Drunter und Drüber
Das Leben ist ein ständiges Auf und Ab. Das bemerken auch die Figuren in Nestroys Komödie „Zu ebener Erde und erster Stock“, die Bastian Kraft im Burgtheater inszeniert.
In Nestroys Komödie „Zu ebener Erde und erster Stock" geht es drunter und drüber, und zwar nicht nur im metaphorischen Sinne. Die musikalische Satire ist nämlich unter anderem dafür bekannt, dass ihre Handlung simultan auf zwei Ebenen stattfindet. Während der Spekulant Herr von Goldfuchs im ersten Stock sein Vermögen verliert, kommt der mittellose, im Erdgeschoss lebende Tandler Schlucker durch ein unverhofftes Erbe zu einer beachtlichen Summe Geld. Mit dem eigenen sozialen Abstieg konfrontiert, zieht Goldfuchs ins Erdgeschoss, Schluckers sozialer Aufstieg führt dazu, dass er in den ersten Stock umziehen kann. Die alte Ordnung steht Kopf. Bei der Uraufführung des Stücks im Jahr 1835 sorgten die Idee der parallel geführten Handlungsstränge sowie das dazugehörige Bühnenbild für eine Sensation.
Ein Bühnenbild mit zwei Stockwerken steht auch auf der Probebühne des Burgtheaters im Arsenal. Regisseur Bastian Kraft, der die Komödie inszeniert, hat die Probe soeben beendet. An einem langen, schwarzen Tisch werden noch Dinge nachbesprochen, eine Schauspielerin aus einer anderen Produktion kommt herein und fragt sich, warum es hier viel wärmer ist als auf der Probebühne im unteren Stockwerk. „Das kommt vielleicht von all der Probenenergie“, bemerkt Bastian Kraft lachend.
Die braucht es auch, wenn man eine Komödie mit derart vielen Szenenwechseln auf die Bühne bringt. Doch genau darin besteht für den Regisseur, der am Burgtheater unter anderem Thomas Manns „Zauberberg“ inszenierte, ein großer Reiz. Wie auch darin, dass Nestroys Ensemblestück von Figuren bevölkert ist, die höchst ambivalent sind. Was er damit genau meint? Bastian Kraft setzt sogleich zu einer umfassenderen Erklärung an:
„Die Figuren im Erdgeschoss werden zunächst als starke Identifikationsfiguren vorgestellt. Sobald es ihnen besser geht, kommt jedoch ihr Opportunismus zum Vorschein und ihr Umgang miteinander wird gnadenloser. Goldfuchs wird zunächst als gierig und unsympathisch gezeichnet, am Ende ist er jedoch eine der tragischsten Figuren im Stück. Man möchte ihn am liebsten in den Arm nehmen. Nestroy mag seine Figuren meistens lieber, solang sie unglücklich sind. Sobald sich die Medaille wendet, werden sie zu Opportunisten – zu Menschen, für die man plötzlich eine große Antipathie empfindet."
studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und arbeitete anschließend als Regieassistent am Burgtheater, wo er etwas später unter anderem „Dorian Gray“ mit Markus Meyer inszenierte. Kraft arbeitet als freier Theaterregisseur.
Das Glück ist ein Vogel
Obwohl sich das Stück mit der Dialektik von Arm und Reich beschäftigt, findet die Auseinandersetzung mit der sozialen Frage bei Nestroy – anders als etwa bei Bertolt Brecht oder Gerhart Hauptmann – eher auf einer märchenhaften Ebene statt, erklärt Kraft. Einzig das Glück oder die Abwesenheit dessen entscheidet darüber, ob man im ersten Stock oder im Erdgeschoss landet.
Auf behutsame Weise möchte Bastian Kraft in seiner Inszenierung jedoch darauf hinweisen, dass auch strukturelle Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Ein wenig Nestroy-Erfahrung kann der Theatermacher, der seine Theaterkarriere als Regieassistent am Burgtheater begann, bereits vorweisen: 2023 inszenierte er am Thalia Theater im Hamburg den „Talisman“. Die enge Beziehung der Wiener*innen zu dem 1862 verstorbenen Dramatiker und Schauspieler empfindet er vor allem als Chance. „Es kann schon sein, dass manche Menschen bestimmte Erwartungen mitbringen, über die ich im Probenprozess aber gar nicht nachdenken möchte. Ich empfinde es in erster Linie als etwas Schönes, dass es in Wien diese besondere Form der Theaterliebe gibt, die sich auch in der Verbundenheit zu bestimmten Autor*innen äußert. Ich versuche eigentlich immer, das Theater zu machen, das ich auch gern sehen würde. Vielleicht entspricht das nicht genau den Erwartungen mancher Zuschauer*innen, im besten Fall holt es sie aber auf eine Weise ab, die anders und neu ist.“
Wir sprechen auch über den Humor, der in dem Stück steckt und der, wie so oft bei Nestroy, vor allem sehr viel mit „wahnsinnig geschickt konstruierter Situationskomik“ zu tun hat, wie Bastian Kraft betont. „Er lebt auch davon, wie schnell die Figuren im Stück ihre Agenda wechseln. Außerdem hat der Humor eine große Schärfe, manchmal auch eine Bösartigkeit, wobei das nicht bedeutet, dass den Figuren etwas Kaltes innewohnt.“
Ich finde es schön, dass es in Wien diese große Liebe zu Nestroy gibt.
