Zum Inhalt springen

Shelly Kupferberg arbeitet als Autorin, Journalistin und Moderatorin. Sie wuchs in Westberlin auf und begann schon früh, für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu arbeiten. Nach „Isidor" erscheint nun ihr zweites Buch mit dem Titel „Stunden wie Tage".

Shelly Kupferberg arbeitet als Autorin, Journalistin und Moderatorin. Sie wuchs in Westberlin auf und begann schon früh, für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu arbeiten. Nach „Isidor" erscheint nun ihr zweites Buch mit dem Titel „Stunden wie Tage".
Foto: Heike Steinweg

Ein Stück Geschichte: Shelly Kupferberg über „Isidor“

Burgtheater

Schicht für Schicht gab Autorin Shelly Kupferberg ihrem schillernden Urgroßonkel Isidor seine Geschichte zurück. Regisseur Philipp Stölzl bringt sein Leben nun im Akademietheater auf die Bühne.

Ein Silberbesteckkasten. Mehr blieb von dem in der Wiener Gesellschaft hoch angesehenen Kommerzialrat Isidor Geller nicht übrig. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich wurde dem Opernliebhaber und Selfmademan sein gesamtes Hab und Gut weggenommen. Mit dem Wunsch, ihm seine Geschichte zurückzugeben, brachte seine Urgroßnichte, die Journalistin Shelly Kupferberg, die zentralen Stationen seines Lebens zu Papier. „Es war der Versuch, ihm eine Geschichte – seine Geschichte – wiederzugeben. Eine Art späte Anerkennung seines Lebensweges“, so Kupferberg, die zunächst vor allem privates Interesse antrieb.

„Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn nichts von ihm übrigbleibt?“, stand plötzlich als zentrale Frage im Raum. In erster Linie: Geschichten. Immaterielle Berührungspunkte – weniger gut greifbar als tatsächliche Gegenstände, manchmal schier unbegreifbar. „Das sind meine eigentlichen Erbstücke“, wie die Autorin betont. „Nachdem in meiner Familie fast alles vernichtet wurde, gab es kaum Dinge, die weitergegeben werden konnten. Außer Geschichten. Das brachte mich wiederum zu den Gedanken, dass die Geschichte ja voller Geschichten steckt.“

Einige davon erfuhr sie über ihren Großvater Walter Grab, der in den 1930er-Jahren regelmäßig das Palais seinen Onkels Isidor besuchte. Andere erschlossen sich über Briefe. „Mein Goldschatz“, wie Kupferberg mit Nachdruck festhält. „Plötzlich hatten all die Menschen, über die ich durch meine Recherche schon so viel wusste, Körper und Stimmen. Eine Dreidimensionalität. Ganze Nächte habe ich – atemlos und mit leichtem Herzrasen – mit dem Lesen dieser Briefe verbracht. Vor meinem inneren Auge passierte plötzlich so eine Art Kopfkino – die Figuren wurden lebendig.“

„Isidor – ein jüdisches Leben“ erschien 2022 bei Diogenes.
„Isidor – ein jüdisches Leben“ erschien 2022 bei Diogenes.

Der Auseinandersetzung mit den Briefen ging eine intensive Recherchephase in Wiener Archiven voraus, erzählt sie. „Anfangs war es eine reine Privatrecherche, ganz ohne jeglichen Verwertungsgedanken. Im Rahmen einer Konferenz über NS-Raubkunst und Provenienzforschung, die ich moderiert habe, dachte ich plötzlich an diesen vermögenden Urgroßonkel in Wien, der scheinbar in einem Palais gelebt hat, in dem viele Kunstwerke hingen. Daraufhin habe ich mich auf seine Spuren begeben. Ich wollte wissen: Gab es Isidor Geller wirklich oder war er so etwas wie eine Familienlegende?“

Dazu mischte sich, so Shelly Kupferberg, ihre anhaltende Faszination für Menschen, die sich am eigenen Schlafittchen aus der Misere gezogen haben, wie es auch ihr Großonkel Isidor, der in ganz armen Verhältnissen in Ostgalizien aufwuchs, getan hat.

Als die Recherche immer tiefgreifender und das Material immer umfangreicher wurde, dachte Kupferberg darüber nach, ein Radio-Feature daraus zu machen. „Es wuchs und wucherte vor sich hin und wurde immer mehr. Bis mir plötzlich klar wurde, dass ich die Geschichte in Buchform niederschreiben möchte. So habe ich es schlussendlich gewagt und begonnen, diese Geschichte so aufzuschreiben, wie sie in meiner Vorstellung bereits existierte – mit meiner Recherchearbeit als Fundament.“

Leerstellen und Blackboxes

Trotz der Fülle an Materialien, Geschichten und übereinandergeschichteten Dokumenten blieben einige Leerstellen und Blackboxes, betont die in Berlin lebende Journalistin. Gemeinsam mit ihrer Lektorin begann sie, zu überlegen, wie sie damit umgehen möchte. Und kam schließlich zu folgender Lösung: Um die für Isidors Geschichte zentrale Frage, warum er trotz seiner Informiertheit und finanziellen Möglichkeiten in Wien blieb und nicht ins Exil ging, besser nachvollziehbar zu machen, musste eine fiktive Figur her – der Schneider Goldfarb. „Es war mir wichtig, dass Isidor einen Sparringpartner hat, mit dem er diskutieren kann“, erläutert Kupferberg und setzt nach: „Ich habe mich im Zuge meiner Recherche unter anderem sehr umfassend damit beschäftigt, wie Juden und Jüdinnen diese Zeit interpretiert haben. Es gab jene Fraktion, die im Zionismus eine Verheißung sah und deshalb nach Palästina emigrierte. Andere waren so orthodox, dass sie davon überzeugt waren, dass Gott alles für sie regeln würde. Dann gab es jene, die in andere Länder emigrierten wie auch jene, die sich mit dem Zionismus nicht identifizieren konnten und davon überzeugt waren, dass sie durch ihre Flucht erst recht beweisen würden, dass sie nicht in diese Stadt und dieses Land gehören. Zu letzterer Gruppierung gehörte Isidor.“

