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Julya Rabinowich ist eine österreichische Schriftstellerin, Dramatikerin, Kolumnistin, Malerin, Übersetzerin.

Julya Rabinowich ist eine österreichische Schriftstellerin, Dramatikerin, Kolumnistin, Malerin, Übersetzerin.
Foto: Michael Mazohl

Die alte Frau und das Mehr

Kolumne

Diese Kolumne sollten Sie nicht lesen, wenn Sie unter 18 Jahre alt sind. Es geht um Granny-Sex. Das war ein Scherz – Ersteres.

Eine Baba Yaga müsste man sein. Ihr Alter bedeutet Weisheit, ihr Zorn lässt Menschen erzittern, ihre Großzügigkeit erweckt Respekt, ihre Macht ist offensichtlich. Diese Macht bedeutet unter anderem, dass sie, so sie Lust darauf hat, schön sein kann. Oder, je nach Laune, auch hässlich. Die Schönheit ist nicht dafür gedacht, gefällig zu sein. Sie nimmt, was sie will. Sie weiß um ihren Einfluss. Es ist keine Frage, es ist Gewissheit.

Aber: In unserer Gegenwart hat sich die Position, die der alten Frau in der Gesellschaft eingeräumt wird, nicht wesentlich verändert und sie gereicht der Gesellschaft nicht zur Ehre. Die alte Frau, so sagte eine von mir sehr verehrte Freundin, die alte Frau ist in der gesellschaftlichen Hackordnung das Letzte. Ihre Gebrechlichkeit, ihr Äußeres, das Ende ihrer Fruchtbarkeit, das alles erzeugt in den Augen zu vieler die Fragwürdigkeit ihrer sogenannten Fuckability. Ich verehre meine Freundin, die sich selbst jenseits der Siebzig befindet und reichlich Beobachtungsmöglichkeiten hat und hatte. Aber ich wünschte, ich könnte ihr beschwingt widersprechen. Nur: Ich kann es kaum. Wenn man auf Pornoseiten „Granny-Sex“ sucht, wird man zwar fündig, aber dennoch keine wirklich alten Frauen finden. Die Darstellerinnen sind weit davon entfernt. Sie sind schätzungsweise um die Fünfzig. Das ist im Betrieb bereits alt. Ein Großmütterchen.

Wenn man Hollywoodproduktionen unter die Lupe nimmt, wird man die immer gleichen Frauen im hohen Alter finden, denen man Starstatus eingeräumt hat. Sie sind allesamt sehr beeindruckend. Aber sie sind wenige. Das Alter der Frau als Wertminderung zu betrachten, ist eine schlaue Erfindung des Patriarchats, das ein weiteres Druckmittel gegen allzu Aufmüpfige parat hält. Warte nur, du hast ein imaginäres Ablaufdatum. Und zwar eines, das dich so viel früher zur Strecke bringt, als dein wahres Ablaufdatum könnte. Du sollst prall sein und funktionieren, ein gefälliges Gefäß sein, und wenn das Gefäß nicht mehr befüllt werden kann, bist du wertlos. Der alten Frau wird nur ein Wert eingeräumt: als Wohlhabende beerbt zu werden. Als Prominente ein Karrieresprungbrett zu sein. Es ist ein Verwertungswert vor dem Verwesungswert. Die launige Bezeichnung „alte Schastrommel“ kann man durchaus als mehr lesen als nur eine Besitzerin windigen Gedärms. „Aus diesem welkenden Körper wird außer einem solchen Wind nichts mehr entspringen“, raunt das Pariarchat. „Dieser Körper ist an seinem reproduktiven Ende. Er ist verzichtbar.“ Das kommt heraus, wenn man die Frau auf ihren Körper und seine Nutzbarkeit reduziert. Dabei ist das Alter jene Phase, in der eine Frau sich ihrer Selbst meist am bewusstesten wird. Sie hat viel erlebt, viel überlebt, sie hat Verluste erlitten und diese transformiert, sie hatte Zeit, die Welt um sich herum auf eine andere Art zu begreifen, als sie es in ihrer Jugend tat. Ihre Kreativität, ihre Weisheit, ihre Erfahrung und ihre Kraft sind ja nicht an die gesellschaftlich verlangte Fuckability geknüpft. Wenn die Frau aufhört, dieser Fata Morgana, die den Durst ja doch nie stillen wird, die ihr aber Tag für Tag neu eingeredet wird, durch die Lebensjahre nachzujagen, öffnen sich ihr völlig neue Horizonte. Es ist, als ob man einen tiefen Atemzug am Strand einer noch unentdeckten Welt machen würde. Salzig, frisch, herb. Der Wind kann hier peitschend sein. Oder sanft. Vielleicht ist es auch kein unbekannter Strand. Es ist Baba Yagas Strand.

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