Zum Inhalt springen

Christian Kircher in seinem Büro in der Bundestheater- Holding im ersten Bezirk.

Christian Kircher in seinem Büro in der Bundestheater- Holding im ersten Bezirk.
Foto: David Payr

Christian Kircher: Kann Kultur die Welt retten?

Interview

Drohen aus Spargründen Theaterschließungen? Kommt ein Semi- Stagione-Betrieb in der Staatsoper? Christian Kircher war zehn erfolgreiche Jahre Chef der Bundestheater-Holding und hört jetzt auf. Im Gespräch redet er Tacheles – über sich, die Kultur und die Politik.

Das ist keine objektive Geschichte, weil es keinerlei Objektivität zwischen  BÜHNE und Christian Kircher geben kann. Ohne Christian Kircher würde es die BÜHNE in ihrer derzeitigen Form nicht geben, wäre die Neugeburt 2020 nicht möglich gewesen. Ebenso wenig der Relaunch vor drei Monaten, der unsere BÜHNE nicht nur größer, sondern vor allem auch relevanter gemacht hat. Warum Christian Kircher, der Chef der Bundestheater-Holding (Burgtheater, Volksoper, Staatsoper), etwas mit der BÜHNE zu tun hat? Der Kulturmanager ist ob seiner Funktion auch Teil des Vorstands des Wiener Bühnenvereins und damit Co-Herausgeber der BÜHNE.

ERFOLGSGESCHICHTE

Nach zehn Jahren als Holding-Chef hört Christian Kircher jetzt auf und schaut auf eine erstaunliche Erfolgsbilanz zurück. Die Einnahmen sind gestiegen, die Besucherzahlen auch und die umgesetzten Projekte sind durchaus beeindruckend. Ein Beispiel: Allein in der vergangenen Saison wurden 64 Millionen Euro quer über die Holding an Ticketerlösen eingenommen. Als der gebürtige Kärntner übernahm, war der Konzern in finanzieller Schieflage. Jetzt ist das Ticketsystem neu aufgestellt. „Finanzen sind saniert, Buchhaltung und Personalverrechnung in Shared Service Centern gebündelt und zentrale Verwaltungsprozesse umfassend digitalisiert worden“, wie Kircher sagt. Dazu ist die Holding auch der oberste Hausverwalter der großen Theater. Und Kircher damit Haus- und Baumeister in einem – und er renovierte und baute: Die Bestuhlung im Burgtheater wurde erneuert, die Fassaden an Volksoper und Staatsoper und die Feststiege des Burgtheaters ebenso.

Manchmal schwierig und nervend, aber meistens sehr bereichernd und ein großes Privileg.

– Christian Kircher über die Arbeit mit Kulturarbeiter*innen

VERSUCH AN EINEM INTERVIEW

Die größte Herausforderung freilich war die Coronakrise. Während manche Theater zusperrten, spielte die Staatsoper einfach weiter. „Mein Ziel in den letzten zehn Jahren war es, den Österreichischen Bundestheatern so viel Spielraum für künstlerische Arbeit zu schaffen wie möglich. Dank meines hervorragenden Teams steht heute wieder die Kunst im Mittelpunkt, wenn es um die Österreichischen Bundestheater geht. Darauf bin ich stolz.“

Christian Kircher wird Vorstand des Carinthischen Sommers. Seine Nachfolgerin in der Bundestheater Holding wird Sonja Hammerschmid. Nachdem Christian Kircher in den vergangenen Wochen bereits mehrere Interviews gegeben hat, haben wir versucht, Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen, die Sie hoffentlich überraschen werden.

Wie würden Sie einem fünfjährigen Kind Ihren Job erklären?

Wenn du ins Theater oder in die Oper gehst, Abschiedsinterview werden auf der Bühne Geschichten erzählt. Viele Menschen arbeiten daran, dass diese Geschichten stattfinden können. Die meisten sieht man nicht auf der Bühne. Manche fertigen Kleider an, andere beleuchten die Bühne, wieder andere machen Musik. Gemeinsam mit vielen Menschen kümmere ich mich darum, dass es Geld für die Aufführungen gibt und jeder weiß, wo sein Platz ist. Und alle sollen gern bei uns arbeiten.

Was ist Kultur für Sie?

Alles von Menschen Gemachte. Auch das Schlechte. Dann nennen wir es Unkultur.

Kann Kultur die Welt retten?

Retten wohl nicht, aber die Welt zum Besseren verändern schon. Und sei es nur mit Schönheit. Daran glaube ich.

Was kann die Politik von der Kultur lernen?

Durch das Öffnen der Augen und Ohren kann auch das Herz geöffnet werden. Über Kultur können wir empfänglich werden für die Vielfalt, die uns Menschen ausmacht. Vielleicht ist Kultur in diesem Sinn das Gegenteil von Nabelschau, Engstirnigkeit und Gartenzaun.

Warum sollten mehr Politiker*innen ins Theater, in die Oper gehen?

