Theater ohne Auffangnetz
Stefan Zweigs Novelle „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“ ist eine Geschichte über den Sprung ins Unbekannte. Das damit verbundene Gefühl hat viel mit dem Theater selbst zu tun, wissen Gordon Greenberg, Thomas Kahry und Nils Arztmann.
Wie fühlt es sich an, im Moment zu leben? Was verbirgt sich hinter diesem rätselhaften Zustand, der sich zwar gut als Wandtattoo eignet, außerhalb der eigenen vier Wände aber meist schwer umsetzbar scheint? Eine Figur, die ganz genau wissen muss, wie es sich anfühlt, einen mutigen Kopfsprung in unbekannte Gewässer zu unternehmen, ist Mrs. C. aus Stefan Zweigs Novelle „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“.
Der Inhalt ist schnell zusammengefasst: In einer kleinen Pension in der Nähe von Monte Carlo trifft ein namenloser Erzähler auf Mrs. C., die ihm von den Erlebnissen eines 25 Jahre zurückliegenden Tages erzählt. Seit zwei Jahren verwitwet, trifft sie im Casino von Monte Carlo auf einen jungen Mann, der sein Vermögen verspielt hat und sich umbringen möchte. Nach einer Liebesnacht gibt sie ihm Geld und er verspricht ihr, nie wieder zu spielen. Das Versprechen kann er jedoch nicht halten. Ihre Liebe zu ihm ve hilft Mrs. C. jedoch zu einer lange nicht mehr gefühlten Lebendigkeit. Statt schmerzhaft auf dem Boden der Tatsachen aufzuschlagen, landet sie also auf dem Grund ihrer eigenen Persönlichkeit, der lange Zeit verdeckt und verschüttet war. Außerdem ist es kein ruhiger Bergsee, in den sich Mrs. C. mit allem, was sie hat, hineinwirft, sondern ein Fluss, der sie augenblicklich mitreißt. Sie lässt sich von ihm mitnehmen, schwimmt mit, um nicht länger in der sie ignorierenden Gesellschaft unterzugehen.
EIN LEUCHTTURM DER HOFFNUNG
„Auf den ersten Blick scheint es eine sehr einfache Geschichte zu sein, doch das täuscht“, sagt Gordon Greenberg, der die Novelle im Rahmen der Festspiele Reichenau inszeniert und gemeinsam mit Thomas Kahry dramatisiert hat. „Innerhalb dieses scheinbar einfachen Rahmens verbergen sich ein psychologischer Thriller, eine moralische Debatte und eine Art romantischer Fiebertraum.“
Im Grunde war es Wes Anderson, der ihn zu Stefan Zweig geführt hat, fügt Greenberg hinzu. „Ich wusste, dass sein Film ‚Grand Budapest Hotel‘ von Zweig inspiriert ist. An seinen Texten beeindruckt mich unter anderem, wie modern sie sich anfühlen, während sie gleichzeitig so in ihrer Zeit verwurzelt sind. Darüber hinaus besitzt er die außergewöhnliche Fähigkeit, das Innenleben seiner Figuren in genau jenem Moment einzufangen, in dem sie zu zerfallen drohen.“ Stefan Zweig sei jemand, der Emotionen nicht nur beschreibt, sondern es schafft, dass man sie selbst durchlebt, ergänzt Thomas Kahry. „Und er tut das mit einer Präzision und Klarheit, die fast schon unheimlich ist.“
Man verbringt den Sommer an einem tollen Ort mit tollen Menschen und darf nebenbei auch noch Theater spielen. Ich wüsste nur wenig Schöneres.
