War der Sex mit ihm besser?
Sie ist Ärztin. Er ist arbeitslos. Sie betrügt ihn und sie gehen jede Woche zum Therapeuten. Nick Hornbys klug-amüsantes Stück bringt Jan Philipp Gloger jetzt mit Johanna Wokalek und Tjark Bernau auf die Bühnen des Volkstheater Bezirke.
An einem erfolgreichen Mann mit einer erfolgreichen Karriere, einer funktionierenden Ehe und zwei glücklichen Kindern ist nichts lustig.“ Sagt er. Und: „Einer der wichtigsten Handgriffe war, dass man die beiden nie in der Therapiesession sieht, nur im Pub. Ich denke, die meisten Paare sind vor dem Therapeuten, der Therapeutin höflich, versuchen, der Wahrheit nahezukommen. Indem Louise und Tom sich vorher im Pub treffen, fangen sie schon dort mit der Diskussion an und sind dort direkter, zickeln und zanken sich, provozieren sich gegenseitig, reden auf sehr alltägliche Art miteinander …“
Der Mann, der das sagt, ist Nick Hornby, einer der erfolgreichsten Theater- und Filmautoren der Welt, und sein Stück „State of the Union“ wird demnächst auf 15 Bühnen in 13 Bezirken zu sehen sein. Und das mit einer Schauspielerin, in die das Wiener Publikum seit vielen Jahren sturzverliebt ist: Johanna Wokalek wird Louise spielen und der wunderbare Tjark Bernau ihren Ehemann Tom. Inszenieren wird Jan Philipp Gloger, der damit eindrucksvoll das Volkstheater Bezirke zur Chefsache erklärt und damit viele Fans zu Pendler*innen durch die teils großartig-skurrilen Säle machen wird. Denn, dass eine Fanreise stattfinden wird, ist ob der Besetzung garantiert.
AN ERFOLG IST NICHTS LUSTIG
„Ich bin sehr aufgeregt, freue mich auf die unterschiedlichen Theater, in denen wir spielen werden, und überlege schon, wie ich anreise: mit dem Fahrrad, mit den Öffis. Und ich freue mich, die Grätzeln der Stadt neu zu entdecken“, sagt Johanna Wokalek. Wir sind im Probenzentrum des Volkstheaters in der Wiener Josefstadt. Hier wird erst seit wenigen Tagen an dem Stück gearbeitet – es ist also alles noch im Laborstadium. Vieles wird noch entstehen, vieles wir sich noch ändern. Aber wir sind hier, um ein Grundgefühl zu bekommen, wie Jan Philipp Gloger und sein Kreativteam das Werk auf die Reise durch Wien schicken wollen.
Darum geht es in dem Stück: Louise ist fremdgegangen und Tom ist ausgezogen. Sie ist Ärztin und er ist arbeitsloser Ex-Musikjournalist. Sie haben zwei Kinder miteinander und wollen ihre Ehe nicht kampflos aufgeben. Jede Woche gehen sie zur Paartherapeutin, jede Woche treffen sie sich vorher in einem Pub: Sie stimmen sich auf die Sitzungen ein, diskutieren Rückschritte, Fortschritte und spekulieren über die anderen Gäste. So einiges an Konflikten wurde in den letzten Jahren unter den Teppich gekehrt und wird erst jetzt wieder hervorgekramt – wenig spektakuläre Verfehlungen, dafür einiges, was jedem, der schon mal in einer Beziehung war, bekannt vorkommen dürfte. Mal hat der eine Oberwasser, mal die andere – und die Gelegenheit für eine gute Pointe lässt sich keiner von beiden entgehen.
Einer von vielen, vielen wunderschönen Sätzen in dem Stück ist: „Ich bin mit dem Durchschnitt zufrieden.“ Jan Philipp Gloger lacht: „Wir als Macher*innen haben hohe Ansprüche an uns selbst und wollen sicher kein durchschnittliches Theater bieten. Aber alle Menschen, die je in Beziehungen waren oder sind, werden an diesem Abend etwas über sich verstehen lernen. Wir alle können uns in unserer eigenen Unperfektheit in diesem Paar wiederfinden. Diese Durchschnittlichkeit hat uns interessiert und macht auch die Nahbarkeit aus – und dass der Autor in jedem Satz seine Protagonisten sehr ernst nimmt.“
DIE POINTEN. DER SOUND.
