Angelika Hager: Rette sich, wer kann!
Ich möchte Mitglied im Club der progressiven Nostalgiker werden. Es ist die einzige Methode, um sich intellektuell gesund zu halten.
Kürzlich standen wir im Backstage-Bereich des Rabenhoftheaters und diskutierten, was man sich aktuell unbedingt im Theater reinziehen muss. Natürlich den Thornton Wilder im Burgtheater, weil Starbesetzung – die Turbomotoren der Burg: Reinsperger, Peters und Strunk. Dem Autor stehe ich präventiv misstrauisch gegenüber. Das mag daran liegen, dass man einst im Englischunterricht mit dem altbackenen „Our Little Town” gepiesackt wurde.
Dann natürlich den radikalisierten Antik-Feminismus mit Mavie Hörbiger in „Lysistrata”. Die Hornby-Ehetherapie im Volkstheater in den Außenbezirken – mit der heimgekehrten Johanna Wokalek, einer Meisterin des unterkühlten Realismus. Nick Hornby ist auch ein Darling der Bildungsbürger-Skan- dic-Vintage-Furniture-Ginger-Matcha-Bubble, sprich: endlich ein Autor, der Lebenswelten-Identifikation ermöglicht. „Sophia oder das Ende der Humanisten” von dem sehr den Zeitnerv treffenden Moritz Rinke in den Kammerspielen.
Einigkeit in einem Punkt: bloß nichts mit Videos! Videos am Theater sind so was von vorgestern. Bei Frank Castorf hatte das seinerzeit dramaturgische Logik, dass sich ein Herr Wuttke auf einer Riesenleinwand im Schlamm wälzte, aber heute? Leute! Man ist doch ausgehungert nach analogen Erlebnissen. Ein paar Verstellungsartist*innen und ein wortgewaltiger Text auf der Bühne, mehr braucht es nicht. Jedes Mal, wenn ich ins Theater gehe, hat das für meine Psyche den gleichen Wert wie eine Psychotherapiestunde. Ist aber wesentlich günstiger. Man fühlt sich innerlich gesäubert, animiert, die Fantasie hat einen Stupser bekommen, auch wenn es mittelmäßig war oder in die Ja-eh-Rubrik gefallen ist.
Meine Freundin Doris Fuhrmann, die schmerzlich vermisste Künstleragentin, hatte für letztere Kategorie die Kurzformel parat: „Hut ab! – Aber wovor?!”
Wir müssen eine große Rückholaktion für unser im Verlieren begriffenes analoges Leben starten. Da gehört das Theater dazu, wobei wir trotz der akuten Sparmaßnahmen, verglichen mit Deutschland, eine echte Insel der Verschonten geblieben sind. So viele herrliche Möglichkeiten, analog zu entspannen, nachzudenken oder sich einfach nur zu amüsieren, wie in Wien gibt es doch nirgends. Und dann, Leute, kauft Zeitungen und Magazine! So ein Papiergeraschel zu einem Kipferl und dem ersten Kaffee – zumindest am Wochenende! Old-School-Wärme.
Ich denke, die einzige Methode, um im Dschungel der Gegenwart bei Verstand und Vergnügen zu bleiben, ist, Mitglied im Club der progressiven Nostalgiker zu werden. Ein noch fiktiver Club, um die Lebenshaltung, die konservierungswürdigen Relikte wie Qualitätsmedienkonsum, darstellende Kunst, selbst gekochtes Essen, Museumsbesuche und Echtleben-Treffen mit seinen Freunden zu kultivieren, gleichzeitig aber natürlich nicht nur zur Teilalphabetisierung, was digitales Leben und KI betrifft, zu neigen.
Man muss den Feind kennen, um ihn zu schlagen, und Cringe Bunnies wie Jeff Bezos, der zuerst die „Washington Post” schnupfte, um sie dann in kleinen Schritten zu zerstören, den Mittelfinger zu zeigen. Die gesamte Art-Section zu kappen, die Reporter in den Kriegsgebieten via Mail zu kündigen! Ohne finanzielle Not. Denn die Millionen für die absurde Doku über die aufgespannte Trump-Barbie fielen ja offensichtlich nicht ins Gewicht.
Bleiben wir auf hohem Niveau analog, Leute, zumindest einen kleinen Teil der Welt können wir dadurch retten.