– Bastian Kraft, Regisseur
Kein Entkommen
Beim Bühnenbild halten sich Bastian Kraft und der Bühnenbildner Peter Baur an die Zweiteilung. „Allerdings haben wir uns sehr früh dazu entschieden, mit wenig Tiefe zu arbeiten. Die Körper sind dadurch ausgestellter. Außerdem macht es die Komödie stärker, wenn der Platz limitiert ist, weil es schwieriger wird, aneinander vorbeizukommen. Es gibt kaum Ausweichmöglichkeiten“, erläutert der Regisseur. Mit Komödien hatte er bislang immer eine gute Zeit, fügt er nach einer kurzen Pause hinzu.
„Oft braucht man ein wenig Geduld, weil es ein bisschen dauern kann, bis alles einrastet. Wie bei einem Musikstück muss man zunächst die Partitur beherrschen, bevor es fließen kann. Deshalb ist es wichtig, in den Phasen, in denen es noch nicht ganz ineinandergreift, das Vertrauen nicht zu verlieren.“ Die musikalische Ebene spiele dabei eine wichtige Rolle, merkt Bastian Kraft an. Gerade bei diesem sehr kleinteiligen, aus vielen Aufzügen bestehenden Stück könne die Musik viel dazu beitragen, eine Struktur zu schaffen. „Es wird richtige Lieder geben, aber auch Zwischenmusik und Momente, in denen wir Szenen musikalisch untermalen. Letzteres haben wir heute zum ersten Mal probiert.“
Zum zehnköpfigen Ensemble gehört unter anderem Markus Meyer, mit dem Bastian Kraft schon mehrfach zusammengearbeitet hat. Auch mit dem Bühnenbildner Peter Baur verbindet ihn eine lange Arbeitsbeziehung. Solch kontinuierliche künstlerische Konstellationen hätten den großen Vorteil, dass man viel unmittelbarer in Prozesse einsteigen kann, erklärt der Regisseur.
Herr von Goldfuchs lässt es sich gerade noch im ersten Stock gut gehen, als er erfährt, dass sein Vermögen weg ist und er Bankrott erklären muss. Gleichzeitig wird der mittellose Adolf Schlucker im Erdgeschoss durch ein unverhofftes Erbe zu einem reichen Mann.
„Theater ist ja vor allem Kommunikation. Oft geht es darum, wie etwas gemeint ist oder welche Worte man benutzt, um etwas zu beschreiben. Wenn man sich gut kennt, kann man diese Dinge häufig einfach überspringen.“ Darüber hinaus begeistert ihn, dass es trotzdem möglich ist, sich immer wieder gegenseitig zu überraschen. Geht es um die Auswahl der Stoffe, fühlt sich Bastian Kraft sehr zu Texten hingezogen, bei denen es im Kern um Identitätsfragen geht.
„Also darum, wie wir zu den Menschen werden, die wir sind. Wie viel von uns ist vielleicht nur eine Fantasie, die wir von uns haben? Das ist bei diesem Stück zwar nicht das Hauptthema, ich finde aber die Momente, in denen die Figuren blitzschnell ihre Agenda wechseln, hochinteressant. Das wirft die Frage auf, ob sie am Ende vielleicht nur Produkte jener Situationen sind, in denen sie sich gerade befinden.“
Wir verabschieden uns. Auf Bastian Kraft warten noch einige organisatorische Aufgaben. Vielleicht macht ja genau das den Kern vom Theatermachen aus: das ganz normale Drunter und Drüber etwas einzudämmen, während man es gleichzeitig vollumfänglich zulässt, um die Betriebstemperatur auch bei winterlichen Verhältnissen auf konstant hohem Level zu halten.
Hier geht es zu den Spielterminen von „Zu ebener Erde und erster Stock“ im Burgtheater!