Ein frischer Wind
Die bröckelnde Dekadenz des Südbahnhotels Semmering macht das einstige Grandhotel zu einer spannenden Spielstätte für Theaterschaffende.
Nach seiner Fertigstellung im Jahr 1882 dauerte es nicht lange, bis sich sämtliche Mitglieder der Hocharistokratie und der neuen Hochfinanz im Südbahnhotel die Klinke in die Hand gaben. Das im Stil des Späthistorismus erbaute und durch die Semmeringbahn perfekt an Wien angebundene Hotel wurde rasch zum Synonym für Sommerfrische und die Gemeinde Semmering entwickelte sich in Windeseile zu einem beliebten Luftkurort. 1903 wurde das Südbahnhotel zum Grandhotel erweitert, in den darauffolgenden Jahren kamen weitere Trakte und Anbauten hinzu. Bis 1938 hielt die magische Anziehungskraft des Hotels an, mit dem Zweiten Weltkrieg endete seine Blütezeit – das Haus verlor zusehends an Bedeutung. Der Hotelbetrieb wurde um 1970 zwar endgültig eingestellt, allerdings wurde das Gebäude einige Jahrzehnte später von der Kulturszene wiederentdeckt. Und wiederbelebt.
Unter anderem nutzte es die Wiener Volksoper für eine Produktion ihres Opernstudios und auch die Festspiele Reichenau erkannten schon früh das Potenzial dieser architektonischen Perle. 2025 verwandelte Maria Happel das Hotel mit Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ (Foto) in einen Spielplatz der Leidenschaften.
BRÖCKELNDE DEKADENZ
In diesem Jahr inszeniert Philipp Hauß Tolstois Monumentalwerk „Krieg und Frieden“ im Südbahnhotel Semmering. Wie schon 2025 werden wieder zwei unterschiedliche Räumlichkeiten bespielt. Die bröckelnde Dekadenz und der verblasste Glanz des Hotels hätten ihn besonders angezogen, erzählt Hauß im Interview. Währende der Inszenierung wechselt das Publikum gemeinsam vom Speisesaal in den Waldhofsaal und wieder zurück, gibt der Regisseur und Schauspieler erste Einblicke in seine kommende Regiearbeit. Sicher ist: Der morbide Glanz des einst prunkvollen Grand- hotels macht es zu einem besonderen Spielort, der es dem Publikum ermöglicht, noch ein bisschen intensiver in die Geschichten einzutauchen. Sicher ist auch: Obwohl heute ein etwas anderer Wind weht, ist die Luft am Semmering noch genauso gut wie damals, als Kaiserin Elisabeth ihre Lunge damit füllte.