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Christopher Wurmdobler macht Bücher und Theater. Wenn er nicht gerade im Nesterval-Ensemble probt oder spielt beziehungsweise Romane schreibt, sitzt er regelmäßig im Kaffeehaus oder im Theater. „Felix Austria“ heißt sein aktueller Roman, erschienen im Czernin-Verlag.

Christopher Wurmdobler macht Bücher und Theater. Wenn er nicht gerade im Nesterval-Ensemble probt oder spielt beziehungsweise Romane schreibt, sitzt er regelmäßig im Kaffeehaus oder im Theater. „Felix Austria“ heißt sein aktueller Roman, erschienen im Czernin-Verlag.
Foto: Andreas Jakwerth

Christopher Wurmdobler: Eine Feuermauer zum Feierabend

Kolumne

Rohe Wände, gestohlene Kulissen, Irritationen am Set und ein Publikum, das auf die kleinsten Details achtet. Zu Recht.

„Ich bin Bauleiterin“, beschwerte sich die Frau am Platz neben mir, als das Saallicht für die Pause anging. Sie verbringe den ganzen Tag in Rohbauten, da müsse sie sich „nicht auch noch nach Feierabend eine schiache Feuermauer anschauen“ Das war vor einiger Zeit im Akademietheater und das Stück habe ich vergessen. Habe ich natürlich nicht, aber es kann so ziemlich jede Inszenierung in den letzten zehn, zwanzig Jahren im Akademietheater gewesen sein. Gerade ändert sich da was, doch die schwarz angemalte Ziegelmauer mit den ebenfalls schwarzen, meterhohen Heizkörpern und der unendlichen Wendeltreppe links hat Generationen von Theaterschaffenden schwer beeindruckt – so oft wie die rohe Mauer Kulisse genug war. Aber was für eine! „Carol Reed“, einer der absurd-schönsten René-Pollesch-Abende im Akademietheater, spielte sogar mit der komplett leer geräumten Bühne und damit, dass das eigentliche Bühnenbild gestohlen worden sei. Stattdessen ließ die Bühnenbildnerin Katrin Brack damals kunstvoll Nebelschwaden verblasen: „Mon dieu, wo ist das Bühnenbild?“, riefen die Schauspieler*innen nervös.

Bestimmt gibt es viele Gründe für die nackte Wand. In erster Linie künstlerische. Vielleicht will man den ganzen Platz ausnutzen – das Akademietheater hat keine Hinterbühne – oder ganz prosaisch die Maschinerie hinter all dem Theaterzauber zeigen. So wie es seit einiger Zeit auch wieder beliebt ist, blendende Scheinwerfer ziemlich undezent ins Bild fahren zu lassen. Oder dass Techniker*innen auf offener Bühne um- und abbauen. Oder der inflationäre Einsatz von Drehbühnen. Man macht die Theatermaschine sichtbar und in den meisten Fällen ergibt das auch einen Sinn, der weit übers Spektakel hinausgeht – und ist ebenso wenig Modeerscheinung wie Livekameras oder realistische Bühnenbilder, so akribisch geplant wie Filmsets.

Das ist ja das Schöne am Theater, dass alles irgendwie gleichzeitig da ist. Also zum Beispiel auch das Gegenteil von gestohlenem Bühnenbild. Unlängst war ich im „Ferienhaus“. Genau gesagt habe ich bei der Premiere von der Galerie des Burgtheaters aus auf das modernistische Gebäude geschaut, das die Bühnenbildnerin Lizzie Clachan für Simon Stones gleichnamiges Stück auf die Bühne gestellt hat; übrigens auf die Drehbühne. Schiebetüren, Einbauküche, gefliestes Badezimmer mit Klo und Dusche, Schlaf- und Wohnbereich, Rundumverglasung, alles vorhanden.

Glücklicherweise hatte ich niemanden vom Fach an meiner Seite. Aber es würde mich nicht wundern, wenn sich ein Architekt oder eine Architektin darüber beschwerte, dass bei dieser ansonsten tadellosen Theaterimmobilie auf die Symmetrie vergessen wurde. Achten Sie einmal auf die Kante der Fenster und wie um wenige Zentimeter versetzt darüber die Steher des Terrassengeländers verlaufen. Das „Ferienhaus“ dauert fast vier Stunden. Wer diesen Schönheitsfehler erst einmal entdeckt hat, kann kaum mehr woanders hinsehen. Kleine Details, die plötzlich ganz groß werden: Jemand sollte unbedingt mal einen Text dazu schreiben.

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