Zum Inhalt springen

Julya Rabinowich ist eine österreichische Schriftstellerin, Dramatikerin, Kolumnistin, Malerin, Übersetzerin.

Julya Rabinowich ist eine österreichische Schriftstellerin, Dramatikerin, Kolumnistin, Malerin, Übersetzerin.
Foto: Michael Mazohl

Nostalgia und Ostpanik

Kolumne

Diktatur unterdrückt alle, aber die Frauen auf eine doppelte Weise. Sie müssen von den unterdrückten Männern unterdrückt werden können. Das hält Systeme stabiler.

Meine Freundschaft mit Sofi begann mit der sehr speziellen Färbung des Himmels über dem Meer. Der finnische Meerbusen trug die Farben meiner Kindheit, es roch beinahe nach ihr, fast war ich wieder dort, auf der anderen Seite der Wasserfläche. Die andere Seite gehörte zu Russland. Es fuhren in kurzen Abständen Schiffe rüber, Schiffe, auf deren Passagiersitzen ich nie Platz nehmen würde. Nie an Bord gehen. Nie auf der Aussichtsplattform stehen – mit Meerwind im Haar, den Geruch von Salz in der Nase. Für mich galt: Kein Schiff wird kommen, das mich durch die Wellen und unter den Brücken von St. Petersburg hindurchführen würde, Brücken, an die ich mich noch erinnern konnte, weil mich das Bild der hochgefahrenen Brückenteile, die wie Dinosaurierhälse gegen den rosafarbenen Weiße-Nacht-Himmel stießen, schon als Fünfjährige so unglaublich beeindruckt hatten.

Etwas öffnete sich, um anderes durchzulassen.

Diese Durchlässigkeit habe ich verloren. Sie blieb irgendwo zurück im Dunst der Neva, in den gewundenen Gässchen und Kanälen, die mich immer an Venedig erinnern. Oder, eigentlich, umgekehrt. Und dieselbe nagende Nostalgia machte sich in mir breit, die ich in Venedig so deutlich spüre, immer. Nun auch hier. Hinter mir befand sich eine Markthalle, in der riesige Räucherlachse und Berge von Sprotten auf mich warteten, auch das roch nach meiner Kindheit. Das Brot dazu war dunkel wie eine finstere Nacht.

Sofi Oksanen hatte mich dorthin gebracht und mich mit meinen Erinnerungen allein gelassen, sie schrieb gerade an einem neuen Roman und ich wollte ihr nicht zu viel Zeit stehlen. Es genügte aber nur dieser eine erste gemeinsame Tag, um mir etwas Verwandtes, Vertrautes zwischen uns zu vermitteln. Der Schmerz. Die Wut. Das Brüllenwollen. Das Schreibenmüssen. Wir reisten beide viel mit unseren Büchern durch die Welt. Wir hatten beide viel an Russland verloren und wir hatten beide Exil und Unterdrückung erlebt, die bis in nachfolgende Generationen nachhallte. Am nächsten Tag besuchten wir ein Kaffeehaus in Helsinki und aßen ein Gebäck, das aussah wie der Hund des damaligen finnischen Präsidenten. Das waren die harmlosen Momente unserer Freundschaft. Es gab auch weniger harmlose.

Vor Kurzem war sie in Wien, um ihr Buch „Putins Krieg gegen die Frauen“ vorzustellen, um aus einer Rede zu lesen und um mit mir ein Gespräch im Konzerthaus zu führen. Und da, in ihren Worten, war sie wieder da, meine eigene Erfahrung. Die mögliche Gewalt. Die alltägliche Unterdrückung. Die Verachtung. Die tägliche Gefahr. Sie fackelte nicht lange herum, sie stieß zum Kern des Geschehens vor. Diktatur unterdrückt alle, aber die Frauen auf eine doppelte Weise. Sie müssen von den unterdrückten Männern unterdrückt werden können. Das hält Systeme stabiler. Es schmerzte unglaublich, ihr zuzuhören. Und dennoch, wir mussten tiefer und tiefer in ihr Werk vordringen. Und das Publikum mit uns. Auch das war etwas so Verbindendes: gemeinsam in die Möglichkeiten einer Gegenwehr, aber auch eines Überwältigtwerdens zu tauchen. Finnland sei sich beider Möglichkeiten sehr bewusst, sagte Sofi Oksanen. Die gemeinsame Grenze verlangte das zwingend.

Ich konnte ihr später, als wir bereits bei einem herrlichen Tafelspitz saßen, nicht versprechen, dass dies auf ganz Europa zutreffen würde.

Julya Rabinowich
Julya Rabinowich
Autor
Mehr zum Thema
1 / 11