Essay: Das Kopfkino zerschlagen
Über Regieanweisungen im Kopf und warum es gut ist, wenn uns das Theater enttäuscht.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Trotzdem gibt es nicht selten Momente, in denen ich mir wünschte, kurz einen Blick in die Köpfe anderer werfen zu können. Während die Frau vor mir in der U-Bahn die erste Seite ihres Buchs – dessen Titel ich nicht ausmachen kann – umblättert, passieren in meiner Vorstellung folgende Dinge in ihrem Kopf: Es wird langsam dunkel im Theatersaal. Die letzten Gäste im Publikum nehmen ihren Platz ein, tuscheln kurz, um vereinzelt über Beinpaare zu steigen. Der Kammerton erklingt aus dem Orchestergraben. Dann wird der Vorhang zur Seite geschoben. Erste Szene. Eine aktive Inszenierung. Ein voller Klang. Wie das Licht fällt, wie schnell die Musik spielt und wer die Protagonist*innen sind oder wie sie heißen, weiß ich nicht. Das muss ich auch nicht (auch wenn ich das, wie gesagt, gern wissen würde). Nur die U-Bahn-Frau bestimmt die Töne und die Art, wie ihre Charaktere über die Bühne laufen werden, bis sie bei ihrer Endstation das Buch zuklappen muss und aus der U-Bahn steigen wird.
„DAS BUCH WAR BESSER“
Die Welten, die wir beim Lesen in unseren Köpfen perfekt kuratieren, stoßen auf echten Theaterbühnen auf Hürden. Sei es in Form von Requisiten, dem Bühnenbild oder den Schauspieler*innen – das Theater kann oft nicht mit dem Kopfkino mithalten. Während es in der Literatur ein Leichtes wäre, einen Drachen über die Publikumsreihen fliegen zu lassen, atmen so manche Theater gerade erleichtert durch.
Wenn also nach einer Theatervorstellung der Satz „Das Buch war besser“ fällt, dann (hoffentlich) nicht, weil die schauspielerische Leistung schlecht ausfiel, sondern weil die Inszenierung nicht der eigenen Regieanweisung entspricht, die wir auf der Bühne der Realität zu sehen bekommen haben. Und genau in dieser Ent-täuschung liegt der Zauber des Theaters. In dieser persönlichen Umschreibung auf der Bühne steckt die Möglichkeit auf neue Entdeckungen im Text. So gesehen kann Theater ein Gegenentwurf zu unserer Lektüre sein. Es setzt uns aus dem zweidimensionalen Lesen vor eine dreidimensionale Person, die Gelesenes in Gesprochenes verwandelt. Es holt Literatur, die sich mit ihren eigenen Regieanweisungen beim Lesen nur im Kopf austobt, auf die Bühne. Dass das Bühnenbild in „Fräulein Else“ im Volkstheater in meinem Kopf anders aussah oder ich mich vor der Produktion „1400 Kilo“ (eine Inszenierung frei nach „Moby Dick“ im Kosmos Theater) gefragt habe, ob Captain Ahab meiner Vorstellung entsprechen wird, ist meinem eigenen Kopfkino während des Lesens verschuldet.
Theater bricht mit diesen Kopfkino-Vorstellungen. Und das ist auch gut so. Es liegt in der Freiheit des Theaters und der Regisseur*innen, wie (oder ob) sie nah am Text bleiben wollen oder nicht. Und so reicht es mir als Zuschauerin, einfach da und gespannt auf eine neu erzählte Form der Geschichte zu sein.
Natürlich soll und kann ein Theaterbesuch keine Lektüre ersetzen. Im besten Fall hilft das Theater wie ein Scheinwerfer dabei, zuvor nicht bemerkte Stellen ans Licht zu holen oder einen Augenblick länger über Dialoge nachzudenken, denen wir vorher keine Bedeutung beigemessen haben.
So gesehen brauchen Literatur und Theater einander. In einer schneller werdenden Welt bilden beide eine Form der Entschleunigung, die uns hilft, uns aktiv Zeit für den Text und seine Darstellung zu nehmen. Und im besten Fall lehren uns beide, kurz die Realität ein paar Stunden anzuhalten, bis der Vorhang – ganz gleich, ob im Theater oder in unseren Köpfen – am Ende der Vorstellung fällt.