Wieso mag Sie in Wien plötzlich jeder, Milo Rau?
Übers Programm wird gestritten – manchmal die Nase gerümpft –, aber den Intendanten mag jeder. Dazu sind fast alle Vorstellungen ausverkauft. Wie macht er das, der Rau?
Wie haben Sie die Stadt rumgekriegt, Herr Rau? Verstehen Schweizer die Wiener besser als die Deutschen?
Diese Stadt ist theaterverrückt. Die Menschen hier wissen Bescheid. Das Publikum kannst du nicht mit Dingen schocken, die in Deutschland zum Theaterskandal werden. Wenn ich woanders, wie hier 2024, die große Revolution, die freie Republik ausgerufen hätte, hätten die Menschen mit den Schultern gezuckt und gesagt: Theater interessiert mich auch jetzt nicht. Hier aber fahre ich mit dem Taxi vom Flughafen in die Stadt und der Fahrer dreht sich um und fragt: „Sie sind doch der Milo Rau. Warum haben Sie das mit dem Currentzis gemacht?“ Die Menschen hier wollen sich aufregen und wir fragen sie – mit allem Respekt: Was haltet ihr davon? Und wenn ihr nicht antworten wollt, dann halten wir euch die Frage so lange vors Gesicht, bis ihr was sagen müsst. Und genau dafür ist Wien die richtige Stadt.
Sie sind ja ein bisserl die Trümmerfrau der Festwochen. Die waren ja zerschmettert in Stücke – aber bei Tageslicht.
Ich glaube, man hat sich gedacht, es kommen zwar immer weniger Menschen, aber es wird uns immer geben und so machen wir halt weiter. Ich habe mich sehr genau mit der Geschichte der Festwochen auseinandergesetzt – es gab diese Niedergänge und Neuanfänge immer wieder. Und es gab diese Knalls. Ich mache ein Jubiläumsstück und befrage Menschen, die damals, am Beginn 1951, dabei waren. Sie alle sagen: Wien war eine graue Stadt, es war total langweilig, die Nazis sind noch überall herumgekrochen und haben schlechte Stimmung verbreitet. Durch die Festwochen ist dann plötzlich eine Art Blumenmeer aufgegangen. Die Menschen kamen aus den Bundesländern und die Welt war wieder in Wien und es gab ein riesiges Eröffnungskonzert. Wenn ich Freunden erzähle, die Wien nicht kennen, dass ich ein Festival mache, bei dem zur Eröffnung 50.000 Menschen kommen, dann schütteln die nur den Kopf …
Das reicht, um die Wiener*innen zu begeistern?
(lacht) Nein. Das Publikum hier ist High End. Es ist die Metropole der Moderne und des Aktionismus. Hier ein bisschen Gacka oder ein bisschen nackt zu machen, das reicht hier nicht. Das haben wir bei „Sancta gemerkt“, ein Stück bei dem in anderen Städten die Menschen in Ohnmacht gefallen sind oder Skandal gerufen haben. Hier sind die Menschen im Publikum gesessen und haben gesagt: „Ah, der isst seinen Finger – na ja, warum nicht. Muss nicht sein, aber …“ Wien ist sehr cool und die Wiener*innen machen gerne mit. Wir haben einen Aufruf gemacht und Mitspieler*innen gesucht – in zehn Minuten haben sich tausend Menschen gemeldet.
Reden Sie mir jetzt Wien schöner, als es ist?
Keine Angst. Wien ist eine Repräsentationsstadt, eine theatralische Stadt und eine extrem toxische Stadt. Man hat das Gefühl, wenn du dich umdrehst, dann wird dir gleich ein Dolch in den Rücken gerammt. Man pinkelt dich an, aber dann geht man mit dir essen. Vergangenes Jahr hat ein Mann extrem gegen mich mobil gemacht, mich persönlich angegriffen und als sich alles wieder beruhigt hat – da hat er mich angerufen und wollte was von mir. Er meinte nur: War ja nicht alles persönlich gemeint, das war doch vorgestern und was mein Problem sei. Wien ist eine große Bühne, alle sind aufgeregt, ein wahnsinniges Durcheinander entsteht, Katastrophen und dann geht man nach Hause und am nächsten Tag geht alles wieder von vorne los. Das ist doch wunderbar. In Zürich ist den Menschen alles egal. Hier braucht man nur zu hüsteln und jeder hat eine Meinung dazu.
