Im schönsten Saal der Welt
Der Wiener Musikverein ist ein weltweiter Superstar. Aber er kann mehr als nur Neujahrskonzert. Stephan Pauly hat einen Ort geschaffen, an dem Musik nicht nur gespielt, sondern vor allem gefeiert wird.
Es ist ein Wunderwerk der Akustik, der Architektur und der Opulenz: der Große Saal des Wiener Musikvereins. Eine musikalische Visitenkarte, die es kein zweites Mal auf der Welt gibt, die alle kennen, die Musik feiern. Konzerte werden da nicht gespielt, sondern zelebriert. Dass rund 50 Millionen Menschen jedes Jahr das Neujahrskonzert der Philharmoniker verfolgen, zementiert den Musikverein als weltweite Nummer eins ein. Aber nur wenige wissen, dass es da nicht nur andere Säle im Gebäude des Musikvereins gibt, sondern auch ein sehr, sehr liebevoll kuratiertes Programm der musikalischen Vielfalt, das die verschiedensten Zielgruppen bespielt und abholt. Um Ihnen eine Aufzählung hier zu ersparen: Machen Sie doch eine kleine Inforeise auf der Homepage des Musikvereins (musikverein.at). Wir haben dafür jenen Mann getroffen, der seit dem Jahr 2020 für den Erfolg des Musikvereins verant- wortlich zeichnet und die Programmierung breiter aufgestellt hat: Stephan Pauly.
„Man muss die DNA einer Institution verstehen.“ – Musikvereinsintendant Stephan Pauly über Tradition, Neugier und neue Konzertformate.
Der Wiener Musikverein gilt als einer der bedeutendsten Konzertsäle der Welt. Seit einigen Jahren steht er unter der Leitung von Intendant Stephan Pauly. Im Gespräch erklärt er, wie man eine Institution mit solcher Geschichte führt – und warum Zukunft für ihn immer auch Neugier bedeutet.
Herr Pauly, wie führt man eigentlich ein Haus wie den Musikverein?
Mit großer Leidenschaft – und mit großem Respekt vor der Geschichte dieses Orts. Die Gesellschaft der Musikfreunde blickt auf eine wirklich unvergleichliche Musikgeschichte zurück. Wenn man sich vor Augen führt, was hier alles passiert ist: Uraufführungen, legendäre Interpretationen, die größte private Musiksammlung der Welt. Und natürlich der Saal selbst – wer hier alles musiziert hat, welche Musik hier erklungen ist. Das ist ein gewaltiges, einmaliges Gebilde. Deshalb steht für mich am Anfang der Versuch, eine Institution von innen heraus zu verstehen: ihre Geschichte, ihre DNA, die Menschen hinter den Kulissen und auf der Bühne, wie Künstler diesen Ort wahrnehmen und wie das Publikum ihn erlebt. Erst wenn man das wirklich versteht, kann man überlegen, was für die Zukunft wertvoll, erweiternd und innovativ sein könnte.
Wir versuchen zum anderen bewusst, uns nicht nur dem großen Repertoire zu überlassen, sondern neugierig zu bleiben. Dazu gehört ein gewisses Risiko.
– Stephan Pauly, Intendant
Das wirft zwei Fragen auf: Was ist die DNA des Musikvereins und was ist seine Zukunft?
Die DNA ist für mich ziemlich klar: die Interpretation der großen Meisterwerke der klassischen Musik durch die besten Künstlerinnen und Künstler der Welt. Die großen Orchester,Dirigenten und Solisten – das ist der Kern des Musikvereins. Unser erstes Ziel ist es deshalb, diese Tradition lebendig und leidenschaftlich in die Zukunft zu tragen. Der größte Teil unseres Programms besteht aus genau diesen Begegnungen: große Interpreten mit großen Werken der Musikgeschichte.
Und wo liegt dann die Zukunft?
In zwei Richtungen. Zum einen in kreativen Programmen, die das Konzert selbst weiterentwickeln. Dass man Stücke hört, die man sonst vielleicht nicht hört, dass Künstler in neuen Konstellationen zusammenarbeiten oder dass man musikalische Entdeckungen macht. Wir versuchen zum anderen bewusst, uns nicht nur dem großen Repertoire zu überlassen, sondern neugierig zu bleiben. Dazu gehört auch ein gewisses Risiko.
Stephan PAULY in Köln geboren, leitete u. a. die Internationale Stiftung Mozarteum Salzburg und die Alte Oper Frankfurt, bevor er die Nachfolge von Thomas Angyan mitten in der Coronapandemie (2020) antrat. Pauly hat den Musikverein in den vergangenen Jahren für neue Zielgruppen geöffnet.
Was bedeutet „kreativ programmieren“ konkret?
Ein Beispiel ist unser jährliches Musikfest. Das wird von einem Objekt aus unserer Sammlung inspiriert. Von dort aus erzählen wir eine Geschichte und entwickeln Programme, die mit diesem Objekt zusammenhängen. Oder unsere Late-Night-Reihe „Night Flowers“, kuratiert von Marino Formenti. Dort steht zeitgenössische Musik im Mittelpunkt – und das Format ist unglaublich gut angekommen. Ein weiteres Beispiel sind die „Musikverein Perspektiven“. Da stellen wir eine große Persönlichkeit in den Mittelpunkt, die selbst gar keine Musikerin oder kein Musiker ist. In der vergangenen Saison war das der Quantenphysiker Anton Zeilinger, in der kommenden Saison wird es die Schriftstellerin Elfriede Jelinek sein. Uns interessiert dabei der Blick dieser Persönlichkeiten auf Musik.
