Wo Gras wächst, ist Hoffnung
Es summt und brummt auf der ins Renaissancetheater gezimmerten Wiese. Regisseur Peter Lund und sein spielfreudiges Ensemble gehen im Musical „Die Wiese“ den Themen Diskriminierung und Ausgrenzung auf den Grund. Jedoch immer mit positivem Ausblick.
Wie hinreichend bewiesen wurde, gibt es kaum eine bessere Spielwiese als die Wiese selbst. Das weiß auch Regisseur Peter Lund, der seine aktuelle Musicalproduktion im Theater der Jugend genau dort ansiedelt, wo sich Marienkäfer und Ameise gute Nacht sagen. Bei Lucia Miorin und Dennis Hupka, die im Stück „Die Wiese“ die Biene Maja und den Grashüpfer Flip spielen, ist hingegen schwer vorstellbar, dass sie überhaupt jemals schlafen. Die beiden Darsteller*innen sprudeln vor Energie und Spielfreude, als sie von der Probe zum Fotoshooting kommen. Die Anstrengung der Endproben merkt man ihnen kaum an. Außerdem ist es ganz und gar nicht schwer, den beiden eine blühende Fantasie zu attestieren.
Kaum wurde eine Sache ausprobiert, sprießtund gedeiht schon wieder die nächste Idee. Nach dem Shooting sprechen wir über das Musical, das sich am Universum von „Biene Maja“ orientiert, den bekannten Kosmos jedoch um Themen wie Ausgrenzung und Diskriminierung erweitert. Welche Chancen lägen ihrerMeinung nach in der singenden und spielenden Auseinandersetzung mit diesem alles andere als einfachen Themenkomplex? „Ich finde, das Schöne an Musicals ist, dass das Singen immer dann ins Spiel kommen kann, wenn die Sprache nicht mehr ausreicht. Durch das Singen entsteht eine emotionalere und tiefere Ebene“, beantwortet Musicaldarsteller Dennis Hupka die Frage. Während des Fotoshootings hüpfte der Flip-Darsteller noch durch unser Set, im Interview präsentiert er sich allerdings als geerdeter Gesprächspartner, der sich dennoch den einen oder anderen Gedankensprung erlaubt.
„Es gibt auch eher oberflächliche Musicals. Umso mehr freut es mich, dass ‚Die Wiese‘ vor Humor, Fantasie und Herzlichkeit strotzt, dabei aber auch brandaktuell ist und wichtige Themen unserer Gesellschaft widerspiegelt.“
EIN FEST DER UNTERSCHIEDE
Lucia Miorin, die Maja spielt und schon in „Mitten im Gesicht“, Peter Lunds letzter Produktion, im Theater der Jugend zu sehen war, pflichtet ihrem Kollegen bei. „Ich finde es wichtig, auch schwere Themen mit Leichtigkeit erzählen zu können, weil es trotz all der schlimmen Dinge, die gerade passieren, wichtig ist, etwas Gutes zu finden. Auch die Figuren selbst sind nicht einfach nur gut oder böse. Bei jeder Figur wird ergründet, warum sie so handelt, wie sie es tut. Meistens liegt die Ursache in dem Wunsch, dazuzugehören und gesehen zu werden. Es gibt keine Figur, die nicht ihren eigenen Kampf zu kämpfen hat.“
Für Dennis Hupka liegt auch darin, dass all diese Themen mit Tieren erzählt werden, ein großer Reiz dieser Arbeit: „Ich glaube, dass man dadurch einen größeren Abstand zu den Rollen hat, der dabei helfen kann, sich selbst noch mehr darin zu sehen und stärker berührt zu werden. Wir spielen Tiere, trotzdem spielen wir auch Menschen.“ Sicher ist, dass „Die Wiese“ ein großes Fest des Andersseins ist, fügt er hinzu. „Ich glaube, dass das Stück auch sehr viel darüber erzählt, dass Unterschiede unglaublich bereichernd sein können.“ Jedoch passiere das alles nie mit dem erhobenen Zeigefinger, sind sich er und seine Kollegin einig.
Musikalisch erwartet das Publikum einegroße Bandbreite, so Lucia Miorin. „Die unterschiedlichen Charaktere haben unterschiedliche Arten, sich mit der Musik auszudrücken. Manchmal muss man mit dem Text auch ein bisschen dagegen gehen, denn als Figur sagt man ja nicht immer das, was man eigentlich meint. Dadurch ergibt sich eine schöne Spannung.“
Auch bei den überdrehtesten Nummern entstünde nie reiner Klamauk, ergänzt Dennis Hupka. „Die Figuren agieren immer aus einer wahren Haltung heraus. Es ist nie pure Unterhaltung, sondern immer eine tatsächliche Form des Ausdrucks.“ Einig sind sich die beiden auch darin, dass das Stück zwar ab sechs Jahren ist, aber eigentlich keine Altersbeschränkung hat. „Weil es so viele Fragen aufwirft, die alle Altersgruppen angehen“, findet Lucia Miorin klare Worte. „Eigentlich sollte wirklich jede und jeder dieses Stück sehen.“
Ganz ohne Message geht es für mich nicht. Und die sollte beim Kinder- und Jugendtheater immer positiv ausfallen.
