Lovestory? Unwahrscheinlich
Was passiert, wenn sich eine erwerbsunfähige Tänzerin und ein autistischer Wissenschaftler zur „Tanzstunde“ treffen? Vitales, kluges, witziges und im Wortsinn berührendes Theater.
Das kann ja heiter werden. Senga Quinn ist nicht gut drauf. Achtung, Euphemismus. Sie ist am Boden zerstört. Der Grund für ihre Depression: Sie kann nicht mehr tanzen. Jetzt nicht, und vielleicht nie wieder. Eine schwere Verletzung hat ihre Karriere jäh gestoppt. In ihren Augen ist sie „beeinträchtigt, vorübergehend“. Hinzu kommt, dass bei Senga maligne Hyperthermie diagnostiziert wurde. Salopp gesagt, eine Narkoseunverträglichkeit, die den ersehnten, aber ohnehin aussichtsarmen chirurgischen Eingriff nahezu verunmöglicht. Zudem ist sie frisch getrennt, trägt eine Metallorthese am rechten Bein – und ihre Tante Lynn erweist sich als ihr einziger sozialer Kontakt. Allerdings auch nur telefonisch.
Zwei Stockwerke über Senga wohnt Ever Montgomery. Professor für Geowissenschaften am New York Institute of Technology. Fachgebiet: „Erderwärmung, Artensterben und andere Zwangsläufigkeiten“. Er ist Autist. Das ist keine Krankheit, sondern eine Neurodivergenz, mit der statistisch gesehen jedes 68. Kind zur Welt kommt. Albert Einstein wies autistisches Verhalten auf. Ebenso Michelangelo, Isaac Newton oder Wolfgang Amadeus Mozart. Evers Gehirn arbeitet im höchsten Aktivitätsmodus. Ständig. Er kann Wortspiele nicht verstehen, braucht bei Witzen eine Vorwarnung, ist von verstörender Direktheit, kann ohne Rituale nicht existieren und hat ein überempfindliches Sinnessystem. Musik ist Reizüberflutung – Körperkontakt der Horror.
Evers akutes Problem: Ihm steht eine Preisverleihung mit Galadinner und wenigstens einem Tanz nach dem Dessert bevor. Dafür müsste er tanzen lernen. So kommt er auf seine Nachbarin Senga und bietet ihr exakt 2153 Dollar brutto für eine einzige Übungsstunde an. Von ihm penibel errechnet: Das Wochengehalt einer Tänzerin am Broadway. Inklusive Dance-Captain-Zuschlag.
„Die Tanzstunde“ des US-Autors Mark St. Germain ist ein lehrreiches, emotionales, höchst amüsantes Stück über zwei Menschen, die das Leben aus der Norm geworfen und – bestimmt nicht willkürlich – zusammengewürfelt hat. Mit einer der außergewöhnlichsten Sexszenen der Theaterliteraturgeschichte.
Sesselkreis und Techno
„Die Konstellation dieser beiden Charaktere finde ich spannend und charmant“, erklärt Katharina Klar ihr Interesse am weltweit erfolgreichen Zweipersonenstück. „Die von mir gespielte Senga ist durch ihre Verletzung nicht nur in ihrer Existenz bedroht, sondern wurde auch ihres Bewältigungsmechanismus beraubt. Dadurch, dass sie nicht mehr tanzen kann, ist sie nun dem ganzen Mist der Welt – und auch ihrer eigenen familiären Vergangenheit – ausgesetzt. Das klingt so abgedroschen, aber ihre Krise ist auch eine Chance. Denn eigentlich ist sie im Inneren veränderungsoffen, sonst würde diese denkbar unwahrscheinliche Begegnung niemals stattfinden.“
Auch Ever, so der ihn darstellende André Pohl, sei ziemlich eingeschränkt. „Sein Bewe- gungsradius ist sehr klein, er ist einsam, die Auseinandersetzung mit anderen Menschen fällt ihm schwer. Dass er tanzen lernen muss, ist für ihn auch eine Gunst des Schicksals, denn plötzlich öffnet sich ein Fenster. Indem er das Risiko eingeht, kann er ein wenig über sein bisheriges Leben hinausschauen und sich weiterentwickeln. Hier kommen sich zwei zerstörte, völlig unterschiedliche Menschen langsam näher und schaffen es, einander nach anfänglicher Abneigung zu unterstützen. Das ist doch schön. Außerdem ist es irrsinnig komisch.“ Ever entlarvt ganz nebenbei Senga als habituelle Lügnerin, die es gewohnt ist, sich die Realität samt einem gar nicht existierenden Vater zurechtzubasteln. Sie zeigt ihm dafür, was das Leben an Buntem und Wildem zu bieten hat. In seinem Fall reicht dafür schon ein Glas Rotwein oder beabsichtigter Hautkontakt.
