Vom Umgang mit Spielräumen: „Radetzkymarsch“ bei „Bühne der Macht“
Wenn alte Ordnungssysteme zerbröckeln, entstehen sowohl Ungewissheiten als auch Freiräume. Doch wie lassen sich diese nützen? Das ist nur eine vieler Fragen, mit denen sich Cornelia Rainers Inszenierung des Romans „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth beschäftigt. Das Stück ist ab 15. Juli im Rahmen des Festivals „Bühne der Macht“ zu sehen. Wir haben die Regisseurin und ihr Ensemble bei den Proben besucht.
Was bleibt, wenn alte Ordnungssysteme zerbröckeln und frühere Gewissheiten verschwinden? Dann können zwar Spielräume entstehen, doch die Spielregeln, nach denen sie funktionieren, werden in der Regel nicht automatisch mitgeliefert, sondern müssen erst erdacht und entwickelt werden. An genau einem solchen Kipppunkt stehen in Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch“ Franz von Trotta und sein Sohn Carl Joseph von Trotta. Der Vater, ein kaisertreuer Bürokrat, verlangt von seinem Sohn unbedingte Pflichterfüllung und Haltung, Carl Joseph weiß in einer zunehmend schwankenden Welt jedoch nicht mehr, woran er sich festhalten soll. In der Armee findet er jedenfalls keine Erfüllung.
Die Beziehung zwischen Vater und Sohn hätte sehr berührt, erzählt Regisseurin und Festivalgründerin Cornelia Rainer, die Roths Roman in einer kondensierten Form im Rahmen des Kulturfestivals „Bühne der Macht“ auf die Theaterbühne bringt. „Der Stoff lässt sich sehr gut auf die heutige Zeit übertragen. Alte Gewissheiten und Sicherheiten gehen verloren und werden durch andere ersetzt oder verwandeln sich in Leerstellen. Für uns geht es nicht nur um die Frage, wie Carl Joseph seinen Platz finden kann, sondern wir versuchen herauszufinden, wie junge Menschen, die heute leben, mit diesen Veränderungen umgehen.“
Daraus ergebe sich auch eine Auseinandersetzung mit dem Thema Macht, so Rainer. „Mich interessiert dabei vor allem die Frage, wie Menschen ihre eigenen Handlungsspielräume entdecken können. Und wie es gelingen kann, Machtsituationen besser zu verstehen, um sich ihnen nicht immer ohnmächtig ausgeliefert zu fühlen.“
Raum zum Nachdenken
Wir sitzen auf der Probebühne im siebten Bezirk, draußen steht die Luft, die Hitzewelle hat die Stadt fest im Griff. Nach und nach trudeln die Schauspieler*innen ein, bereiten sich auf die Probe vor. Um Spielräume – im buchstäblichen wie auch im übertragenen Sinn – geht es auch im Theater, hält Cornelia Rainer fest. „Zum Beispiel darum, sich Raum zum Nachdenken zu nehmen, weil man auch als Regisseurin nicht immer alles sofort wissen kann und muss.“
In diesem Ansatz spiegle sich im Grunde die gesamte Ausrichtung des bereits zum zweiten Mal im Kärntner Ort Sankt Daniel stattfindenden Festivals wider, fügt die Regisseurin hinzu. „In Workshops, Vorträgen und Gesprächen möchten wir ausgehend vom Stück gemeinsam mit den Menschen weiterdenken und unterschiedliche Perspektiven kennenlernen. Philosophische Gespräche und Sprechstunden sind ein wichtiger Teil des Festivals und ich freue mich, dass wir unter anderem die Philosoph*innen Laura Achenbach und Heidemarie Bennent-Vahle für unser Vorhaben gewinnen konnten. Wichtig war uns auch, dass all die Programmpunkte rund um das Stück frei zugänglich sind, damit alle Menschen, die möchten, tiefer in die Themen einsteigen können.“
Daraus könnte man Folgendes schließen: Während des Festivals entsteht nicht nur ein Spielraum, sondern auch ein großer, offener Spielplatz für gedankliche Turnübungen.
Mit „Denkraum“ bringt die in Osttirol geborene Regisseurin und passionierte Wanderin noch einen weiteren Begriff ins Spiel. „Ich habe immer davon geträumt, einen solchen Denkraum mitten in der Landschaft aufzumachen. Und ich fand es richtig schön, zu sehen, dass im vergangenen Jahr so viele unterschiedliche Menschen zu uns gekommen sind. Es kamen Menschen mit ganz unterschiedlichen Zugängen zum Theater – manche mit langjähriger Theatererfahrung, andere zum ersten Mal. Junge und ältere Menschen, Menschen aus der Region ebenso wie Besucherinnen und Besucher von weiter her.“
Zwar gibt es keine allgemeingültige Antwort auf die Frage, wie sich mögliche Hemmschwellen in Bezug auf Theater am besten abbauen lassen, doch Cornelia Rainer, die selbst gerade eine Ausbildung zur philosophischen Praktikerin absolviert, ist davon überzeugt, dass Austausch und Dialog eine große Rolle spielen. Genauso wie höchster künstlerischer Anspruch, fügt sie hinzu. „Uns ist wichtig, gemeinsam mit den Menschen in der Region Fragen nachzugehen, die uns alle betreffen“, hält die Regisseurin fest. Das mag im ersten Moment zwar nach Floskel klingen, ist bei „Bühne der Macht“ aber tatsächlich so. Wie schon im vergangenen Jahr bei „Glaube Liebe Hoffnung“ hat Rainer auch für „Radetzkymarsch“ wieder mit Menschen aus der Region gesprochen und ihre Perspektiven in ihre Inszenierung eingeflochten. „Fünf Tage lang haben wir mit Jugendlichen und älteren Menschen gedreht. Es war sehr berührend, zu sehen, wie unglaublich aufmerksam die beiden Generationen einander zugehört haben. Klassische Glaubenssätze wie ‚Stell‘ dich doch nicht so an‘ wurden diskutiert und wir sind immer wieder bei der Frage nach Freiheit und Verantwortung gelandet. Wie löse ich mich von etwas, entwickle mich aus etwas heraus und welche Verantwortung trage ich? Das sind Fragen und Konflikte, die keine spezifische Generation betreffen, sondern zeitlos sind.“
Mehrere Rollen
Wie sie ihr Ensemble zusammengestellt hat, möchten wir noch von der Theatermacherin wissen, bevor sie zur Probe muss. Cornelia Rainer antwortet: „Ich konzentriere mich bei dieser Arbeit sehr auf das Spiel und die Spieler*innen. Bei der Zusammenstellung des Ensembles war mir Vielfalt sehr wichtig. Weil alle Spieler*innen mehr als nur eine Rolle spielen, war es für mich zentral, mit Künstler*innen zu arbeiten, die Lust und Freude daran haben, viele Figuren zu spielen.“
Die Probe beginnt. Bevor sie in die Szene einsteigen, spricht Cornelia Rainer mit einer Spielerin noch darüber, eine ihrer Rollen mit einer etwas anderen Haltung auszustatten. Und schon sind wir mitten im Stück – bei Spielräumen, der Suche nach einer bestimmten Haltung, verlorenem Halt und der Notwendigkeit von Haltegriffen auf Spielplätzen.