Christopher Wurmdobler: Theater ist doch keine Echokammer
Hört auf zu motschgern und buht innerlich! Meinungsstarke können ihrem Mitpublikum den ganzen Abend verderben, meint Christopher Wurmdobler in seiner neuen Kolumne.
"Da ist aber nicht mehr viel von Goethe übrig geblieben“, sagte der Mann auf dem Platz neben mir. Es klang spöttisch und er schien überhaupt nicht darauf bedacht zu sein zu flüstern. Dabei war zu diesem Zeitpunkt gerade erst etwas faul im Staate Dänemark. Auf der Burgtheater-Bühne standen Leintuch-Gespenster herum und im weiteren Verlauf des Abends gab es fünf verschiedene Hamlets. Und ja, das Stück war von Shakespeare und nicht von Goethe, ziemlich großartig inszeniert von Karin Henkel. Da ich den Mann neben mir nicht kannte, konnte ich nicht einschätzen, ob er einfach nur witzig sein wollte oder seine Enttäuschung ernst gemeint war. Nach der Pause saß er jedenfalls immer noch da und applaudierte am Ende sogar freundlich, wenn auch bereits im Aufbruch.
Besserwisser im Theater, man kennt sie. Erwartungshaltungen, die aus welchen Gründen auch immer nicht erfüllt werden. Ansprüche an Texttreue, als ginge es darum, ein literaturwissenschaftliches Kolloquium über die Rampe zu bringen. Schlimmes bildungsbürgerliches Getue: Bei Schiller/Goethe/Lessing steht das aber ganz anders! Buhrufe und andere Unmutsäußerungen sind mitgemeint, vor allem schon vor oder kurz nach dem Schlussapplaus. Das Theater ist doch keine Echokammer wie in den sozialen Medien, wo man einander im Dislike begegnet.
Spüren die Leute sich noch, die schimpfend und türknallend den Saal verlassen? Merken die denn nicht, dass trotz allem die Möglichkeit besteht, dass es anderen gefallen könnte? Haben die keinen Respekt? Weder vor dem Bühnenpersonal, das sich da vorne einen Wolf spielt, noch vor ihrem Mitpublikum; darunter womöglich Menschen, die den Abend ihres Lebens haben. Sehen die denn all das Schöne nicht mehr?
Ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, dass ich einen Theaterbesuch vorzeitig abgebrochen habe. Und ich schäme mich noch immer dafür, weil das witzelnd, schimpfend und türknallend geschah, siehe oben. Aber ich war jung und dumm. Heute weiß ich: So schlimm kann Theater gar nicht sein, dass ich nicht bis zum Ende durchhalte. Weil ich wissen will, wie es ausgeht. Oder weil ich zwar weiß, wie es ausgeht, aber wissen will, wie die da vorne das Ende gestalten. Oder weil gerade einfach die besten Schauspieler*innen der Welt zu sehen sind, die selbst das berühmte Telefonbuch spielen könnten. Natürlich jenes von Goethe. Das ist auch der Grund, weshalb es mir überhaupt nichts ausmacht, alleine ins Theater zu gehen. Es gibt nämlich nichts Anstrengenderes, als ungefragt Meinungen zum Gesehenen zu hören. Am besten schon beim Warten in der Garderobenschlange. Gute Freund*innen von mir wissen das. Nicht, dass ich die Meinungen guter Freund*innen uninteressant fände.
Aber wenn ich beseelt, euphorisch und gut gelaunt eine schöne Vorstellung gehabt habe und jemand motschgert nur herum, dann sind die ganze Euphorie und gute Laune schnell wieder weg. Theater ist auch ein Kraftort, den mag man sich nur ungern kaputtmachen lassen. Theater als Kraftkammer: Jemand sollte unbedingt mal einen Text dazu schreiben.