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Julya Rabinowich ist eine österreichische Schriftstellerin, Dramatikerin, Kolumnistin, Malerin, Übersetzerin.

Julya Rabinowich ist eine österreichische Schriftstellerin, Dramatikerin, Kolumnistin, Malerin, Übersetzerin.
Foto: Michael Mazohl

Freibrief von Julya Rabinowich: Von Bibern und Menschen

Kolumne

Was ist der Mensch? Von Natur aus gut oder ein Biber? Beides möglich.

Der Mensch ist von Natur aus gut. Das meint zumindest der Philosoph Jean-Jacques Rousseau, der erst von nachträglicher Versauung ebendieses Menschen ausgeht. Dieser These hätte ich mindestens eine Anekdote entgegenzusetzen, die mir von meiner Großmutter in mündlicher Überlieferung vererbt wurde und die, wie ich finde, immer noch topaktuell und reichhaltig einzusetzen ist.

Der Mensch, so diese Erzählung, ist in erster Linie weder gut noch schlecht, sondern faul, woraus sich alles Weitere ergibt. So Großmutters These. Allerdings hat diese These einen heftigen Pferdefuß: Sie ist empirisch nicht belegbar und es bedurfte nur einer einzigen Erfahrung, um diese These zu formen.

Sie würde also keinerlei wissenschaftlicher Überprüfung standhalten. Aber als Anekdote eignet sie sich eben durch und durch. Als meine Großmutter an der St. Petersburger Universität vortragend tätig war, ereignete sich eines Tages eine Karambolage zwischen Wahrheit und Fiktion, besser gesagt, ein Zusammenstoß von Frechheit und Überprüfung. Beinahe sogar Schuld und Sühne. Die Studentinnen und Studenten schwitzten über einem Test, der das Erlernte abklopfen sollte, und jener junge Mann, der ihr schon zuvor verdächtig aufgefallen war, schielte schon wieder hemmungslos zu seinem Kommilitonen hinüber, der zu solidarisch oder schlicht zu höflich war, um ihn daran zu hindern.

Offensichtlich hatte er den Stoff nicht erlernt, sondern auf osmotische Wissensvermittlung durch Augenmerk in das Arbeitspapier des Kollegen gehofft. Nun muss ich leider länger erklärend ausholen, denn natürlich fand das alles in russischer Sprache und getragen von der dazugehörenden kyrillischen Schrift statt und das Schielen nach fremdem Wissen barg offensichtliche Übertragungstücken. „Der Mensch ist von Natur aus gut“ heißt auf Russisch: „Tschelovek po prirode dobr“. Der kopierlustige Student hatte einen einzigen, wenn auch fatalen Fehler begangen, dieser wurde ihm auch bald darauf zum Verhängnis.

Als er an der Tafel stand, wurde er gefragt, ob er denn das, was er da abgegeben habe, auch tatsächlich so meine? Er bejahte. Wie er denn darauf komme, wurde die Folter in die Länge gezogen. Alles, was er geschrieben habe, sei doch gemeinhin gut bekannt, wand er sich. Soso. Tatsächlich? Um die geneigte Leserschaft nicht zu lange auf die Folter zu spannen, kommt hier die Auflösung des Dramas: Statt „dobr“ hatte er einen einzigen Buchstaben fehlerhaft abgeschrieben, der allerdings alles von Rousseau Gesagte auf den Kopf stellte: statt einem D prangte in seiner Version ein B. Bobr.

Das bedeutete in dieser Fassung allerdings: „Der Mensch ist von Natur aus ein Biber“. Darüber lässt sich zwar streiten, aber es eröffnet natürlich gleichzeitig ungeahnte Interpretationsmöglichkeiten: vom Destabilisieren tragender Säulen bis zu brechenden Dämmen und so weiter, alles Dinge, die zum heutigen Menschen ganz gut passen. Ich allerdings möchte es lieber mit Rousseau halten: Der Mensch ist erst durch Beeinflussung eine richtige Sau und die meiste Zeit über kein Biber, sondern gut.

Erschienen in
Bühne 02/2026

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Julya Rabinowich
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