Erstens, damit die Auslastung steigt! Und zweitens, weil wir die Chance bieten, das zu zeigen, was das Leben ausmacht.

Kultur wird von emotional wenig gefestigten Menschen gemacht. Wie kompliziert ist die Arbeit mit ihnen?

Manchmal schwierig und nervend, aber meistens sehr bereichernd und ein großes Privileg.

Christian KIRCHER
in Kärnten geboren, arbeitete u. a. im Dorotheum, bei Unilever, einem Marktforschungsinstitut
und bei Gillette. Zehn Jahre war er Bundestheater-Holding-Chef. Kircher ist seit 1985 Sänger im
Arnold Schoenberg-Chor.
Foto: David Payr
Christian KIRCHER in Kärnten geboren, arbeitete u. a. im Dorotheum, bei Unilever, einem Marktforschungsinstitut und bei Gillette. Zehn Jahre war er Bundestheater-Holding-Chef. Kircher ist seit 1985 Sänger im Arnold Schoenberg-Chor.

Als Bundestheater-Holding-Chef hatten Sie es mit sehr unterschiedlichen Genres zu tun – Oper, Theater, Operette – und sehr unterschiedlichen Häusern, die auch sehr unterschiedlich geführt werden. Wie behält man da das große Ganze im Auge?

Indem man das Auge weit öffnet!

Wie sehr bedrohen die angekündigten Sparmaßnahmen den Betrieb der Häuser?

Leider sehr und das macht mir auch große Sorgen. Nicht nur als Geschäftsführer, sondern mehr noch als Bürger. Strukturen sind leicht zerstört und schwierig wieder aufzubauen. In Österreich leben wir von der Vielfalt des kulturellen Angebots.

Die Staatsoper muss – laut Gesetz – einen Repertoirebetrieb machen, also jeden Tag etwas anderes. Wäre ein Semi-Stagione-Betrieb da nicht klüger, sparsamer?

Sparsamer in jedem Fall, ob es klüger wäre, bezweifle ich. Die Staatsoper ist eines der letzten Häuser, welches den Schatz eines großen Repertoires hütet.

Ist das NEST eine Spielstätte, der bei Sparmaßnahmen eine Schließung drohen könnte?

Derzeit prüfen wir alles. In den Gedanken gibt es keine Tabus. Allerdings gibt es auch Verträge, die zu erfüllen sind. Durch das großzügige Sponsoring sind auch die Einsparungen überschaubar.

Das Burgtheater bespielt mehrere Spielstätten. Wie gefährdet sind diese? Also droht eine Schließung?

Wie gesagt, werden derzeit viele Maßnahmen geprüft.

 

Derzeit prüfen wir alles. In den Gedanken gibt es keine Tabus. Allerdings gibt es auch Verträge, die zu erfüllen sind.

– Christian Kircher, über drohende Theaterschließungen

Ich habe in den vergangenen Jahren kaum Politiker in der Oper gesehen. Andreas Babler ist nahezu unsichtbar. Ist das fehlende Wertschätzung? Desinteresse?

Ich respektiere, dass es unterschiedliche kulturelle Interessen gibt, und denke nicht, dass es fehlende Wertschätzung ist. Aber natürlich freue ich mich über jede*n Politiker*in, die oder den ich in der Oper oder im Theater sehe.

Wie sehr haben Sie Krisen wie der Fall Teichtmeister belastet und auch gefordert?

Sehr, allerdings ist es in solchen Situationen wichtig, die eigene Befindlichkeit hinten anzustellen. Es gibt größeres Leid auf der Welt als die Bewältigung einer Krise. Allerdings belastet mich Gewalt gegen Schwächere – und Kinder sind die schwächsten, weil hilflosesten Menschen – sehr.

Theater von der Größe der BURG oder der Oper können keine basis-demokratischen Betriebe sein. In Ihre Amtszeit fallen massive Bestrebungen, in Sachen Umgang mit Mitarbeiter*innen und Arbeitsbelastung vieles besser zu machen. Zufrieden?

Nie. Das Bemühen um einen besseren und respektvolleren Umgang ist immerwährend.

Sie züchten privat Fische. Warum?

Weil ich eine Frau geheiratet habe, deren Familie das macht. Und weil es schön ist.

Was ist das Reizvolle am Carinthischen Sommer?

Ich bin mit diesem Festival aufgewachsen und wurde da sozialisiert. Nadja Kayali hat das Festival zu neuem Leben erweckt und das unterstütze ich sehr gern ehrenamtlich.

Hatten Sie jemals Lust, ein Haus zu führen?

Lust schon, aber ich kenne meine Grenzen.

Was macht Christian Kircher in fünf Jahren?

Hoffentlich mit viel Freude und Energie irgendeinen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten.

Erschienen in
Bühne 03/2026

Zum Magazin

Atha Athanasiadis
Atha Athanasiadis
Autor
Mehr zum Thema
1 / 11