In einem fernen Land
Es wird dauern, bis wir die Kälte dieses Winters aus den Knochen bekommen, aber ein Trip in tropische Gefilde hilft enorm. Ich habe da eine Empfehlung: Viel exotischer als im Sipsong, einem abgehoben-warmherzigen und verrückt-thailändischen Ort in der Florianigasse, kann es kaum werden. Achtung, heiß im Sinne von scharf!
Wer etwas erleben will, der muss auch gen und die Unverrückbarkeit der eigenen Komfortzone infrage zu stellen. Beim Theater ist das eine Grundvoraussetzung. Für der Welt zugewandte Menschen wie die hier Versammelten kann das auch für den Restaurantbesuch gelten dürfen, hie und da zumindest. Vor allem, wenn man das Leben als einzige Möglichkeit erkannt hat, ein bisserl ein Abenteuer zu erleben.
THAILAND? HINTERM RATHAUS!
Das „Sipsong“ am Anfang der Florianigasse, kaum mehr als einen Spaziergang durch den Rathauspark vom Burgtheater entfernt, ist genau dafür gemacht. Wer hier durch die Tür geht, der ist draußen aus der Stadt, weg aus diesem endlos grauen Winter und an einem Ort, wo Farbe, Exotik, Überraschung die Realität bestimmen.
Und ganz exorbitant guter Geschmack. Dass hier schon zum ersten Drink exquisite Häppchen von roh marinierten Garnelen oder knusprig gebratener Rindszunge (in Betelblätter gerollt und mit fermentierter Quitte garniert), gereicht werden, darf zart besaitete Abenteuerlustige nicht abschrecken. Ja, es kann im Zuge des Abends noch ärger werden.
DELIKATESSEN ZÄHMEN
Genauso lässt sich hier aber auch mit vergleichsweise zahmen Delikatessen glücklich werden. Mit Yam Som O zum Beispiel, einem berückend frühlingsfrischen Salat aus Pomelo, gerösteter Kokos, luftgetrockneten Shrimps und Cashews. Oder mit Hendl in südthailändischem, von der karamellisierten Kokosmilch berückend süßem Curry samt zartblätternd knusprigem Roti-Fladen. Oder, nicht bloß fleischfrei, sondern vegan, mit Nam Tok Hed Nang Rom, im Wok flammengebratenen Austernpilzen mit geröstetem Reispulver, Soja und Zitronensaft – zart rauchig und pur, sauber, voll satter Aromatik, deutlich spektakulärer am Gaumen als vor dem Auge.
MAN BRINGE DEN COCKTAIL
Vorab aber sollte man sich die Aperitivi in diesem himmelblau bis babyrosa ausgestalteten Fiebertraum von einem Restaurant, mit grellbunten Wachstischtüchern, niemals leiser Musik und einer raumgreifenden Wandteppich-Installation, nicht entgehen lassen. Pearl heißt die Resident Mixologist und ihre Salt Plum Margaritas, Quincy Moans Highballs, White Jasmin Negronis und anderen Hard-all-Night-Shots haben durchaus das Kaliber, einen geradewegs nach Bangkok und retour zu schießen. Viele Zutaten sind selbst angesetzt und fermentiert, sehr gern mit dem hauseigenen Reiswein Sato, die Kompositionen sind ebenso ungewöhnlich wie unwiderstehlich. Wer vor dem Theater lieber Vorsicht walten lässt, kann sich aber auch an Trumer Pils und hausgemachten Limonaden festhalten, ganz ausgesucht gute Naturweine sind ebenso vorrätig.
SIE THAI, ER SCHWEDE
Habitués der anderen Thai-Restaurants Wiens haben es schon bemerkt: Die Küche von Supannada „Piano“ Plupthong und, ganz wichtig, ihrer Mutter und Chefköchin Mon hat nur periphere Ähnlichkeit mit dem, was in der Stadt sonst als Thai-Cuisine aufgetischt werden darf. Liegt einerseits daran, dass Piano, wie ihr aus Schweden gebürtiger Mann Jan Petersen, eine wahrhaftige Weltbürgerin ist, außerdem Künstlerin, die als Leadsängerin von The Amazing Chaiyo Band mit hoch ansteckendem „Siam Disco Sound“ für Coverversionen amerikanischer Funk- und Discoklassiker (nur halt auf Thai) steht. Vor diesem Hintergrund wird die Sache mit der Authentizität eben ernster angepackt, gleichzeitig nimmt sich die Eingemeindung lokaler Qualitätszutaten vergleichsweise entspannter, weltläufiger aus. Das klassisch europäisierte Green Curry, die Frühlingsrollen und die eh braven Pad-Thai-Reisnudeln wird man im „Sipsong“ vergeblich suchen, dafür ist Piano den authentischen Geschmäckern ihrer Kindheit zu sehr hinterher.
WILDE EXOTIK
Sai Oua zum Beispiel, eine in Kooperation mit der Wiener Fleischhauerei Eder fabrizierte und wie in Thailand fermentierte Bratwurst aus Lamm und Schwein, mit allerhandKräutern und superknusprigen Pork Skin Crisps, wundersam aromatisch, irrsinnig gut. Oder Pla Som, in Reis gereifte und fermentierte Forelle, salzig und würzig wie eine Makrele, mit festem Biss, die mittels fruchtig scharfem Jaew-Dip noch einmal auf andere Art lebendig wird. Vorsicht: macht unheimlich köstlichen Durst! Oder die überragende Tom Yam Goong Pao, jene sauerfruchtige, scharfe Suppe mit gegrillten Garnelen, Austernpilzen und Lemongrass, die einem das Blei des Winters wie nix von der Seele fegt.
So geht es dahin, am liebsten will man alles kosten und tut es dann auch. Und hinterher noch den Sticky Rice mit Kokos und vollreifer, vor Aroma und Süße überquellender Mango – man will ja wissen, warum einem plötzlich gar so voll und wohlig ist!