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Foto: Schwimmender Salon

Angelika Hager: In trockenen Tüchern

Kolumne

Selten, aber doch: Theatermenschen, die auf die Wunderliste gehören.

Adieu, „Postdramatische Belastungsstörung“! Kürzlich wurde Nils Strunk von den „Freunden des Burgtheaters” geehrt, als herausragendster Künstler des vergangenen Theaterjahrs bekam er den Elisabeth-Orth-Preis verliehen. Die Ehrung fand klein und fein im Foyer des Burgtheaters statt; Paula Wessely, im Dirndl in Öl auf der Wand verewigt, schickte milde Blicke und schien angesichts der ausufernden Laudatio so etwas zu flüstern wie: „Alles sehr fesch, meine Lieben, aber jetzt legen wir’s in trockene Tücher.” Ihr Herzensfreund Michael Heltau erzählte immer wieder, dass „die Paula” eine Pathos-Unverträglichkeit hatte und dass das ein Standardsatz von ihr war, wenn jemand zu dick aufgetragen hatte. Strunk, der rein optisch die Aura eines Dandys mit magerem Schlafpensum aus den 1920er-Jahren besitzt, hielt sich beim Bedanken kurz, dicht, trocken. Er sprach davon, dass man sich als Theatermensch nicht vor dem Digitalen fürchten soll, sondern das Analoge stärken möge.

Und dass das Geschichtenerzählen endlich wieder im Trend liege – nach Jahren der „Postdramatischen Belastungsstörung”, so sein köstlicher Ausdruck für das aufgedröselte Textflächentheater, wo meistens im Chorkollektiv und entsprechend aufgeregt Bedrohliches auf Sprachstelzen verkündet wurde. Die Ringe unter den Strunk-Augen sind kein Wunder: inszenierte er doch gerade an der Volksoper „Killing Carmen”, probt „Gullivers Reisen” am Burgtheater und springt am Tag seiner Preisverleihung noch einmal ganz locker mit der „Schachnovelle“ (wie alles mit seinem Regiepartner Lukas Schrenk inszeniert) ein, weil der ursprüngliche Spielplan wegen einer Krankheit ausfallen musste: Zweigs beklemmende Geschichte über Schachspieler und ihre Dämonen geriet zu einer elektrisierenden One-Man-Performance, in der Strunk Regie führte, alle Rollen spielte und seine Tour de Force noch selbst am Klavier begleitete. Der Mann hatte als Kind eine einzige Klavierstunde bekommen. Als seine Mutter bemerkt hatte, so erzählte er mir im Interview, dass ihm die Freude am Spiel in dieser Stunde scheinbar ausgetrieben worden war, beließ sie es dabei. Eine gute Entscheidung. Man ging aus dem Abend wie in Trance. Alles schwebte.

Burg-Direktor Bachmann erklärt auf dem Podium, dass die „Schachnovelle” eigentlich als Schließtagprogramm gedacht war und man eben solche Erfolge nicht planen könne. Jede Schauspielergeneration hat ihre Lichtgestalten, Figuren, die über bravouröses Handwerk und Charisma hinausgehen. Das weibliche Pendant dazu ist Stefanie Reinsperger, ein Jahrzehnttalent, die mit einer völlig natürlichen Selbstverständlichkeit in dem Monolog „Elisabeth!“ den riesigen Burg-Zuschauerraum unter Strom setzt.

Zwei Künstlertypen, die nur vordergründig unterschiedlich wirken: die Reinspergerin, wie sie sich auf Instagram nennt, der Gefühlsorkan mit hoch komödiantischem Einschlag, rohe, ungefilterte Kraft; Strunk, der Meister von Timing und Präzision, der eher untertourig agiert. Doch tatsächlich spielen beide, um Frau Wessely zu bemühen, in trockenen Tüchern, sprich: mit größtmöglicher Natürlichkeit.

Beide in ihrem ureigenen, nicht zu kopierenden Stil. Es wirkt alles so erfrischend uneinstudiert. Und das, das ist die ganz große Kunst. Oder auch nicht. Denn Herr Nestroy flüstert mir jetzt: „Wenn man’s kann, dann ist es keine Kunst.“

Zur Person: Angelika Hager
Angelika Hager leitet das Gesellschaftsressort beim Nachrichtenmagazin „profil“, ist die Frau hinter dem Kolumnen Pseudonym Polly Adler im „Kurier“ und gestaltet das Theaterfestival „Schwimmender Salon“ im Thermalbad Vöslau. Eben erschien ihr erster Krimi „Pardon, aber da schwimmt eine Leiche in der Schokolade” bei Ueberreuter.
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