme Betriebstemperatur. Es wird nachbesprochen und zusammengepackt. Schauspieler Nicolas Frederick Djuren spielt noch ein paar Töne auf der Gitarre.

„Live, Love, Laugh Strömquist“ heißt das Stück, das sie gerade mit ihrem Ensemble erarbeitet. Ihre Choreografin Felicia Nilsson hätte sie auf das Stück gebracht, so Marboe. Im Text der feministischen Comic-Zeichnerin Liv Strömquist und der Dramatikerin Ada Berger geht es um den omnipräsenten Wunsch nach Selbstoptimierung wie auch um damit verbundene Glaubenssätze. Stichwort: Du kannst nur lieben, wenn du dich selbst liebst. So richtige Vorsätze für das neue Jahr hätte sie nicht, sagt Anna Marboe lachend. „Ich würde mich gern ein bisschen weniger fürchten. Und vielleicht ein bisschen öfter in den Zoo gehen.“

Darum geht’s in „Liv, Love, Laugh Strömquist“

Wie gelingt ein gutes Leben? Sinnfluencer*innen, Life Coaches und Autor*innen von Self-Help-Büchern haben unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Doch woher rührt der Wunsch nach ständiger Selbstoptimierung? Das Stück von Liv Strömquist und Ada Berger leuchtet diese Themen aus.

ZWISCHEN KONTROLLE UND CHAOS

Über die Furcht werden wir etwas später noch sprechen, zuerst geht es um das Stück, das sich, so Marboe, unter anderem damit auseinandersetzt, dass der Wunsch, sich selbst zu optimieren, häufig aus der eigenen Machtlosigkeit angesichts der komplexen Weltlage erwächst. „Es ist der hilflose Versuch, irgendetwas unter Kontrolle zu bringen. Und das Einzige, wo das möglicherweise funktioniert, ist das eigene kleine Leben. Daher bin ich auch davon überzeugt, dass große Krisen und kleine Probleme einander nicht ausschließen, sondern eher potenzieren.“

Es sei ein andauernder Schwebezustand zwischen Kontrolle und Chaos, in dem man versucht, sein Glück zu finden, so die Regisseurin. Ein Satz, der sich auch auf das Theater umlegen lässt. Vor allem auf das Theater von Anna Marboe, das, wie sie erklärt, eher wie eine Band funktioniert. „Nach der Schauspielschule dachte ich, dass ich als Regisseurin immer alles wissen muss. Mittlerweile sehe ich meine Aufgabe eher darin zu beobachten und all jene Dinge, die von den an einer Theaterproduktion beteiligten Menschen eingebracht werden, zu ordnen.“ Geht es nach Anna Marboe, ist Theater also eindeutig Teamsport. Oder: die allerbeste Form von Schwebezustand, nämlich jene, in der irgend wann alle gemeinsam loslassen und abheben. Die Tatsache, dass es ohne Gemeinschaft nicht geht, ist auch in das Stück eingeschrieben.

„Für mich ist dieser Text und der Comic, auf dem er basiert, auch ein Aufruf, ein Wir zuzulassen und in die Begegnung zu gehen“, merkt die Regisseurin an. In einer Zeit, in der man andauernd suggeriert bekommt, die Lösung läge in der Arbeit an sich selbst, im Alleinsein und im Rückzug sei das ein sehr schöner und herrlich unzeitgemäßer Ansatz, fügt sie hinzu. Ganz unter Kontrolle bekäme man das Leben nämlich auch in den eigenen vier Wänden nicht. Auch nicht mit Duftkerzen, Facial Yoga und Shakti Mat.

