Erzählte Zeit: Der neue Studiengang „Stage Narration“ in Krems
Das neue Studienprogramm der Donau-Universität Krems möchte die erzählerische Kraft des Theaters für unterschiedliche Bereiche und Berufsfelder nutzbar machen. Dafür konnten Jérôme Junod und Robert Neiser eine Reihe prominenter Vortragender gewinnen – unter anderem Nils Strunk, Mareike Fallwickl und Lisa Wentz.
Bei Interviews ist es normalerweise so, dass Erzählzeit und erzählte Zeit nicht deckungsgleich sind. In der Regel ist der Zeitraum, um den es im Gespräch geht, sehr viel länger und ausufernder als die Zeit, die benötigt wird, um davon zu erzählen. Auch bei unserem Interview mit Jérôme Junod und Robert Neiser ist das so. Wir sprechen über den von ihnen ins Leben gerufenen Studiengang Stage Narration und Jérôme Junod spult zurück, um vom Anfang des Entstehungsprozesses zu berichten: Die Idee sei zunächst zwischen ihm und der Regisseurin und Festivalleiterin Anna Luca Krassnigg entstanden, berichtet er. „Es war vor allem unser gemeinsamer Wunsch, das dramatische Schreiben wieder verstärkt an der klassischen Dramatik zu orientieren, der uns zu diesen Überlegungen gebracht hat. Und auch zur Frage, wie man einen Ort schaffen könnte, an dem unter anderem Dialogführung verstärkt erforscht und unterrichtet wird.“
Zudem sei rasch klar gewesen, dass dieser Ort nicht nur ausgewiesenen Theatermenschen offenstehen soll, sondern allen, die sich in ihren jeweiligen Berufsfeldern mit dem Erzählen befassen, fügt Junod hinzu. Dazu gehören im Übrigen deutlich mehr Berufe, als man im ersten Moment vielleicht vermuten würde. „Politiker*innen, Psycholog*innen, Journalist*innen, Kurator*innen, Anwält*innen und Menschen im Marketing“, beginnt er eine Reihe an Berufsfeldern aufzuzählen. „Wir leben in einer Welt, in der wir zur Gänze von Narrativen umgeben sind. Das Besondere am Erzählen im Theater, im Vergleich zum klassischen Storytelling, wie man es beispielsweise aus der Werbung kennt, ist jedoch, dass am Theater viele unterschiedliche Perspektiven aufeinanderprallen und verhandelt werden. Und daraus vielleicht sogar Lösungsansätze entstehen. Das macht das Theater zu einem unglaublich demokratischen Ort.“
Know your industry
Im Studiengang, der ab kommenden Herbst zum Studienprogramm der Donau-Universität Krems gehört, geht es, wie Jérôme Junod daran anknüpfend festhält, also nicht ausschließlich darum, einen dramatischen Text zu verfassen. Vielmehr sei es eine Auseinandersetzung mit den Mechanismen des Erzählens und damit auch ein Üben in Demokratie. „Verbunden damit auch ein Aushalten von unterschiedlichen Meinungen und ein Training in Empathie. Es geht darum, gemeinsam nach Formen zu suchen, die es uns ermöglichen, gesellschaftlichen Diskurse zu kultivieren“, findet der Theatermacher klare Worte.
Eine kleine Gruppe von acht bis fünfzehn Studierenden mache es außerdem möglich, individuell an Zielsetzungen zu arbeiten, hält Robert Neiser fest. Er gehört zur Leitung des Studiums und arbeitet am Department für Kunst- und Kulturwissenschaften der Donau-Universität Krems. Besonders stolz sind die beiden auch auf die Gruppe aus Lehrenden, die sie für den Studiengang gewinnen konnten. Dazu zählen unter anderem: Mareike Fallwickl, Nils Strunk, Ruth Beckermann, Lisa Wentz, Florian Scheuba, Calle Fuhr, Elise Wilk und Samira El Ouassil. „Diese Zusammensetzung entspricht dem Ansatz unserer Universität, Expert*innen und Impulsgeber*innen aus unterschiedlichen Praxisfeldern in die Lehre zu holen“, so Neiser.
Dass im Gespräch immer wieder der Begriff „Tools“ fällt, ruft eine Frage auf den Plan, die in Zusammenhang mit künstlerischen Studiengängen häufig aufkommt: Wie sehr lassen sich verschiedene Kunstformen eigentlich erlernen?
„Das ist ein komplexes Thema“, hält Jérôme Junod fest. „In unserem Studiengang geht es definitiv nicht um den schnellen Weg zum Erfolg, sondern darum, die eigene Praxis zu erweitern. Trotzdem finde ich, dass man sich diesbezüglich bei den Engländern einiges abschauen kann. Im angelsächsischen Raum lautet die Devise nämlich: know your industry. Das bedeutet, dass die angehenden Schreibenden sehr früh darüber aufgeklärt werden, wie Verlage ticken. Auch bei uns wird es eine Verbindung zu österreichischen Theaterverlagen geben, außerdem sind wir im Austausch mit verschiedenen Bühnen und Theaterfestivals. Das Studium findet also definitiv nicht im luftleeren Raum statt.“
„Seit mehr als 25 Jahren bieten wir Studien an, die Menschen in jenen Bereichen ausbilden, in denen sie noch etwas brauchen“, ergänzt Robert Neiser. „Das kann beispielsweise bedeuten, dass Absolvent*innen des Konversatoriums, bei uns erlernen, wie man ein Musikbusiness aufbaut.“
Im Zentrum: das Erzählen
Sicher ist, dass die Kernkompetenz, die im Studiengang „Stage Narration“ vermittelt wird, das Erzählen ist. „Daran wird vier Semester lang gefeilt und kein Studierender kommt daran vorbei“, wirft Jérôme Junod lachend ein.
Bevor sich unsere Wege wieder trennen, sprechen er und Robert Neiser noch über die sogenannten Hard Facts: So gibt es die Möglichkeit, zwei verschiedene Abschlüsse zu machen – einen klassischen Master-Abschluss wie auch den Academic Expert, den auch Menschen erwerben können, die zuvor kein Bachelor- oder Magisterstudium absolviert haben. Außerdem können durch die Unterstützung des Landes Niederösterreich zwei Teilstipendien vergeben werden. Zudem gibt es, so Junod, durch die enge Zusammenarbeit mit dem Wortwiege Festival, die Chance, in den Räumlichkeiten des Festivals sehr praxisnah am eigenen Projekt zu arbeiten. „Wir möchten den Menschen, die sich für den Studiengang entscheiden, einfach die Möglichkeit geben, auf sehr unterschiedliche Arten in ein theatrales Denken zu kommen. Auf jeden Fall sollte man sich für das Erzählen, das Schreiben und die Sprache interessieren, wenn man diesen Weg gemeinsam mit uns gehen möchte. Alles andere halten wir bewusst sehr offen“, bringt er den grundlegenden Ansatz des Studiums noch einmal auf den Punkt. Wir verabschieden uns. Der erste Akt des neuen Studiengangs der Donau-Universität Krems ist zwar noch nicht geschrieben, aber das Grundgerüst steht schon und wartet darauf, mit Leben befüllt zu werden.