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Angelika Hager leitet das Gesellschafts­ressort beim Nachrichtenmagazin „profil“, ist die Frau hinter dem Kolumnen-Pseudo­nym Polly Adler im „­Kurier“ und ­gestaltet das Theaterfestival „Schwimmender Salon“ im Thermalbad Vöslau (Nieder­österreich).

Angelika Hager leitet das Gesellschafts­ressort beim Nachrichtenmagazin „profil“, ist die Frau hinter dem Kolumnen-Pseudo­nym Polly Adler im „­Kurier“ und ­gestaltet das Theaterfestival „Schwimmender Salon“ im Thermalbad Vöslau (Nieder­österreich).
Foto: Schwimmender Salon

Angelika Hager: Woke-Up-Call

Kolumne

Die Korrektheitspolizei war notwendig, schadet sich aber auch mit ihrem Übereifer.

Doppelschwöre: Ich bin eine liberal denkende Mitbürger-Person. Und benutze auch nur mehr den Begriff Person, damit ich niemand in eine gesellschaftlich verpasste Geschlechtsidentität zwinge, in der „they” sich möglicherweise gefangen fühlen könnte. Generell finde ich eine diverse, integrationsfreudige, tief feministische Gesellschaft, in der man über queere und transsexuelle Rechte nicht mehr nachdenken müsste, weil sie selbstverständlich sind, und jeder Anflug von Xenophobie und Rassismus eine nachdrückliche Zurechtweisung nach sich zöge, umarmenswert. Ist wahrscheinlich eine naive Utopie, aber trotzdem wünschenswert. Nur, dass jetzt jede Kreisverkehr-Skulptur, die über eine phallusartige Form verfügt, seit ein paar Jahren als streng zu verurteilender Kniefall seitens der künstelnden Person vor dem Patriarchat zu werten sei, scheint mir dann doch etwas übertrieben. Und Übertreibung und kompromissloser Übereifer schaden mehr, als sie bewegen.

Gar nicht übertrieben hingegen finde ich die Aufregung, die die Besetzung eines gerichtlich verurteilen Gewalttäters in der Titelrolle von Giuseppe Verdis „Otello”an der Stuttgarter Oper nach sich zieht: Der Tenor Alfred Kim, der in einem französischen Hotelzimmer 2017 den Kopf einer Frau so lange gegen eine Kloschüssel geschlagen hatte, bis deren Deckel zerbrach (über die Verletzungen der Frau schreibt hingegen niemand), gibt jetzt einen klassischen Femizid-Täter.

Das ist tatsächlich ein Zynismus, der nahezu wehtut. Auch wenn der Mann seine Strafe verbüßte, hat er mit so einer Bio-Dunkelstelle auf einer großen Bühne nichts mehr verloren. Natürlich: alles für Resozialisierung, aber nicht unter dem Scheinwerfer der Öffentlichkeit. Und Herr Kim spielt dazu noch eine POC („Person of Color”), aber vom Blackfacing hat man Abstand bei dieser Inszenierung genommen.

Ein geringer Trost. Kürzlich kam das Schauspielhaus Hamburg unter Beschuss, da es Fotos einer alten „Othello“- Inszenierung mit dem geschwärzten Ulrich Wildgruber im Titel-Part und Eva Mattes als seiner Desdemona zeigte. Wir können die früheren geschmacklichen Fehltritte, die damals durchwegs salonfähig waren, nicht ungeschehen machen, indem wir sie völlig ausblenden. Man kann die Gegenwart nur verstehen, indem man sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Wobei Shakespeares Werk generell jede Menge diskussionswürdige Baustellen aufweist: Antisemitismus („Der Kaufmann von Venedig”), Sex und Suizid unter Minderjährigen („Romeo & Julia”), Inzest – oder zumindest der Wunsch danach – eines bipolaren Massenmörders, dessen Auftraggeber ein Geist ist („Hamlet”), virulenter Klassismus („Ein Sommernachtstraum”) und und und.

Aus cancelkultureller Perspektive würde viel aus dem klassischen Theaterkanon flachfallen. Aber sollte man deswegen Shakespeare, Kleist oder Sophokles verbannen oder so weichspülen, dass selbst die zartesten Seelen keinerlei Trigger-Stößchen empfinden? Möglicherweise kann man sich diesbezüglich Streaming-Anbieter wie Netflix zum Vorbild nehmen, die bei abgründigen Serien oder Filmen wahrscheinlich weniger abschreckend als animierend die Schlagworte „sexual violence“, „foul language“, „drug consum“, „suicidal thoughts” laufen lassen.

Passt wahrscheinlich wie maßgemacht auf eigentlich eh alles in der Opern- und Theaterklassik. Vielleicht sollte man auch den Lesestoff in Schulen ein bisschen überdenken: Da fällt ja noch immer so was wie Max Frischs „Homo faber” (ein Mann, der versehentlich, aber dennoch mit seiner Tochter schläft) unter moderne Literatur. Kein Wunder, dass die Kids die Lust am Lesen verlieren. Würde ich auch bei dem Angebot.

Erschienen in
Bühne 01/2026

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