André Pohl besuchte zur Vorbereitung auf die Rolle des Ever Montgomery einen Sesselkreisvortrag mit anschließender Fragerunde über Autismus. „Es ist ja nicht so, dass alle autistischen Menschen gleich sind. Ganz im Gegenteil, das Spektrum ist enorm. Kennst du einen autistischen Menschen, kennst du genau einen autistischen Menschen. Es war hochinteressant zu hören, wie Partner damit umgehen. Eine Frau hat zum Beispiel erzählt, dass ihr Mann es nur schafft, Hand in Hand mit ihr auf der Straße zu gehen, wenn er dabei eine Faust macht. Wenn man sich intensiver damit beschäftigt, kommt man darauf, dass auch wir sogenannten ,Neurotypischen‘ einen autistischen Anteil haben.“
Katharina Klar hat zwei Autisten in ihrem Bekanntenkreis: „Eines der gängigsten Vorurteile, nämlich autistische Menschen hätten keine Gefühle, ist komplett falsch. Natürlich erleben sie Emotionen, oft sogar sehr intensive. Schwierigkeiten entstehen beim Ausdrücken und Einordnen von Gefühlen – also eigentlich in der Interaktion mit uns Neurotypischen.“ Sie selbst habe übrigens keine tänzerischen Ambitionen. „Ich bin begeisterte Zuschauerin beim ImPulsTanz Festival und tanze gern zu Technomusik die Nächte durch. Also Freestyle. Das hat aber herzlich wenig mit dem Tanzniveau zu tun, auf dem sich Senga vor ihrer Verletzung bewegt hat. Aber wir tanzen im Stück ja auch kaum, sondern scheitern eher daran.“
André Pohl könnte Wiener Walzer und Salsa. Leider erfordert „Die Tanzstunde“ aber Swing.
Magie und Prüfung
Katharina Klar stand mit 15 Jahren zum ersten Mal im brut Wien auf einer professionellen Theaterbühne. Spätestens ab diesem Zeitpunkt sei ihr Berufswunsch festgestanden. Was hält nach all den Jahren ihre Motivation nach wie vor am Köcheln? „Die Themen, mit denen man sich auseinandersetzt, sind sehr unterschiedlich und immer wieder neu. Ich interessiere mich auch außerhalb des Schauspiels stark für Menschen. Warum sie sind, wie sie sind, welche Konflikte sie untereinander oder mit sich selber haben. Das wird nie langweilig. Und ich mag die Intensität von Begegnungen, die einem das Theater bietet.“
André Pohl, der 1986 zum ersten Mal auf einer Josefstadt-Bühne stand und seitdem eine manchmal offene, über Jahrzehnte aber auch monogame Beziehung zum Haus pflegte, stimmt zu. „Es ist wie eine Glut. Solange ich die in mir spüre, werde ich Schauspieler sein. Was für ein Geschenk, dass ich mich jetzt mit einem Thema wie Autismus auseinandersetzen darf. Das Theater ist auch eine wichtige Komponente in meinem Sozialleben. Einige Kolleg*innen kenne ich ja schon seit Jahrzehnten und mag und schätze sie sehr. Freundschaften sind entstanden. Ich liebe die gemeinsamen Abende und den Austausch – von Tiefsinn bis Blödelei.“
Was empfinden die beiden, wenn sieauf einer Bühne stehen – also das tun, wovor die meisten Menschen die größte Angst haben? „An Premierentagen frage ich mich oft: Warum hast du dir einen Beruf mit lebenslangem Prüfungsstress ausgesucht? Aber wenn es vorbei ist, wächst schon wieder die Neugier auf die nächste Arbeit. Es gibt diese Momente am Theater, wenn alles stimmt. Wenn der Funke von der Bühne auf die Zuschauer überspringt und wieder zurück. Diese Magie kann man, denke ich, in keinem anderen Beruf erleben“, verdeutlicht André Pohl.
Der autistische Wissenschaftler Ever bittet die beinverletzte Tänzerin Senga anlässlich einer bevorstehenden Gala um Tanzunterricht. Daraus entsteht die anrührende, intelligente und sehr komische Geschichte einer heilsamen Annäherung.
„In den guten Momenten bin ich auf der Bühne auf intensive Weise in Kontakt mit mir selber“, erklärt Katharina Klar ihre Empfindungen. „Aber es ist mir sehr wichtig, auch außerhalb des Theaters zu leben. Denn ich habe das Gefühl, dass sich der Beruf auch aus etwas speisen muss. Tut er das nur aus sich selbst, spürt man das schnell. Im besten Fall bringt man ja ein Leben und seine Persönlichkeit mit in den Raum.“ Für André Pohl ist das Theater auch ein wertvoller Rückzugsort. „Wenn ich heute Nachrichten konsumiere und sehe, was an einem einzigen Tag überall auf der Welt passiert, kann ich das nicht mehr verarbeiten. Ich fühle mich hilflos. Umso wichtiger sind Orte, wo man auch andere Geschichten hört. Man muss sich seinen Frieden suchen, sonst reibt man sich auf. Wirkungslos. Was diesbezüglich auch immer mehr an Stellenwert gewinnt, ist das Lachen.“
Katharina Klar nickt amüsiert. „Das hat schon etwas von Eskapismus, wobei ich es zunehmend auch so sehe. Früher wollte ich noch die Welt verändern und den Kapitalismus stürzen.“ Lachen sei eben eine Form der stressreduzierenden Erleichterung. Für Senga und Ever gibt es übrigens kein Happy End im Sinne einer sich anbahnenden Paarbeziehung. Zum Glück, denn das wäre viel zu kitschig. Eine tiefe Verbundenheit scheint allerdings auch über den Schlussapplaus hinaus wahrscheinlich. Und das ist wiederum sehr tröstlich.