Älter als die Bibel
Auf 4000 Jahre alten Tontafeln findet sich ein Epos, das spannender ist als jeder Thriller. „König Gilgamesch – Das größte Abenteuer der Welt“ entführt in die mythische Stadt Uruk – wo der Herrscher grausam regiert und durch Freundschaft lernt, was Leben heißt.
Wenn man schon den Ruf hat, selbst opulenteste Prosa plastisch für die Bühne dramatisieren zu können, schreckt man auch vor dem vielleicht ultimativsten aller Werke nicht zurück. Auf zwölf Tontafeln findet sich eine der ältesten überlieferten Dichtungen, eine mühsam entschlüsselte Mammuterzählung, 4000 Jahre alt und nicht vollständig erhalten.
„Allein die Rekonstruktion böte schon Stoff für ein eigenes Theaterstück“, meint Michael Schachermaier, der „König Gilgamesch“ als Regisseur und Autor verantwortet. „Ich mag es grundsätzlich, literarische Monster bühnengerecht zu bezwingen, um jungen Menschen zur Erkenntnis zu verhelfen, dass die ganz großen Themen zeitlos sind.“ In diesem Falle dreht sich die Handlung um den König von Uruk, einen arroganten, hartherzigen Despoten, zu zwei Drittel Gott, dem Muttergöttin Aruru Einhalt gebietet, indem sie ihm das Übermenschwesen Enkidu schickt: kräftig wie ein Bär, frei wie der Wind und wild wie ein Tier. Die beiden erkennen in einem epischen Kampf die Aussichtslosigkeit, einander zu besiegen, schließen Freundschaft und begeben sich gemeinsam auf eine abenteuerliche Reise, bei der sie die gefährlichsten Ungeheuer zur Strecke bringen.
Die übermütige Falschannahme, unbesiegbar zu sein, erzürnt jedoch die Göttergemeinde, die daraufhin beschließt, den Helden eine Lektion zu erteilen. Enkidu stirbt. Und Gilgamesch muss im Bewusstsein eigener Endlichkeit erkennen, dass ihn nur seine Taten und Verdienste unsterblich machen können. Läuterung gelungen.
VOM LEIB GERISSENE KLEIDER
„Das Gilgamesch-Epos ist 1872 zufällig von einem Mann namens George Smith wiederentdeckt worden“, erzählt Michael Schachermaier. „Er war eigentlich Banknotendrucker, ein kluger, analytischer Kopf, der die sumerische Keilschrift entziffern, übersetzen und ordnen konnte. Vor 4000 Jahren hat sich die Menschheit schriftlich übrigens vorwiegend mit Haushaltsaufstellungen und Steuerlisten beschäftigt – und inmitten all der Buchhaltung identifizierte Smith auf einer Tontafel eine vorbiblische Erzählung der Sintflut. Dieser Fund hat ihm Weltruhm gebracht. Als ich gelesen habe, dass er sich vor Freude über seine Entdeckung tanzend die Kleider vom Leib gerissen hat, war ich fasziniert“, erklärt Michael Schachermaier die Beweggründe, sich näher mit dem Stoff beschäftigen zu wollen. „George Smith ist nur vier Jahre später gestorben, aber er ist in unserem Stück der Vermittler dieser rätselhaften Geschichte, die in ihrer Erzählweise – mit Rückblenden, Vorschauen, Spin-offs und Auslassungen – der modernen Netflix-Dramaturgie entspricht.“
Dabei habe man unvergängliche Themen destilliert. „Es geht um Freundschaft, Zusammenhalt, Auflehnung. Darum, wie ich mich in einem System positioniere. Enkidu und Gilgamesch sehnen sich, wie wir alle, nach einem Gegenüber, mit dem sie sich empathisch auseinandersetzen können. Man kann nur im Miteinander wachsen, das ist vielleicht die zentrale Bewusstwerdung des Stücks.“
Er sehe den Stoff sehr politisch, weil es auch um den Widerstand gegen einen missliebigen Herrscher gehe. „Der dann allerdings eine große Wandlung durchmacht – vom überheblichen, selbstsüchtigen Kindergottkönig, der sich selbst als Zentrum der Welt wahrnimmt, hin zu einem jungen Mann, der die Qualität der Gemeinschaft begreift.“
HETEROGENE ERLEBNISWELTEN
Mino Dreier als Gilgamesch und Enrico Riethmüller in der Rolle des Enkidu geben dieser klischeebefreiten Männerfreundschaft, die sich rasch zum emotionalen Bund auswächst, glaubhafte Gesichter.
Wie hat Mino Dreier, der erst im letzten Jahr sein Diplom gemacht hat, den Wechsel in den Beruf erlebt? „Das war kein harter Bruch, weil mir schon während der Schauspielschule wichtig war, nicht in Theorie zu versinken, sondern auch praktische Erfahrungen zu machen. Das heißt, ich habe, wann immer es ging, gespielt – auch am Theater der Jugend. Das Ende des Studiums hat also meine berufliche Laufbahn gar nicht so sehr beeinflusst. Man lernt sowieso nie aus, weshalb der Übergang auf eine positiv konnotierte Art unspektakulär war.“ Gilgamesch sei in seinen Augen eine ambivalente Figur, die anfänglich das Konzept von Freundschaft gar nicht kenne und eine erstaunliche Entwicklung durchmache. Am Theater der Jugend wird Mino Dreier übrigens als Nächstes in „Wolf“ – Regie: Claudia Waldherr – präsent sein.
Enrico Riethmüller freut sich darauf, einen Menschen darstellen zu dürfen, „der kindlich unschuldig ist wie ein Tier und erst verstehen lernen muss, dass es so etwas wie Feinde überhaupt gibt. Wie Gilgamesch, ist auch Enkidu auf Identitätssuche. Und darin spiegeln sie einander wider.“ Dass er Schauspieler werden würde, hat sich lange nicht abgezeichnet. „Mein Vater hat in der DDR-Zweitliga gespielt, ich wollte ebenfalls Fußballprofi werden und konnte mit Theater gar nichts anfangen. Außerdem bin ich in Berlin aufgewachsen, wo einen erste Theatererfahrungen durchaus überfordern können.“
Den Umbruch brachte eine Schulaufführung von Brechts „Dreigroschenoper“, an der er als 18-Jähriger mitwirkte. „Da wurde mir klar, was Theater sein kann. Mein Vater kommt aus dem Sozialismus, meine Mutter aus der Ukraine und plötzlich hatte ich das Gefühl, es gibt Menschen, die diese Welt auch so sehen, wie ich sie kenne.“
Bald darauf spielte er semiprofessionell im „Weißen Rössl“ – kein Spaß – und fasste den Entschluss, eine Schauspielschule in Wien zu besuchen. Und siehe da: „Es hat geklappt.“