Wien gilt als Stadt mit besonders leidenschaftlichem Publikum. Spüren Sie das auch?
Sehr stark sogar. Ich stehe oft im Foyer vor oder nach Konzerten und komme mit Menschen ins Gespräch. Viele erzählen mir dann, dass sie schon als Kinder mit ihren Großeltern hier waren, weil die ein Abonnement hatten. Das ist etwas sehr Besonderes: dieses Gefühl, dass Menschen sich hier zu Hause fühlen. Es gibt aktive Mitglieder, Förderer, ein großes Netzwerk von Musikfreundinnen und Musikfreunden. Für uns ist es ein zentraler Gedanke, dass sich diese Menschen auch in Zukunft weiterhin hier zu Hause fühlen.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie man neues Publikum erreicht.
Ich glaube sehr stark an das Erlebnis. Nicht an reine Wissensvermittlung. Deshalb entwickeln wir neue Konzertformate, die andere Zugänge ermöglichen. Ein Beispiel ist unsere Reihe „Auszeit“. Das sind Relax-Konzerte im Gläsernen Saal. Teppiche am Boden, Polster, Liegestühle, gedämpftes Licht – die Musiker spielen in der Mitte, das Publikum sitzt oder liegt drumherum.
Eine Stunde am Abend, sehr günstige Tickets. Alle Konzerte waren ausverkauft. Oder das Format „Hörbar“ mit dem Chefdirigenten der Wiener Symphoniker, Petr Popelka, der Stücke erklärt und gleichzeitig spielt. Auch hier geht es weniger um Didaktik als um ein intensives Musikerlebnis.
Sie experimentieren also bewusst mit neuen Formen?
Ja. Neben den klassischen Konzerten gibt es bei uns viele andere Formate: Late-Night-Konzerte, Familienprogramme, künftig auch Lunch-Konzerte. Ziel ist immer, Musik in möglichst vielen Formen erlebbar zu machen. Ich glaube wirklich, dass Menschen über starke Musikerlebnisse erreicht werden können – auch wenn sie vorher vielleicht keinen Zugang zu klassischer Musik hatten.
Sie werden oft als „Herr Direktor“ angesprochen. Wie lautet Ihr offizieller Titel eigentlich?
Mein Titel ist Intendant. Aber ich weiß, was Sie meinen – in Wien ist „Herr Direktor“ natürlich ein sehr gebräuchlicher Begriff.
Sie wirken im Vergleich zu manchen Kulturmanagern eher zurückhaltend. Ist das Absicht?
Darüber denke ich ehrlich gesagt nicht so viel nach. Für mich steht die Institution im Mittelpunkt. Ich verstehe meine Rolle so, dass ich im Auftrag dieses Hauses arbeite. Es geht um die Entwicklung des Musikvereins, nicht um meine Person.
Der Musikverein hat mit den vier neuen Sälen unter dem Gebäude bereits eine große Erweiterung erlebt. Gibt es weitere Pläne, stärker nach außen zu gehen?
Die neuen Säle waren tatsächlich ein enormer Meilenstein. Unter dem Musikvereinsplatz ist ein ganzes Musikzentrum entstanden, das wir täglich nutzen. Deshalb haben wir heute wunderbare räumliche Möglichkeiten. Natürlich gibt es manchmal Projekte außerhalb des Hauses. Wir arbeiten etwa mit dem Sozialzentrum Cape 10 in Favoriten zusammen und bieten dort musikalische Programme für Schulen an. Oder beim Musikfest wird es einen musikalischen Spaziergang durch die Stadt geben. Und einmal werden sogar 111 Radfahrer rund um den Musikverein ein Stück von Mauricio Kagel aufführen.
Das ist etwas sehr Besonderes: dieses Gefühl, dass Menschen sich hier zu Hause fühlen.
– Stephan Pauly, Intendant
Sie haben viele besondere Konzertmomente erlebt. Gibt es Augenblicke, in denen Sie im Saal sitzen und denken: Das ist unglaublich?
Ja, solche Momente gibt es immer wieder. Natürlich gehört auch das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dazu – das ist etwas ganz Besonderes. Aber auch bei vielen anderen Konzerten erlebe ich Augenblicke, in denen sich alles verdichtet: das Orchester, der Dirigent, der Saal, das Publikum. Wenn plötzlich alle denselben Gedanken oder die- selbe Emotion teilen. Das sind sehr kostbare Momente.
Ihr aktueller Vertrag läuft bis 2030. Jetzt schon Lust auf mehr?
Ich hatte zuerst einen klassischen Fünf-Jahres-Vertrag von 2020 bis 2025, mitten in der Coronazeit begonnen. Jetzt bin ich in meinem zweiten Vertrag. Ich genieße diese Aufgabe sehr. Bis 2030 ist es ja noch eine ganze Strecke – und auf die freue ich mich sehr.