Julya Rabinowich: Alles kommt wieder, oder?
Gleich werden hier die Gedanken einen Kreis beschreiben – rund und zerbrechlich wie ein Ei, aus dem eine neue Welt schlüpfen soll.
Alles vergeht, sagen die einen. Unwiederbringlich. Alles drehendes Rad. Und solange sich dieses Rad nicht weitergedreht hat, ist diese Kolumne eine Schrödingersche Kolumne: neu und alt. Vergangen und wiedergeboren. Das gilt für die ganze BÜHNE, aber auch für den Zustand der Welt, und vor allem gilt das immer für die Kunst. Kunst ist immer an dieser Schnittstelle zu finden, an der das Neue noch nicht geboren und das Alte nicht ganz verstorben ist, das Sterbende liegt quasi in den Wehen und alles, was Kunst ist, ist in der Hebammenschaft dieses Neuen eingeschrieben.
Der Zustand der Welt wird darin gespiegelt, auch jetzt, im Interregnum dieses Wandels. Der Wandel an und für sich hat selbstverständlich genug Material für viele, viele Kolumnen, aber jetzt gibt es nun einmal nur diese eine. Wir können vorläufig nur eines tun, nämlich Pegasus am Zaumzeug reißen und fokussieren. Zurück also zum Weltzustand.
Es ist kein besonders beruhigender Zustand. Das Autoritäre drängt mit aller Macht wieder zurück, es kommt einem vor, als würde der Schub von Jahr zu Jahr heftiger und offener ausgeübt werden. Es wird chic. Chic, auf das Faustrecht zu pochen. Chic, die alten Fehler neu aufzurollen. Alles kommt wieder, das Rad dreht sich. Niemals vergessen, ja, das schon, vor allem, wenn die Fotos karrieretauglich sind, aber von niemals wieder aufleben lassen hat man sich schon distanziert. Die Zeitzeugen des letzten kolossalen Versagens dieses Autoritären sind bald alle tot, es gibt niemanden mehr, außer Film, Text und Musik, die von diesem Versagen berichten können.
Das stellt freilich für das heranrollende Autoritäre keinerlei Bedrohung dar, wenn es erst einmal etabliert und an den richtigen Schaltstellen angekommen ist: Projekte lassen sich aushungern, Einzelstimmen zum Schweigen bringen (in Abstufungen auf die eine oder andere Weise, hier herrschen noch vorläufig „hundred shades of grey“, von schwarzen Listen bis Fensterstürzen ist alles möglich), kritische Medien können gekauft oder zerstört werden (wie schnell das alles geht, hat Russland vorgemacht, und man wird sehen, wie die ehemals Vereinigten Staaten sich hier positionieren werden – was bis jetzt sichtbar wurde, entspannt keineswegs).
In Österreich, diesem kleinen, absurden, feigmutigen, schrecklich schönen und verfressenen, liebevoll größenwahnsinnig selbstverorteten Nabel der Welt, ist Kunstfreiheit in der Verfassung verankert. Man kann diese Schönheit bewundern, aber man sollte sich nicht auf ihr ausruhen. Wenn ich länger darüber nachdenke, muss ich zusätzlich anfügen, dass man sich sowieso auf keiner Schönheit ausruhen sollte.
So oder so. Und jetzt, nachdem die Gedanken einen Kreis beschrieben haben, rund und zerbrechlich wie ein Ei, aus dem eine neue Welt schlüpfen soll, kann man wieder zum Beginn zurückkehren. Zu der Wiederkehr und dem Untergang. Und der alten Frische. Hier kann nur ein Gedankengang des wertgeschätztesten Michail Bulgakow immer wieder wiederholt werden, weil es leider immer noch notwendig ist, das zu wiederholen: „Frische ist immer nur Frische erster Qualität. Diese ist auch die letzte.“ Es geht bei dieser Aussage im Original, und zwar in „Der Meister und Margarita“, um verdorbenen Fisch (den der Buffetbetreiber als Fisch zweiten Frischegrades bezeichnet). Dasselbe gilt allerdings auch für die Freiheit allgemein. Und damit auch für jene der Kunst.