– Peter Lund, Regisseur
THEATER IST GEMEINSCHAFT
Peter Lund inszeniert „Die Wiese“ und hat auch die Fassung geschrieben. Auch ihm scheint die Endprobenphase nicht viel anzuhaben, beim Gespräch wirkt er ruhig und gelöst. Täuscht das? Er lacht und antwortet, dass schon etwas dran sei, wenn ältere Künstler*innen behaupten, dass das Premierenfieber immer schlimmer wird. Allerdings hat man irgendwann fast alle potenziellen Schreckmomente schon einmal erlebt, fügt er hinzu. Momente dieser Art hätten sich bei „Die Wiese“ aber bislang sehr in Grenzen gehalten, so Lund.
„Mit diesem großartigen Ensemble zu arbeiten, hat sehr viel Spaß gemacht!“ Die Idee, ein im „Biene Maja“-Kosmos angesiedeltes Stück zu inszenieren, beglei- te ihn schon länger, erzählt der Regisseur. „Allerdings habe ich im Laufe meiner Recherche festgestellt, dass „Maja“-Erfinder Waldemar Bonsels mit den Nationalsozialisten sympathisierte. Deshalb haben wir die Figuren behalten, die Themen jedoch weiterentwickelt. Bei uns ist es so, dass Ameise Albert aus einem sehr machtorientierten System kommt und mit all den Freiheiten auf der Wiese nicht umgehen kann. Daraufhin fängt er an, seine Struktur über alle darüberzustülpen, und schafft es, mit Lügen, Intrigen und Halbwahrheiten fast die ganze Wiese hinter sich zu bringen. So entsteht in nur einem Akt ein rechtes System. Aus diesem finden die Wiesenbewohner*innen jedoch wieder heraus, denn Kindertheater sollte, finde ich, immer Mut machen.“
Ohnehin sei es immer sein Ziel, ohne zu didaktisch zu werden, Lösungen anzubieten, so Lund. „Seit den alten Griechen gehen wir ins Theater, um etwas zu erfahren. Natürlich gibt es gerade beim Musical immer auch einen Unterhaltungsfaktor, aber ganz ohne Message geht es für mich nicht. Und die sollte beim Kinder- und Jugendtheater meiner Meinung nach immer positiv ausfallen. Ich würde niemals ein Stück machen, bei dem es darum geht, für zwei Stunden die Welt zu vergessen. Das ist auch etwas, gegen das ich in meinen ureigensten Genres, Musical und Operette, stark ankämpfe.“
Auch mit Peter Lund sprechen wir über die von Thomas Zaufke komponierte musikalische Landschaft. Die beiden Künstler arbeiten schon seit mehr als 30 Jahren zusammen. In aller Kürze könnte man sie vielleicht so zusammenfassen: Augsburger Puppenkiste trifft auf Brecht und Weill und die treffen wiederum auf große Balladen. Außerdem hat das Ganze teilweise auch ziemlich Tempo, so Lund. Am Ende des Gesprächs landen wir bei der Frage, welche Kraft dem Theater gerade in Zeiten demokratiefeindlicher Tendenzen innewohnt.
„Theater ist Gemeinschaft. Allein die Tatsache, dass bis zu tausend Leute in einem Saal zusammenkommen und sich dazu verabreden, diese Momente gemeinsam zu erleben, ist ein unglaubliches demokratisches Commitment. Auf der Bühne standen in meiner letzten Produktion an der Zürcher Oper insgesamt 15 Nationen, die miteinander gesungen und gespielt haben. Das zeigt doch, was alles möglich wäre.“
Peter Lund studierte im Übrigen zuerst Architektur, bevor er sich hauptberuflich auf das Musiktheater stürzte. „Ich komme aus einem Elternhaus, wo ein bürgerlicher Beruf wichtig war. Mein Wunsch war eigentlich, Bühnenbildner zu werden, und ich dachte mir, dass das vielleicht über die Architektur klappt.“
Das Architekturstudium hätte zwar seine Theaterarbeit sehr befruchtet, „trotzdem würde ich mir von mir kein Haus bauen lassen“, wie er lachend hinzufügt. Gut gebaute Inszenierungen sind da schon eher sein Metier.