Markus Kofler: 1 Mann, 21 Rollen
Multiple Persönlichkeit. Markus Kofler ist ein sensibel gewartetes Theatertriebwerk. Auf der Bühne verkörpert er die konträrsten Figuren, zuweilen im selben Stück. Was man dafür braucht? Einen Pool an Ideen.
Perkins, König Otto von Ormstein, Professor Moriarty, Mrs. Gasner, Paddy Keys, Gepäckträger, Nofretete, Mycroft Holmes, Lestrade, Barkeeper: Sie alle spielt Markus Kofler im „Sherlock Holmes“-Abenteuer in den Kammerspielen. Dazu kommen aktuell fünf Figuren im Weihnachtsmärchen „Miss Scrooge“ und sechs in „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Macht 21 Rollen in drei Stücken.
„Anscheinend ist das eine Qualität, die ich habe, ohne dass ich sie bewusst forciere“, beantwortet er die Frage, ob ihm, was die darstellerische Flexibilität betrifft, mittlerweile ein gewisser Ruf vorauseile. „Schon bei meinem ersten Stück in den Kammerspielen – ,Monsieur Claude und seine Töchter‘ – habe ich sechs Rollen gespielt. Grundsätzlich ist das gar keine so große Herausforderung, sofern man zu jedem Charakter einen Zugang findet und sich die Umzüge ausgehen. Man benötigt einen Pool an Ideen, dann funktioniert das schon.“
Vertauschtes Spiel
Rhythmus, Timing und Dynamik kommen bei Markus Kofler fraglos von seiner musikalischen Vergangenheit. Denn ursprünglich wollte der gebürtige Villacher – Großvater Kapellmeister, Vater Trompeter, Mutter Kirchenorganistin, Onkel Kontrabassist – Pianist werden.
„Schon die Aufnahmeprüfung für das Klavierstudium war sehr selektiv und erforderte eine intensive Vorbereitung. Später habe ich bis zu acht Stunden täglich im stillen Kämmerlein geübt und wusste dennoch, dass ich selbst mit größter Anstrengung nur ein gewisses Niveau erreichen würde können. Meine Perspektive hieß Klavierlehrer, vielleicht noch Ensemble, aber mehr nicht. Das hat mich in eine ziemliche Krise gestürzt, ich bin regelrecht ausgebrannt. Am Ende habe ich bei Vorspielstunden und im Unterricht nur noch gezittert.“
Er brach das bereits weit fortgeschrittene Studium schließlich ab und wechselte in einem längeren Prozess vom Klavier- zum Schauspiel. „Bereits während meiner Schulzeit habe ich für ein Sommertheater als Bühnentechniker gearbeitet. Später bin ich bei einer Truppe gelandet, die zur einen Hälfte aus Laien und zur anderen aus Profis bestand und von Michael Weger, dem heutigen Intendanten der Neuen Bühne Villach, geleitet wurde. Er hat irgendetwas in mir gesehen und mich immer wieder besetzt.“
Ein Schauspielstudium sei für ihn nicht infrage gekommen – „ich wollte keine Institutionen mehr“ –, er habe aber dennoch erfolgreich die Bühnenreifeprüfung vor der paritätischen Kommission abgelegt.
Sein erstes bezahltes Engagement war bei den Frankenfestspielen Röttingen nahe Würzburg, wo er in „Der Widerspenstigen Zähmung“ den Diener Biondello spielte. „Eine kleine Rolle, die ich aber gut gerockt habe, sodass es Schritt für Schritt weiterging. Ich habe lange Zeit buchstäblich aus dem Koffer gelebt und bin stets da hingezogen, wo der nächste Job auf mich gewartet hat.“
Quer durch den gesamten deutschsprachigen Raum. „Heute bin ich sehr froh, dass es so war, denn, wie der Name schon sagt, ist man in der freien Szene auch künstlerisch freier. Ich habe mit großartigen Menschen aus den unterschiedlichsten Sparten – Tänzer, Akrobaten, Pantomimen, Komödianten – zusammengearbeitet und die schrägsten Sachen gemacht. Das füllt den eigenen Topf an Fähigkeiten. Zugleich lebt man aber auch in prekären Verhältnissen.“
Die dabei erworbene physische Ausdruckskraft sei ein wichtiger Teil des Berufs und präge auch seine Spielweise. „Der Körper ist mein Instrument.“ Von Bühnenkampf über Seiltanz bis hin zu Handstandakrobatik kann Markus Kofler Fähigkeiten vorweisen, die im Schauspiel nicht alltäglich sind.
