Christopher Wurmdobler: Immer schön beharrlich bleiben
Für ein jahrzehntelanges Theaterleben braucht es eine Menge Neugier und Sitzfleisch. Aber: Interesse hält jung!
"Einmal habe ich hier sogar Laurence Olivier auf der Bühne gesehen in ‚Titus Andronicus‘“, erzählte mir die Dame in der Pause eines anderen Shakespeare-Stücks ungefragt. Ich hätte sie auf Ende 60 geschätzt und unsere Begegnung fand nicht in London statt, sondern im Foyer des Burgtheaters. Jung sei sie gewesen, eine Nacht lang habe sie sich angestellt für die Eintrittskarte. Erst konnte ich mir das nicht vorstellen, also das mit Laurence Olivier, und unterstellte ihr insgeheim, da etwas zu verwechseln. Doch der Filmstar stand einmal tatsächlich vier Abende auf der BURG-Bühne, das lässt sich überprüfen. Es war ein Gastspiel bei den Wiener Festwochen im Juni 1957; Vivien Leigh, selbst Hollywoodgröße und Oliviers Ehefrau, gehörte damals auch zum angereisten Ensemble. Sie kam zwar mit nach Wien, trat dann aber aus gesundheitlichen Gründen nicht auf, sondern ging angeblich lieber im Prater spazieren.
Regie führte bei diesem „Titus Andronicus“ Peter Brook – und das ist für mich die eigentliche Sensation. Denn so ganz nebenbei hatte die Frau, die für ihr Ticket eine Nacht in der Festwochen-Warteschlange verbracht hat, damals eine frühe Arbeit des späteren Theaterzauberers gesehen. Wobei ihr der britische Schauspiel-Sir in der Titelrolle womöglich doch wichtiger war als der Regisseur des Abends; ich habe leider vergessen nachzufragen. Und, fast noch sensationeller: Sie hat offenbar in den vergangenen siebzig Jahren auch nicht damit aufgehört, ins Theater zu gehen. Wie beharrlich muss man bitte sein, wie viel Sitzfleisch, Durchhaltevermögen und Leidenschaft besitzen?!
Was die Begegnung mit der hochbetagten Junggebliebenen im Foyer noch erzählt: dass sich Neugierigbleiben auszahlt. Denn vielleicht hat man nach sieben Jahrzehnten „Publikumsdienst“ manche Klassiker schon das eine oder andere mal gesehen – aber halt immer anders. Mitunter sicher sehr anders. Es ist zwar ein Klischee, aber das Erstaunliche am Theater ist doch, dass es eben immer wieder neu ist. Oder sich neu erfindet. Abend für Abend. Selbst wenn man heute versuchen würde, diese starbesetzte Brook-Inszenierung aus dem Jahr 1957 ebenso starbesetzt als Reenactment wieder aufzunehmen, wäre sie komplett anders. Weil man heute anders spielt, weil man heute anders schaut. Was sich nie ändert: Schauspielerinnen und Schauspieler live und nicht auf der Kinoleinwand oder am Bildschirm zu erleben, sondern im Moment, das ist das Magische am Theater.
Die Wiener Festwochen feiern gerade ihr 75-jähriges Bestehen. Arbeiten von Peter Brook waren immer wieder beim Festival zu sehen. Auch nach dem Tod des Theatermachers 2022: zuletzt vor zwei Jahren seine Inszenierung von „Der Sturm“, ein Vermächtnis. 75 Jahre lang Welttheater nach Wien zu bringen, Stars und Newcomer, aktuelle Theaterformen und neue Namen zu etablieren, spannend, politisch und anstrengend zu bleiben, das ist ein Verdienst der Festwochen. Beharrlich neugierig bleiben und neugierig machen: Jemand sollte unbedingt mal einen Text dazu schreiben.