Johanna Wokalek nickt: „Für mich ist der Text mit seinen Pointen, seiner Nähe zu unser aller Leben geschrieben, wie eine Partitur. Es ist Knochenarbeit, ihn zu lernen, aber es ist auch ein großes Geschenk, dieses Musikstück aus Wörter kennenzulernen und zu probieren, in welcher Tonart wir die verschiedenen Texte auf die Bühne bringen werden.“
Tjark Bernau – mit ihm arbeitet Gloger schon seit 2008 regelmäßig zusammen – muss als Tom auch den Brexit super finden. Wird dieses doch sehr britische Thema in der Wiener Version bleiben? Tjark Bernau: „Ich glaube nicht, dass er mit den Brexit-Kreisen wirklich sympathisiert, aber er hat dieses Thema für sich entdeckt, weil er damit provozieren kann. Er fühlt sich in den Kreisen, in denen seine Frau verkehrt, nicht wirklich wohl. Dazu kommt seine berufliche Situation. Er ist nicht faul, sondern er ist arbeitslos, weil sich die Zeit einfach weitergedreht hat.
Wir sehen das ja auch bei uns: Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen sind keine Randerscheinungen. Das Stück zeigt auch in diesem Bereich eine soziale Realität.“ Jan Philipp Gloger, ein genauer Zuhörer, grätscht kurz rein: „Wesentlich ist, dass wir uns hier nicht an Klischees abarbeiten: Hier der sympathische Loser, dort die toughe Frau, die über ihren Ex drüberfährt. Von außen betrachtet hat die Frau eine Grenze überschritten. Ja, sie kommt mit einem schlechten Gewissen rein, aber wir haben es hier mit dem Text eines Bestsellerautors zu tun, der sehr differenziert und dem werden wir folgen – aber diese Differenzierung ist bei Johanna und Tjark gut aufgehoben.“
EIN FEHLER, DREI WIEDERHOLUNGEN
Wie emotional stark das Stück gebaut ist, merkt man auch im BÜHNE-Gespräch. Wir kommen zu der Szene, in der Tom wissen will, wie oft Louise mit ihrem Lover Sex hatte. Eigentlich unnötig, finden wir. Tjark Bernau lächelt: „Ich verstehe ihn, er möchte sich vergleichen mit dem Liebhaber. Er möchte wissen: War er erfolgreicher als er?“ Jan Philipp Gloger: „Der Punkt ist, dass wir nie die Instrumentarien erlernen, wie wir mit Betrügereien umgehen. Es ist erstaunlich, wie tapsig die Figuren in diesem Stück sind, wie sehr ihnen das Vokabular fehlt. Und genau darin liegt auch die Komik dieses Stücks. Wie ich schon gesagt habe: Es hat so unglaubliches Identifikationspotenzial.“
Und was sagt die einzige Frau am Tisch dazu? Johanna Wokalek: „Es ist eine so unglaubliche Hilflosigkeit zwischen den beiden, die aufeinander zugehen wollen, aber nicht wissen, wie. Die sich so kleine Stöckchen hinhalten, die dann nicht genommen werden, weil es die falschen sind. Nick Hornby hält uns einen Spiegel vor, der uns sagt: Warum tun wir uns Menschen das alles an? Es könnte alles so einfach sein. Ich finde es spannend zu sehen, wie das Publikum rausgeht. Die einen werden sicher sagen: Hoffentlich trennen sich die beiden. Und die anderen werden sagen: Ich habe die ganze Zeit gehofft, dass die beiden wieder zusammenkommen.“ Wokalek schaut ernst und lächelt. Man ist beglückt.
An einem erfolgreichen Mann mit einer erfolgreichen Karriere, einer funktionierenden Ehe und zwei glücklichen Kindern ist nichts lustig.
– Nick Hornby, Autor
Wir reden noch ein bisschen über die unterschiedlichen Bühnen in den Bezirken. Wokalek freut sich: „Es ist wie beim Urtheater. Wir fahren mit unserem Planwagen von Saal zu Saal, haben aber im Gegensatz zu früher jemanden, der dort das Licht und den Ton aufbaut – und wir dürfen dann dort spielen. Ich sehe das als Geschenk. Wir erobern uns die Stadt. Das ist ein sehr, sehr schönes Gefühl.“
Jan Philipp Gloger und Tjark Bernau nicken. Eine lautlose Zustimmung, die wie Applaus klingt. Wären wir auf der Bühne, würde jetzt der Vorhang fallen. Wir danken fürs Gespräch.