Offene Zukunft
Das könnte dem Theaterpassionisten fortan nutzen. Denn er zählt zu jenen Schauspieler*innen, die von der designierten neuen Josefstadt-Direktion nicht übernommen wurden. „2016 bis August 2026“ steht deshalb – auf eigenen Wunsch – schon jetzt unter seinem Namen auf der Homepage des Theaters. „Man muss das kommunizieren, um Regisseur*innen wieder auf sich aufmerksam zu machen. Sonst fragt einen doch niemand mehr an, weil man als Ensemblemitglied ohnehin kaum Zeit für anderes hat. Aber jetzt, wo ich bald wieder ein freier Schauspieler sein werde, hat sich die Situation geändert.“
Er habe bereits Pläne, die aber noch nicht spruchreif seien. „Vielleicht wären nach fast 30 Berufsjahren auch ein paar Monate Pause nicht schlecht, um ein bisschen Abstand zu gewinnen. Andererseits weiß ich, dass ich nach spätestens vier Wochen schon wieder solche Lust aufs Spielen habe, dass das nicht gehen wird. Die Bühne ist mein Habitat, mein Biotop, die natürlichste Umgebung, die ich mir vorstellen kann. Hier fühle ich mich bei allen Unsicherheiten, die dazugehören, am wohlsten.“
Welchen Stellenwert hat seiner Meinung nach das Theater – oft als gesellschaftlich unabdingbar beschrieben, weil es zum Diskurs animiere, zur Bildung beitrage, Probleme reflektiere und noch über eine Vielzahl an positiven Eigenschaften mehr verfüge – aktuell? „Das ist eine interessante Frage, die ich mir regelmäßig stelle. Ich denke, das Theater ist als Spiegel der Gesellschaft in einer ähnlichen Situation wie die Gesellschaft selbst und schon seit längerer Zeit auf der Suche nach Orientierung. Das betrifft sowohl neue Formen als auch Inhalte. Generell wird es Theater aber immer geben – und es wird immer Relevanz haben. Künstliche Intelligenz kann den menschlichen Moment am Theater niemals ersetzen. Die Zuschauer*innen werden immer eine Sehnsucht nach dem Liveerlebnis haben.“ Gerade in den letzten Jahren habe man an der Josefstadt und in den Kammerspielen Stücke erleben können, die auch scharenweise junge Menschen angezogen hätten.
„Und sie waren begeistert von dieser Vielfalt. Ich denke, das sind die richtigen Schritte, um den Diskurs aufrechtzuerhalten. Deshalb finde ich es manchmal schade, dass die größeren Theaterinstitutionen oftmals weniger Risikobereitschaft zeigen, was die Auswahl der Stücke und Inszenierungen betrifft. Diesbezüglich war und ist man in der freien Szene meist weiter.“
Eine große Premiere steht ihm im Theater in der Josefstadt noch bevor. Am 19. März 2026 wird Markus Kofler in der Uraufführung des neuen Stücks „Zemlinsky“ von Felix Mitterer auf der Bühne stehen. Wenn er eine Rolle für sich selbst kreieren könnte, welche wäre das?
„Etwas Tragikomisches. Vielleicht eine Figur wie Charlie Chaplins Tramp. Jemand, der scheitert, aber dennoch ein Gewinner ist.“
Hier geht es zu den Spielterminen zu „Sherlock Holmes“ und „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ in den Kammerspielen / Theater der Josefstadt!