Angelika Hager: Timothée, schluck das!
Warum die Ignoranz von Herrn Chalamet einen auf die Respektstraße bringt. Danke dafür! - so Angelika Hager in ihrer neuen Kolumne.
Zwei Füße, die eine Via Dolorosa nacherzählen: Es ist ein ikonisches Foto von Richard Avedon, das die kraftvoll modellierten Beine und die zerschundenen Füße mit den zersplitterten Nägeln des Jahrhunderttänzers Rudolf Nurejew zeigt. Das Bild erzählt von Leidenschaft, unmenschlicher Disziplin, Kunst in anderen Sphären und dem Willen, sich über das Äußerste hinaus zu verausgaben.
Als Hollywoods Superstar der Stunde, Timothée Chalamet, bei der vergangenen Oscar-Zeremonie ins Leere griff, wurde Instagram überschwemmt mit stilvoller Häme. Beispielsweise zeigten sich zwei Ballerinas in vollem Tutu im Bett, während sie voller Freude den Gewinn des „Blood & Sinners”-Stars Michael B. Jordan beklatschten.
Flashback: Chalamet hatte ein paar Wochen zuvor bei einem Panel des Branchenmagazins „Variety”, wie gewohnt mit Selbstbewusstsein bis über die Erträglichkeit aufgepumpt, angemerkt, dass er sich sehr glücklich schätze, nicht in der Oper oder im Ballett arbeiten zu müssen, weil es sich hierbei um Kunstformen handle, „die ohnehin niemanden mehr interessieren” würden. Wellen der Empörung schwappten durch Instagram und in solchen Momenten beginnt man, dieses soziale Medium wieder extrem zu schätzen – ob der Schnelligkeit seiner Reaktionsmöglichkeiten und der Originalität mancher „Content Creators”. Was für eine bescheuerte Berufsbezeichnung außerdem, was soll man denn anderes kreieren außer Inhalten?
In jedem Fall reagierten die Künstler*innen vieler Opernhäuser belustigt, leicht mitleidig ob solcher selbstherrlicher Ignoranz: Ein Ballettgott tanzte auf einer Power Plate und schrieb auf das Posting: „Schau dir das ganz genau an, Timmi-Baby!” Wie Tänzer in Künstlergarderoben intonierten Sänger weltweit unisono mit voller Kraft „Chalamet!”. Und das Broadway-Urgestein Nathan Lane erklärte in einer Talkshow lakonisch: „Noch Jahrhunderte später werden Menschen in ,Schwanensee‘ oder ,La traviata‘ pilgern. Und kein Mensch wird sich an diesen Chalamet erinnern, der so einen endlos langweiligen Pingpong-Film gemacht hat, der sowieso schon in den nächsten Monaten in den Orkus der Vergessenheit geraten sein wird.”
Und Nathan Lane wird natürlich recht behalten. Oper, das ist in bestem Fall pure Emotion, verbrämt mit hoher Kunst, eine Gattung ohne Ablaufdatum. Denn Sänger und Sängerinnen sind (abgesehen von ihrer Fähigkeit, Welten entstehen zu lassen) de facto Hochleistungsathleten, die über das Kapital ihrer Stimme wie Cerberi wachen müssen, denn dieses Kapital besitzt auch die Charaktereigenschaft der Unverzeihlichkeit. „Irgendwann weiß ich,” hatte Cecilia Bartoli einmal in einem Interview gesagt, „dass ich meine Stimme wieder zurückgeben werde müssen.”
Von all diesen Kämpfen, Verzweiflungen, Ängsten zu versagen und Disziplin-Marathons haben wir natürlich keine Ahnung, wenn der Lappen hochgeht, und wir, gleich Kindern, unser Bewusstsein dem Staunen öffnen. Genauso wie es Hunde- oder Katzenmenschen gibt, teilt sich unter den Kulturaficionados die Menschheit häufig in Theater- und Opernfans. Ich tendiere eher zu den Theaterleidenschaftlichen, was wahrscheinlich mit meinem Aufwachsen zu tun hat.
Meine Mutter schleppte mich schon früh in jedes erdenkliche Theaterstück, manchmal hatte ich keine Ahnung, worum es genau ging, aber dieses elektrisierende Erwartungsgefühl war immer da. Ich konnte es mir bis heute erhalten. Ich brauche zumindest einmal die Woche eine Dosis Theater. Aber danke, Timmy-Baby, für die Animation, ich werde mich jetzt mehr jener Kunstform widmen, die Menschen so wenig interessiert, dass sie vor Kassen nachts kampieren, um gleich beim Aufsperren Tickets zu erhaschen. Es wurde auch höchste Zeit.