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DER SCHAUSPIELER Andrej AGRANOVSKI wuchs mit russisch-jüdischem Hintergrund in Nürnberg auf und studierte Schauspiel in München und St. Petersburg. Seit der Spielzeit 2025/26 gehört der Musiker, Schauspieler und Komponist zum Ensemble des Volkstheaters.

DER SCHAUSPIELER Andrej AGRANOVSKI wuchs mit russisch-jüdischem Hintergrund in Nürnberg auf und studierte Schauspiel in München und St. Petersburg. Seit der Spielzeit 2025/26 gehört der Musiker, Schauspieler und Komponist zum Ensemble des Volkstheaters.
Foto: Marcella Ruiz Cruz

Dabei sein ist alles

Volkstheater

Passt das so oder verpasse ich gerade etwas? Das Stück „FOMO“ beschäftigt sich mit der Angst, das eigene Leben nicht in vollen Zügen auszukosten. Der gefragte Regisseur Ran Chai Bar-zvi bringt das Gefühl mit Schauspieler Andrej Agranovski auf die Bühne.

Wie kommt man von dem Gefühl, ständig etwas zu verpassen, zu der Erkenntnis, dass alles schon so passt, wie es gerade ist? Zu diesem erleichterten „Passt schon“, das stets von einem befreienden Ausatmen begleitet ist? Wie löst man sich von dem Gefühl, in einem muffigen Zugabteil sitzen zu müssen, während draußen das pralle Leben an einem vorbeizieht? Genau diesen Fragen – und vielen weiteren, die damit zusammenhängen – widmet sich Regisseur Ran Chai Bar-zvi in seinem Stück „FOMO“ in der Dunkelkammer des Volkstheaters. Als echter Bahnprofi weiß er ganz genau, wovon er spricht: „Durch meine Arbeit reise ich sehr viel. Oft sitze ich im Zug und freue mich schon sehr auf mein nächstes Projekt, habe gleichzeitig aber das Gefühl, mein Leben zu verpassen. Vor allem dann, wenn ich weiß, dass all meine Freund*innen gerade zusammensitzen. Es ist eine permanente Zerrissenheit.“ Sicher ist: Derlei Gefühlszustände machen es einem nicht unbedingt leicht, das Leben in vollen Zügen zu genießen.

MITTENDRIN STATT NUR DABEI

Das Akronym FOMO (Fear of missing out) beschreibt ein Zeitphänomen, das vor allem durch soziale Netzwerke befeuert wurde. Denn plötzlich konnte man in Postings, Stories und Reels genau mitverfolgen, wo andere Menschen gerade unterwegs sind, während man selbst ganz woanders ist. Ganz woanders steht – buchstäblich, aber auch im übertragenen Sinn.

„Ich glaube, dass besonders Menschen meiner Generation immer wieder eingetrichtert wurde, alles erreichen zu können. Das ist natürlich ein Privileg, gleichzeitig kann dadurch ein enormer Druck entstehen, vor allem dann, wenn man aus einerFamilie stammt, in der viele diese Möglichkeiten nicht hatten. Ich spüre eine generationale Pflicht, großartig zu sein und all die Chancen zu nutzen, die meine Eltern und Großeltern nicht hatten“, erzählt der in Jerusalem geborene Künstler.

Andrej Agranovski, der das Stück gemeinsam mit dem Regisseur entwickelt und es als Monolog spielen wird, nickt wissend. Er wurde in Würzburg geboren, seine Eltern sind aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland emigriert. Überhaupt gebe es viele Berührungspunkte zwischen ihnen, hält Agranovski fest.

Mit dem Thema des Stücks könne er sich sehr gut identifizieren, fügt der Schauspieler hinzu. „Wie viele Menschen meiner Generation bin auch ich viel zu viel am Handy. FOMO ist sozusagen meine Realität. Außerdem mag ich Stückentwicklungen. Allerdings habe ich erst später erfahren, dass es ein Monolog wird.“ Er lacht. FOMO kennt er jedoch nicht nur aus seinem Privatleben, sondern auch aus seinem Beruf, bemerkt Agranovski. „Ich möchte immer lieber mittendrin sein statt nur dabei.“

DER REGISSEUR Ran Chai BAR-ZVI studierte an der Jerusalem High School of Arts und Kostüm- und Bühnenbild in Berlin. Seine Regiearbeiten beschäftigen sich poetisch und bildgewaltig u. a. mit queeren Themen. 2024 erhielt er den Kurt-Hübner-Regiepreis, zwei Mal wurden seine Stücke zu „Radikal Jung“ eingeladen.
Foto: Sandra Then
DER REGISSEUR Ran Chai BAR-ZVI studierte an der Jerusalem High School of Arts und Kostüm- und Bühnenbild in Berlin. Seine Regiearbeiten beschäftigen sich poetisch und bildgewaltig u. a. mit queeren Themen. 2024 erhielt er den Kurt-Hübner-Regiepreis, zwei Mal wurden seine Stücke zu „Radikal Jung“ eingeladen.

KEINE KLASSISCHE HELDENREISE

Mit diesem Gefühl spielt auch die Inszenierung, sprudelt es aus Ran Chai Bar-zvi heraus. Der lange Probentag, der bereits hinter ihm liegt, scheint keinerlei Einfluss auf sein Energielevel zu haben. „Die Dunkelkammer verkörpert für mich genau diese Zerrissenheit. Man sitzt in diesem kleinen Raum direkt unter dem Dach dieses wunderschönen Theaters und man weiß, dass sich nur zehn Meter weiter weg die große Bühne befindet, auf der vermutlich gerade große Dinge passieren.“ Der Regisseur lacht schelmisch und setzt nach: „Für mich ist dieser Raum das Problem und die Lösung gleichzeitig. Die Dunkelkammer ist ein Ort, an dem das Theater all seine Stärken ausspielen kann. Im besten Fall entsteht ein intensives Gefühl von Gemeinschaft – die Möglichkeit, gemeinsam etwas zu erleben.“

Für Andrej Agranovski geht mit der Arbeit in diesem intimen Raum auch eine gewisse Schutzlosigkeit einher. „Man muss sich nackt machen. Es gibt in unserem Fall auch keine Figur mit bekannter Rollenbiografie, die mich schützt. Sie entsteht zwischen uns beiden“, hält er mit ruhiger Stimme fest.

Auch bei der Entwicklung der Fassung spielt FOMO eine Rolle: Was kommt rein, was kommt nicht rein? Ein Prozess, der sehr viel gegenseitiges Vertrauen erfordert, sind sich Ran Chai Bar-zvi und Andrej Agranovski einig. „Am Ende soll es sich keinesfalls nach Vorlesung anfühlen, sondern ein Erlebnis werden“, hält der Regisseur abschließend fest. „In meiner Arbeit interessiert mich das große Bild. Aber noch mehr als das große Bild interessiert mich der kleine Mensch in diesem großen Bild.

Agranovski fügt hinzu: „Es ist keine klassische Heldenreise, sondern eine Suche. Eine Suche nach Ruhe und dem Moment des Glücks.“

Darum geht‘s in „FOMO“

Verpasse ich etwas? „Fear of missing out“ ist ein durch soziale Netzwerke befeuertes Phänomen unserer Gegenwart. Das Stück, eine Liebeserklärung an diese Angst, möchte dieses Gefühl erlebbar machen.

Hier geht es zu den Spielterminen von "FOMO" in der Dunkelkammer!

Arthur-Schnitzler-Platz 1
1070 Wien
Österreich
Foto beigestellt

Erschienen in
Bühne 03/2026

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Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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