„Also lieber offen sein für das Chaos, das andere Menschen in das eigene Leben bringen. Eine Spielerin hat kürzlich den folgenden Satz gesagt: „The cost of community is inconvenience.“ Das stimmt. Und davor fürchtet man sich. Aber es hält einen auch lebendig“, bringt es Anna Marboe auf den Punkt und schlägt damit den Bogen zu ihrer eigenen Furcht. „Vielleicht würde ich mich weniger fürchten, wenn ich mit einem genauen Plan auf die Probe käme, den ich einfach durchziehe. Das wäre jedoch nicht nur wahnsinnig einsam, sondern auch eine immense Selbstüberschätzung – zu glauben, dass man allein genialere Ideen hat als zwanzig verschiedenen Leute mit zwanzig unterschiedlichen Lebensrealitäten. Theater besteht einfach aus den Menschen, die es machen. Und im Grunde kann ja auch nichts Arges passieren.“

In diesem Zusammenhang erwähnt die 1996 in Wien geborene Regisseurin und Musikerin auch die Resonanztheorie des bekannten Soziologen Hartmut Rosa. „Resonanz ist etwas, das man nicht kontrollieren kann“, so Marboe. „Wie die Liebe, zum Beispiel. Man kann es sich nicht aussuchen, wann man sich verliebt und in wen. Es passiert einfach, wenn man offen dafür ist. Ursprünglich kommt der Begriff aus der Physik und beschreibt ein Mitschwingen. Ich glaube, dass das Theater ein guter Ort für Resonanzerfahrungen ist.“

Für mich ist dieser Text auch ein Aufruf, ein Wir zuzulassen und in die Begegnung zu gehen. Ein herrlich unzeitgemäßer Ansatz.

– Anna Marboe, Regisseurin & Musikerin

SCHÖNE INEFFIZIENZ

Darüber hinaus sei das Theater aber noch aus einem anderen Grund ein perfekter Gegenpol zum Versuch, das eigene Leben mittels verschiedenfarbiger Bulletpoints durchzutakten und zu optimieren, erklärt die Regisseurin. „Es hat so eine schöne Ineffizienz. In der Zeit, wo man früher einen Brief geschrieben hat, schreibt man heute acht E-Mails. Das Theater lässt sich aber nicht beschleunigen. Im Gegenteil. Man probt sechs bis acht Wochen, um dann einen Abend zu haben, der zwischen 90 und 120 Minuten dauert. Das Endprodukt ist also viel kleiner als die ganze Lebenszeit, die da drinsteckt. Und das ist ein Riesengeschenk.“

An Liv Strömquists Arbeit schätzt sie, dass sie niemals das Individuum beschuldigt, sondern immer das System, in dem die Menschen stecken. „Diesen neugierigen, liebevollen Ansatz, mit solch deprimierenden Umständen umzugehen, finde ich sehr inspirierend“, hält sie fest. Im Gegensatz zu den Graphic Novels der Schwedin, kommt ihr Theaterstück jedoch ohne die explizite Erwähnung von theoretischen Ansätzen und ihren Urheber*innen aus. „Bei all meinen Arbeiten wünsche ich mir, dass das Publikum beschenkt und bereichert wieder rausgeht“, hält Marboe fest. „Dabei muss es sich aber nicht immer um Hard Facts handeln, sondern das können auch sinnliche Erfahrungen sein. Oder vielleicht einfach das inhärent friedliche Erlebnis, mit so vielen Leuten in einem Raum zu sitzen und etwas gemeinsam zu erleben.“ Eines ist sicher: Bei „Liv, Love, Laugh Strömquist“ wird es etwas zu erleben geben. Und der Rest? Wird sich zeigen.

„Ich bin jetzt schon eine Zeit auf dieser Erd’n. Und ich bin noch nicht, was ich bin. Aber ich glaub, ich bin am Werden“, singt Anna Marboe im Refrain ihres Songs „Am Werden“. Also: abwarten und Matcha Latte trinken.

Hier geht es zu den Spielterminen von „Liv, Love, Laugh Strömquist“ im Volkstheater!

Arthur-Schnitzler-Platz 1
1070 Wien
Österreich
Foto beigestellt

Erschienen in
Bühne 02/2026

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Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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