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Julya Rabinowich ist eine österreichische Schriftstellerin, Dramatikerin, Kolumnistin, Malerin, Übersetzerin.

Julya Rabinowich ist eine österreichische Schriftstellerin, Dramatikerin, Kolumnistin, Malerin, Übersetzerin.
Foto: Michael Mazohl

Julya Rabinowich: Elfriede die Große

Kolumne

Sie ist Nobelpreisträgerin, Kassandra, Seismografin und Schandmaul. Geliebt und gehasst. Ihre Meldeadresse: Am Abgrund.

Das Jahr 2026 ist offiziell als Elfriede-Jelinek-Jahr eingeläutet worden (inoffiziell ist jedes Jahr Elfriede Jelinek gewidmet, seit es Elfriede Jelinek gibt). Sie ist Nobelpreisträgerin, Kassandra, Seismografin und Schandmaul, geliebt und gehasst, ihre Meldeadresse: Am Abgrund. Sie ist voll dunklem Humor, Widerborstigkeit und bissiger Liebenswürdigkeit. Sie hält den Spiegel vor, in den die wenigsten blicken wollen, der aber notwendig ist, um nicht zu vergessen, wessen Gesicht man gerade trägt. Sie ist göttinnenhaft und schwebt gleichzeitig über allen Wassern, mit denen man gewaschen sein kann. Das jedoch, ohne ihre vier Wände zu verlassen.

Ohne ihr Werk ist das Theater undenkbar geworden, ohne ihren Widerspruch und ihren Zorn. Ich bewundere ihre Ausdauer, denn das, was mir erst nach und nach bewusst wird, nämlich die Aussichtslosigkeit des Wunschs, aufzurütteln und durch Literatur die Welt zu verändern, sie wenigstens so weit zu verändern, dass sie nicht vergisst, was Menschen unmenschlich werden ließ, quasi eine erhoffte Ent-Herr-Karlisierung, das muss ihr schon sehr lange bewusst gewesen sein. Und dennoch schreibt sie weiter, ist unbequem und gnadenlos, ist bereit, den Preis dafür zu zahlen, Dinge aus den Schatten hervorzuzerren, die man dort hoffnungsvoll verborgen geglaubt hat. Ihre Rezeption, die mittlerweile eine weltweite ist, ist nicht zufällig weltweit.

Obwohl ihr Röntgenblick bis ins kleinste austriakische Mikroklima hineinreicht, ist das Werk dennoch abstrahierbar und stellvertretend für andere Verbrechen, andere Vertuschung, andere missbräuchliche Machtsysteme. Gewalt gleicht sich weltweit. Ein Mikroblick in den Makrokosmos. Wie jede Prophetin spürt sie das Kommende, wenn es sich nur in kleinen Schwingungen zeigt, die anderen in ihren Folgen verschleiert bleiben. Elfriede Jelinek ist aber nicht nur eine wortgewaltige, sondern auch eine sehr zarte, etwas, was hinter ihrem Werk in den Hintergrund tritt. Insofern muss sie die Schlammschlacht, die die FPÖ seinerzeit gegen sie entfesselte, hart getroffen haben. Ein Real-Life-Shitstorm, einer der ersten. Gestoppt hat sie das nicht. Widerstand hat seinen Preis.

Das wusste sie. Nur die Blauen wussten das noch nicht, auf was für aussichtslosen Posten die FPÖ sich da befand. Gegen Jeanne d’Arc zieht Herr Karl auf lange Sicht immer den Kürzeren. Besonders absurd war jene Zeit, in der die FPÖ gegen das Elfriede-Jelinek-Forschungszentrum mobil machte, vorwarf, Steuergelder würden an sie verschwendet, weil die Blauen offenbar nicht begriffen hatten, dass das Zentrum nicht von ihr selbst betrieben wurde.

Die Vorstellung, Elfriede Jelinek würde im Elfriede-Jelinek-Forschungszentrum steuergeldfinanziert an sich selbst forschen, quasi als institutionalisierte Nabelschau, sagt mehr über das Kunstverständnis der FPÖ aus als über Elfriede Jelinek. Nestbeschmutzerin wurde sie sowieso durchgehend genannt, dabei ist alles, was sie tut, der Hygiene des angebräunten Nests gewidmet. Es gibt keine andere Künstlerin und keinen anderen Künstler, vor der oder dem ich in die Knie gehe. Elfriede ist die einzige. Nichts an ihr ist Pose. Es ist so echt, dass die Berührung schmerzt wie eine aufgebrochene Narbe, weil die Berührung alte Wunden öffnet. Wenn man sich ihr ausliefert, ist das Gefühl der eigenen Kleinheit recht schnell aufkeimend. Aber man kann sich inspirieren lassen. Und weiterschreiben.

Ich habe Elfriede Jelinek anlässlich einer Podiumsdiskussion zur Eröffnung des oben eingangs angesprochenen Elfriede-Jelinek-Jahres gefragt, ob sie sich selbst als Seismograf sehen würde. Ihre Antwort: „Vielleicht weil ich fast immer allein bin und lebensfern. Das ist wie der Blick in einen Ameisenhaufen, von oben.“

Lebensfern nicht wie jemand, der das Leben nicht begreift. Sondern wie eine, die das große Ganze nur aus großer Entfernung betrachten will und kann. Auf weitere 120 Elfriede-Jelinek-Jahre.

Erschienen in
Bühne 04/2026

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