– Nils Arztmann, Schauspieler
Sich von der Geschichte der Mrs. C. mitreißen zu lassen, sei auch deshalb einfach, weil es um ein Gefühl geht, das vermutlich viele Menschen kennen, hält Gordon Greenberg fest. „Nach dem Tod ihres Mannes war sie plötzlich unsichtbar, sehnte sich jedoch danach, wieder gesehen zu werden. Ich glaube, dass wir alle das Gefühl von Bedeutungslosigkeit kennen – und die damit zusammenhängende Suche nach Sinn und Verbundenheit. Deshalb ist diese Geschichte ein Leuchtturm der Hoffnung – eine Erinnerung daran, dass sich der Lauf eines jeden Lebens innerhalb eines einzigen Tages ändern kann. Man muss es nur zulassen.“
Thomas Kahrys Perspektive ist eine ähnliche: „Sie hat ihr Leben lang ‚funktioniert‘ und ihre eigentlichen Sehnsüchte weggesperrt. Und dann bricht plötzlich etwas auf. Der Moment, in dem ihre unterdrückte Lebensenergie zurückkehrt, ist extrem stark. Und auch beunruhigend. Sie gerät in einen Zustand radikaler Ehrlichkeit – und wird dadurch überhaupt erst wieder lebendig.“
Folgende Kernfragen hat er für sich aus dem Text herausdestilliert: „Bin ich noch in Kontakt mit dem, was mich wirklich antreibt? Oder lebe ich nur noch auf Autopilot? Es geht dabei auch um die Kraft eines einzelnen Moments, ein ganzes Leben zu verändern. Die Frage ist: Lässt man das zu? Oder beendet man sein Leben innerlich, lange bevor es tatsächlich vorbei ist?“ Beim Erstellen der Fassung war ihm wichtig, Zweigs Sprachkraft und psychologische Tiefe zu bewahren und gleichzeitig einen Abend zu schaffen, der heute unmittelbar trifft.
Die Menschen kommen nach Reichenau, um wirklich zuzuhören. Ich empfinde das als sehr befreiend.
– Gordon Greenberg, Regisseur
Thomas Kahry und Gordon Greenberg kennen einander schon seit mehreren Jahren. So verantwortete Greenberg die nordamerikanische Premiere seines Erfolgsstücks „Spatz und Engel“. Weitere gemeinsame Arbeiten folgten. „Wir teilen eine gemeinsame Faszination und Begeisterung für theatrale Erzählweisen, die intim und gleichzeitig groß gedacht sind. Die Festspiele Reichenau bewundere ich als Ort, an dem man sich als Theatermacher in Nuancen, Stille und emotional komplexe Zusammenhänge begeben kann, ohne das Gefühl zu haben, dem Publikum viel erklären zu müssen“, so Greenberg.
Wann ist er eigentlich zum letzten Mal ins kalte Wasser gesprungen? Der Regisseur und Autor antwortet: „Im Grunde fühlt sich jede Theaterproduktion so an. Ich sage immer, dass man sich ja auch die Abende von Cirque du Soleil nicht ansehen würde, wenn die Artist*innen ein Auffangnetz hätten. Ich stelle mir immer vor, dass die Spieler*innen auf der Bühne Abteile haben, die ihnen Halt und Sicherheit geben. Aber innerhalb dieser Abteile können sie explodieren. Wäre es nicht fantastisch, dieses Gefühl auch im echten Leben zu haben?“
DIE MAGIE DER AMBIVALENZ
Nils Arztmann spielt Teo, jenen jungen Mann, mit dem Mrs. C. zu ihrer Lebendigkeit zurückfindet. „An Teo finde ich besonders spannend, dass wir einen jungen Menschen sehen, der für das Leben steht und gleichzeitig um sein eigenes Überleben kämpft. In dieser Ambivalenz entsteht etwas Magisches. Was genau diese Magie ist, werden wir in den Proben herausfinden“, so Arztmann, der Zweigs „Schachnovelle“ zu seinen Lieblingsbüchern zählt. Dazu passt, dass der NESTROY-Preisträger einst Kärntner Meister im Schach war. „Das Antizipieren der nächsten Züge und das Analysieren einer konkreten Stellung helfen mir jetzt vor allem in der Vorbereitung auf eine neue Rolle, beim Hineindenken in einen Charakter.“
In einer kleinen Pension unweit von Monte Carlo trifft der namenlose Erzähler der Novelle auf eine ältere Frau, die ihm von einem Tag in ihrem Leben erzählt, der alles verändert hat. Es entsteht ein mitreißender Erzählstrom zwischen Vergangenheit und Gegenwart.