Angelika Hager: Schlingensief, wo bist du?
Das MAK und die Wiener Festwochen feiern den Gesamtkünstler und Kunstpropheten Christoph Schlingensief mit einer Ausstellung.
"Beweise, dass es dich gibt!“ Das Schlingensief-Zitat klebte auf einem Gehsteig in Berlin. Es stammt aus dem Dokumentarfilm „In das Schweigen hineinschreien” von Bettina Böhler, entstanden zehn Jahre nach seinem Tod im Jahr 2010, im Alter von prall gefüllten 49 Jahren ohne den kleinsten Momenten von Beweisnotstand. Festwochen-Berserker Milo Rau, der Schlingensiefs lustvolles Grenzüberschreitungsgen bis zur Perfektion kopiert hat, kooperiert mit dem MAK für die Ausstellung „Es ist nicht mehr mein Problem” (Eröffnung: 12. Mai), die von diversen Liveevents begleitet wird.
Der Schweizer Kurator Raphael Gygax gestaltet die Schau mit der Witwe und Nachlassverwalterin Aino Laberenz. Die Schau hat keinerlei Anspruch, so Gygax, „klassisch retrospektiv” zu sein, sondern gliedert sich in zwei Stränge: „The Church of Fear”, die sich perfomativ mit den durch Autoritäten geschürten Ängsten auseinandersetzt, und die filmische Gigantomanie „The African Twintowers”. Die wurde gedreht in Lüderitz, Namibia, wobei sich 9/11-Horror, deutsche Kolonialismus-Brutalität, Schamanismus und Wagnerscher Größenwahn zu einem trashigen Bewusstseinsstrom vermengen.
Patti Smith kam auf einen Kurzbesuch vorbei, blieb aber zwei Wochen. Schlingensief, wo bist du? Denn kein Künstler war in seiner Sehnsucht nach Humanismus, in seinem Drang, die Zivilisationswunden offenzulegen und dabei Ausdrucksbarrieren niederzureißen, so obsessiv, erfindungspathologisch, unkorrumpierbar und visionär wie der Oberhauser Apothekersohn, dessen Eltern eigentlich sechs Kinder wollten, aber nur eines bekamen. Wahrscheinlich wollte er für alle anderen mitgestalten. Wenn man auf YouTube auf Schlingensief-Suche geht, sieht man ihn milde gelangweilt, aber dennoch immer um Charme bemüht, wenn ihm von bräsigen TV-Moderatoren die Frage gestellt wurde, warum er ständig auf dem Provokationstrip reite. Er deutet auf seine Körpermitte und sagt lächelnd: „In der Mitte sitzt der Partisane, der oft Schluckauf bekommt.” Oder: „Kompromisse sind eben nicht so mein Ding.“
Die Ausländer-raus-Container-Aktion „Bitte liebt Österreich” war ein meisterhaftes Partisanenstück vor der Wiener Staatsoper, das die Obszönitäten des Big-Brother-Menschenkäfig-TVs mit der Kriminalisierung von Ausländern seitens Jörg Haiders und dessen FPÖ zu einer radikalen Kunstaktion von schmerzhaftem Humor verbrämte. Als der damalige Operndirektor Ioan Holender sich über den Container vor seinem Haus echauffierte, rief Schlingensief ihn an.
Und der Container konnte bleiben. Die Gefahr, die von der plötzlichen Salonfähigkeit des Rechtspopulismus ausging, nachdem Wolfgang Schüssel 2000 den Sündenfall einer schwarz-blauen Koalition begangen hatte, erzürnte Schlingensief zur Höchstform. Auch sein Sterben hat er zu Kunst überhöht und so Angstzertrümmerung betrieben. In der Krebsoper „Mea Culpa” am Wiener Burgtheater stellte er seinen Todeskampf mit Wut, Trauer und Sarkasmus in einem multimedialen Manifest zur Schau. Der bereits schwer Gezeichnete tobte durch „einen erweiterten Krankheitsbegriff“, indem er den Krebs der Lächerlichkeit preisgab. „Krankheit ist die ultimative perverse Kunstform“, notierte Schlingensief in seinem Krebs-Tagebuch „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein”, „sie gibt einem nicht, was man wünscht, aber sie lehrt die Sehnsucht“.
Elfriede Jelinek, die mit seiner Inszenierung ihres Stücks „Bambiland” vor allem glücklich war, sagte: „Der Status des Todes wird gemeinhin überschätzt.“ Nachzusehen im MAK.