Warum sind wir so verrückt?
Wien hat diesen Spirit von Intrige und Debatte. Und ich habe das Gefühl, dass der Verriss – egal, ob jetzt schriftlich oder mündlich – einfach eine sehr wienerische Kunstform ist. Er ist ja auch viel interessanter als ein Lobgesang. Verrisse sind interessanter zu schreiben, interessanter zu lesen, sogar wenn ich selber verrissen werde. Im Konflikt kann man brillant sein, Konflikte sind spannend. Dazu kommt das Wienerische, das in der Beschimpfung sehr große Bilder entwerfen kann. Das hat Tradition: Karl Kraus hat in seiner Zeitschrift wirklich viel toxische Scheiße hineingeschrieben. Es ist jetzt Literaturgeschichte. Ich finde das sehr interessant, dass man hier aus Angriffen, Verrissen, Streit und übler Nachrede seit Jahrhunderten Weltkunst macht.
Sie amüsiert und interessiert offenbar das Toxische an der Stadt.
Ich habe schon meine Zeit gebraucht. Ich kann Dinge ganz gut nehmen. Ich werde erst grantig, wenn man meine Familie bedroht oder meine Katze gegen den Strich streichelt (lacht). Dann würde ich sagen: Das gehört nicht mehr zum Spiel. Wissen Sie: Die Wiener tun immer so grantig, aber in Wirklichkeit nutzen sie jede Bühne, die sie kriegen können. Das beginnt beim Kellner im Kaffeehaus. Die Wiener nutzen, wie die Italiener, jeden Moment der totalen Bühne. Das ist ein toller Zugang. Sie genießen das Leben und haben Spaß.
Ich will jetzt nicht mit Ihnen das ganze Programm durchgehen – ich gehe davon aus, dass unsere Leser*innen es entweder kennen oder selber nachschauen können – aber was haben Sie da mit „Parsifal“ vor? Susanne Kennedy wird inszenieren. Wird das einer Ihrer von mir gefürchteten Loops?
Dieses Bühneweihfestspiel ist ein großes Ritual, das niemand durchschaut hat. Der Grundsatz ist: durch Mitleid zur Weisheit – quasi die Grundessenz aller Religionen. Dass wir auf die Existenz schauen werden, entspannt. Es geht nicht um Macht, Liebe oder Sex. Sondern wir tauchen ein ins Sein und Verstehen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Warum sind wir da? Warum wurden wir geboren? Bei dieser Oper kann man sich nur vor Wagner verbeugen und sagen: Hier geht es um die Quintessenz alles Menschlichen. Susanne Kennedy versucht die totale Inszenierung der totalen Oper – in aller Demut.
Ihr arbeitet mit großem Orchester und großem Chor, wie bekommt ihr die Akustik in der MQ-Halle in den Griff?
Es ist noch alles dort, was für das Theater an der Wien dort hingebaut wurde. Das hilft und spart Geld. Wir greifen auf Bestehendes zurück.
Sie arbeiten auch heuer das erste Mal mit NESTERVAL, den Popstars der Offszene. Wie kam es dazu?
Über NESTERVAL wird gesprochen, sie sind eine Wiener Gruppe und sie sind zu uns gekommen. Wir wissen aus Umfragen, dass ein Bedürfnis des Publikums ist, dass Künstler*innen aus Wien bei den Festwochen präsent sind. NESTERVAL bietet ein Theatererlebnis, das einzigartig ist, das man nur bei ihnen bekommen kann. Es ist sehr exklusiv, weil nur begrenzt Menschen kommen können. Ihre Vorstellungen waren auch nach zwei Minuten ausverkauft.