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Christopher Wurmdobler macht Bücher und Theater. Wenn er nicht gerade im Nesterval-Ensemble probt oder spielt beziehungsweise Romane schreibt, sitzt er regelmäßig im Kaffeehaus oder im Theater. „Felix Austria“ heißt sein aktueller Roman, erschienen im Czernin-Verlag

Christopher Wurmdobler macht Bücher und Theater. Wenn er nicht gerade im Nesterval-Ensemble probt oder spielt beziehungsweise Romane schreibt, sitzt er regelmäßig im Kaffeehaus oder im Theater. „Felix Austria“ heißt sein aktueller Roman, erschienen im Czernin-Verlag
Foto: Andreas Jakwerth

Christopher Wurmdobler: An- und ausgezogen im Theater

Kolumne

Von wegen „Kopfputz“: Seien wir froh, dass es fürs Publikum keinen Dresscode mehr gibt. Also fast keinen, so Christopher Wurmdobler in seiner neuen Kolumne.

"Sie wissen aber schon, dass die Wiener Staatsoper beheizt ist?" Etwas zu laut und vor allem tadelnd tönte eine schrille Stimme durchs Parkett. Anlass für die Frage der Besucherin waren zwei Herren, die dick verpackt in Daunenjacken, Hauben und Schals in der ersten Reihe Platz genommen hatten und keinerlei Anstalten machten, ihre Wintergarderobe abzulegen.

Wenn es nicht die Staatsoper gewesen wäre, fix hätte man davon ausgehen können, dass sowohl die Tadelnde als auch die Vermummten Teil der Inszenierung sind und die Vorstellung bereits begonnen hat. Denn in der Regel ist es so, dass Personen, die sich im Publikumsbereich auffällig benehmen, irgendwie seltsam gekleidet sind oder vielleicht ein Mikrofon auf der Wange kleben haben, zur Aufführung gehören. Ebenso wenn im ausverkauften Haus ein paar gute Plätze frei bleiben: Dort nimmt mit Sicherheit irgendwann mal eine Schauspielerin oder ein Schauspieler Platz und beginnt zu spielen.

Keine Ahnung, was die verfrorenen Männer von Reihe eins da aufführten; es war jedenfalls keine Winteroper. Vielleicht waren sie kühlere Säle gewohnt. Oder sie wussten schlicht nicht, dass es eine Garderobe gibt, die in der Staatsoper zudem noch gratis ist. Wobei: Wer gleich vorne beim Orchestergraben Plätze hat, dem dürfte so was egal sein.

Abgesehen von der Bitte um eine „dem Anlass entsprechende Kleidung“ gilt in Wiener Theatern kein Dresscode. Das ist auch gut so. Früher, mögen manche jetzt jammern, früher habe man sich noch hübsch hergerichtet für den Theaterbesuch. Früher saß man aber auch im Etuikleid oder mit Anzug und Krawatte im Kaffeehaus. Es ist lange her, da habe ich mich im Burgtheater über die Hinweisschilder amüsiert, die dem Publikum „auffälligen Kopfputz“ unter sagten. Weder turmhohe Kopfbedeckungen noch die Schilder gibt es mehr. Dafür Menschen, die den Theaterbesuch nicht zwangsläufig zum persönlichen Laufstegerlebnis machen.

Die an den Stücken interessiert sind und weniger daran, was die Person auf dem Nebensitz so trägt. Obwohl es wiederum gar nicht so lange her ist, dass ich selbst im Fokus einer aufgeregten Diskussion stand, ob mein „Kopfputz“ respektlos gegenüber der Institution Theater sei. An der Debatte, die bis zum Herunterdimmen des Saallichts anhielt, beteiligten sich gleich mehrere Sitzreihen. Und natürlich nahm ich wie immer meine Baseballkappe – übrigens Merch vom Hamburger Thalia-Theater – rechtzeitig vom Schädel; die Personen hinter mir sollen schließlich auch was sehen.

In der Vorstellung damals gab es einen Moment, wo es ganz finster wurde und man den Leuten auf der Bühne aus dem Dunkel heraus Fragen stellen sollte. „Was, wenn das Licht angeht und wir alle sind nackt?“, wollte jemand wissen. Glücklicherweise waren alle im Auditorium noch bekleidet, als es wieder hell wurde. Im Theater, so die Erkenntnis, darf man alles anziehen – und auch gern anlassen. Außer natürlich die Mobiltelefone. Die, bitte, ausmachen. Handyklingeln, aufleuchtende Displays und Mitfilmen während der Vorstellung: Jemand sollte unbedingt mal einen Text dazu schreiben.

Erschienen in
Bühne 02/2026

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