Seine Geschichte konnte Shelly Kupferberg ihrem Urgroßonkel zwar zurückgeben, die Suche nach den Gegenständen und Kunstwerken, derer er beraubt wurde, gestaltete sich jedoch deutlich schwieriger. Immer wieder landete die Journalistin und Autorin in Sackgassen. „Ich hatte sehr viel Hilfe von großartigen Provenienzforschenden, Archivarbeiter*innen und Bibliothekar*innen. Die Spuren haben sich jedoch immer wieder verloren. Vielleicht weil manche Dinge schon lange in Privatbesitz sind, Bilder bei Privatpersonen über dem Kamin hängen. Da kommt man einfach nicht heran.“

Ein Wiener Stoff 

Vor knapp drei Jahren fragte sie der Theater- und Filmregisseur Philipp Stölzl, ob sie sich vorstellen könne, dass der Text auf die Bühne kommt. „Ich war überwältigt. Vor allem, als er die Burg erwähnte. Gleichzeitig hat seine Aussage, dass dieser Stoff unbedingt in Wien gezeigt werden muss, für mich absolut Sinn ergeben“, erinnert sich Kupferberg. Nun freue sie sich sehr darüber, mit wie viel Wärme und Neugierde sie vom Ensemble empfangen wurde. „Ich empfinde es als großes Privileg, in dieser Anfangsphase der Proben dabei sein zu dürfen“, hält sie fest. Fast hätte sie das Wintersturmtief „Elli“ jedoch davon abgehalten, erzählt sie. Doch das ist wieder eine andere Geschichte.

Shelly Kupferberg kommt direkt aus jenem Palais, das Isidor vor der Folter durch die Nationalsozialisten und seinem Tod bewohnte, zu unserem Gespräch ins Burgtheater. Sie seien mit dem ganzen Ensemble dort gewesen, berichtet sie. Die Energie, mit der sie von dem gemeinsamen Termin erzählt, ist ansteckend und lässt durchblitzen, mit wie viel Engagement sie sich wohl in die Recherche für ihr Buch geworfen hat.

Wir sprechen auch darüber, welchen Zugriff sich Philipp Stölzl, der an der BURG zuletzt „Liliom“ inszenierte, für den im Akademietheater gezeigten Abend überlegt hat. Shelly Kupferberg setzt sogleich zu einem kleinen Einblick an: „Er hatte ziemlich früh die Idee, die Beziehung zwischen Isidor und der Sängerin Ilona Hajmássy ins Zentrum zu rücken und von dieser Begegnung aus die Geschichte zu erzählen. Rasch kamen Fragen auf wie: Was wäre gewesen, wenn Isidor mit Ilona nach Hollywood gegangen wäre? Haben sie sich wirklich geliebt? Die Idee war außerdem, dass in jenem Moment, in dem Isidor im Kerker sitzt und unterschreibt, dass sein gesamter Besitz an die neuen Machthaber übergeht, Ilona ihren Vertrag für Hollywood unterzeichnet. Diese Gleichzeitigkeit hat uns interessiert. Wie auch die Tatsache, dass sich beide aus ärmlichen Verhältnissen emporgearbeitet haben. Für mich hat sich das Nachdenken darüber ein bisschen wie eine Familienaufstellung angefühlt.“

Bevor sich unsere Wege wieder trennen, ist Wien noch einmal Gesprächsthema. Lee„Er war ein sehr wichtiger Mensch in unserem Leben. Wir haben ihm viele Fragen gestellt und wir haben deutlich gespürt, dass ihn nichts so berühren konnte wie Wien, die deutschsprachige Literatur und die deutsche Sprache. Er hat diesen Rausschmiss, wie er es nannte, nie verkraftet. Er hat auch gesagt, dass er zum ersten Mal 'gestorben' sei, als er Wien verlassen musste. Die Einladung, Ehrenbürger der Stadt zu werden, hat er – nach einiger Überlegung und voller Ambivalenzen – dann doch angenommen, aber die Einladung, zurückzukehren, konnte er nicht annehmen. Zu tief saß der Schmerz, war die Verletzung.“

Mit genau jener Ambivalenz und diesem Schmerz sei sie aufgewachsen, so Kupferberg, deren zweites Buch mit dem Titel „Stunden wie Tage“ im März im Diogenes Verlag erscheint. Sie selbst hätte sich während ihrer Recherchen für „Isidor“ sehr in die Stadt verliebt, fügt sie hinzu. „Ich bin Isidor wahnsinnig dankbar, dass er mich hierher zurückgeführt hat – zu diesem Strang meiner Familiengeschichte, von dem ich überhaupt nicht geahnt habe, was er mir alles schenken würde.“

Erschienen in
Bühne 02/2026

Zum Magazin

Jetzt bestellen

Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
Autor
Mehr zum Thema
1 / 11