Julya Rabinowich: Falsche Fakten
Es ist gemütlicher, sich mit denen an der Macht zu identifizieren. Sogar, wenn die Macht das Gegenteil dessen tut, was sie versprach.
Das Leben ist ein Hamsterrad, das mit einem Kaleidoskop Kinder bekommen hat. Und diese Kinder werden von der Revolution gefressen. Oder so. Die Steinchen wirbeln in immer neue Positionen, das dauergetriebene Gehetze im Rad (oder, frei nach Hermann Hesse, unter diesem) geht in die nächste Runde, alles dreht sich, alles bewegt sich, alles Walzer! Faktum ist, dass nix fix ist im Leben. Es ist ein Doppel- und ein Schnürboden gleichzeitig, aus dem heraus sowohl ein Deus ex Machina als auch ein schnöder Absturz entstehen können. Und es ist ein Strauß voller Widersprüchlichkeiten, die man auch noch lernen muss zu ertragen. Das ist oft kein leichtes Unterfangen. Aber was ist schon leicht. Im Endeffekt, außer einem hochschießenden Hassgefühl oder einer abrupten Verliebung, kaum etwas. Und am Schwersten ist die Bereitschaft, die allzu schmerzhafte Realität als eine solche zu erkennen. Und anzuerkennen. Man glaubt lieber das, was weniger ängstigt. Etwas, das weniger verstört.
Das muss nicht logisch wirken. Im Gegenteil. Menschen sind bereit, an fiktive gefolterte Minderjährige in geheimen Tunneln zu glauben, um tatsächlich existierende gequälte Minderjährige auf Milliardärsinseln zu ignorieren. Sollte doch etwas dabei herauskommen, das diese Weltsicht in Erschütterung bringen könnte, dreht man kurzerhand den Spieß um und macht aus Opfern Täterinnen. Problemlos. Es ist notwendig, um die eigene Balance zu halten, schließlich ist jede und jeder von uns auch nichts anderes als Drahtseiltanzende*r ohne Netz über dem Abgrund. Niemand fällt gern. Und doch ist das Aufschlagen in der Realität das Einzige, das uns aus jenem Labyrinth führt, das absurderweise gleichzeitig der oben beschriebene Drahtseilakt ist. Unten ist oben, oben ist unten, alternative Wahrheiten ersetzen tatsächliche, aus Fakten, die missliebig sind, werden im Handumdrehen falsche Fakten. Oft aus Mündern gepredigt, die Reichweite und damit Macht besitzen. Und ebenso oft in offene Ohren gelassen. Es ist leichter, sich mit denen an der Macht zu identifizieren. Gemütlicher. Sogar dann, wenn diese an der Macht das Gegenteil dessen tun, was zu tun sie versprachen, bevor sie an der Macht waren, in diesem Schwebezustand zwischen Aktion und Reaktion, zwischen lieblichen Ankündigungen und den nachfolgenden Taten.
Amerika ist nicht greater geworden. Russland kein neu errichtetes Imperium. In Israel und Gaza ist es zu keinem Frieden und zu keiner Entwaffnung der Hamas gekommen. Irans Mullahs sitzen noch immer fest im Sattel. Und immer noch müssen freiheitsliebende Frauen und ihre Unterstützer den Preis dafür zahlen. Die Schwerkraft ist nach wie vor gültig, auch wenn man sie zu ignorieren versucht. Impfungen verursachen keinen Autismus. Otto Mühl ist immer noch ein Missbraucher. Und Geerd Hamer ein mörderischer Scharlatan. Der weiße Mann wird nicht massenhaft unterdrückt, Tradwives sind keine Befreiung der Frauen. Der Mensch glaubt alternativen Realitäten immer schon zu gerne, wenn sie seine überschießenden Gefühle zu regulieren versprechen. Aber in Zeiten der digitalen Lüge ist es noch leichter geworden, den Irregeführten Honig ums virtuelle Maul zu schmieren, bevor man sie mit virtuellen Rattenfängerklängen in den realen Abgrund führt. Click & Cash. Gezahlt wird später.