In neuem Licht
Die Musicbanda Franui und der Circa Contemporary Circus laden an zwei Abenden dazu ein, die Kompositionen Gustav Mahlers in völlig neuem Licht zu betrachten. „Urlicht Primal Light“ ist eine packende Symphonie aus Körpern und Musik.
Es ist kein Geheimnis, sondern eine hin und wieder etwas plakativ dargestellte Tatsache, dass Kunst Menschen zusammenbringt – auch über große Distanzen hinweg. Im Falle von „Urlicht“ kommt man dennoch nicht umhin, sich folgende Frage zu stellen: Wie um alles in der Welt passiert es, dass ein Osttiroler Kammerensemble und eine in Brisbane beheimatete Zirkusgruppe gemeinsam ein Stück auf die Beine stellen? Die Matchmakerin sei Brigitte Fürle, die ehemalige Intendantin des Festspielhauses St. Pölten, gewesen, erzählt Andreas Schett, Mitbegründer der Musicbanda Franui. Sie kam nach einer Uraufführung des Circa Contemporary Circus in Australien mit dessen Leiter Yaron Lifschitz in Kontakt, der sie auf Franui ansprach.
Auf Basis dieser Begegnung entstand „Urlicht Primal Light“, eine im Universum Gustav Mahlers angesiedelte Symphonie aus Körpern und Musik. Die Uraufführung fand im Rahmen der Kulturhauptstadt Bad Ischl Salzkammergut 2024 statt. Es gebe viele Parallelen zwischen der Arbeit der renommierten australischen Zirkusgruppe und ihrer eigenen Herangehensweise, betont Schett: „Beide Kompanien interessieren sich für vorliegendes Material. Wir rekomponieren aus der Tradition heraus, mit großem Respekt, aber auch mit der Absicht, Neues zu schaffen. Wir sind auf der Suche nach einer neuen Poesie.“
Seit 33 Jahren spielt die Musicbanda aus dem ma(h)lerischen Innervillgraten in fast unveränderter Besetzung zusammen. „Und seit Beginn widmen wir uns mit unserem merkwürdigen Instrumentarium einem Musikstück oder einem Lied, weil wir es gern haben“, fügt Andreas Schett hinzu und setzt nach: „Es gibt aber auch den Punkt, an dem wir sagen: Der ganze Mahler soll uns gernhaben! Dann blättern wir nicht mehr um und spielen einfach weiter.“
Das erklärte Ziel sei außerdem, die Menschen im Publikum auf existenzielle Weise zu berühren, wie der gebürtige Osttiroler erläutert. Vorgefertigte Interpretationen mitzuliefern, interessiere die Gruppe nicht.
WAS IST MÖGLICH?
Die gebürtige Österreicherin Christina Zauner ist Associate Artistic Director bei Circa Contemporary Circus. Während ihres Tanzstudiums an der MUK sei sie durch Zufall mit Luftakrobatik in Berührung gekommen und hätte schnell eine Leidenschaft dafür entwickelt, erzählt sie. Nach ihrer Ausbildung war sie als Tänzerin und Luftakrobatin auf unterschiedlichen Bühnen zu sehen, 2020 flog sie für eine Audition bei Circa nach Paris und wurde daraufhin als erste Österreicherin Teil des australischen Ensembles.
„Ich schmunzle meist bei der Frage, wie ich als Österreicherin bei einer zeitgenössischen australischen Zirkuskompanie gelandet bin. Und ich muss gestehen: Es überrascht mich ebenso“, sagt sie lachend. Beim zeitgenössischen Zirkus, der auch an Theater, Tanz, Musik, bildende Kunst und neue Medien andockt, steht nicht allein die artistische Höchstleistung im Fokus, sondern auch das künstlerische Konzept. „Artistik wird als Sprache, nicht nur als Attraktion gesehen“, bringt es Zauner auf den Punkt. „Bei Circa steht die Frage ‚What is possible in circus?‘ im Zentrum. Unser Anspruch ist, durch extreme Körperlichkeit kraftvolle und emotionale Erlebnisse zu schaffen, wobei die verschiedenen Kunstformen bewusst miteinander verwoben werden, ohne klare Grenzen zu ziehen.“
Durch Mahlers Musik hätte sich für die Truppe eine neue Spielfläche ergeben, so Zauner. Außerdem ist die Gleichzeitigkeit scheinbarer Gegensätze, die Mahlers Musik stark prägt, auch in die Arbeit der Kompanie eingeflossen, fügt sie hinzu. „Bei Mahler existieren Kinderlieder neben Trauermärschen. Auch wir haben uns mit dem Zusammenspiel von Gegensätzen beschäftigt. Durch neue Stimmungen entstehen auch neue Impulse, um Akrobatik neu zu entdecken. Wir halten uns nicht an den üblichen Kunststücken fest, sondern kreieren Bewegung, die aus der Musik entspringt.“
Im Falle von Franui ist das künstlerische Naheverhältnis zu Gustav Mahler auch geografisch begründet, wie Andreas Schett erläutert. „Wir haben schon oft gesagt, dass er unser Nachbar ist. Wenn man von unserem Gründungsort Innervillgraten aus auf den Berg steigt, sieht man nach Toblach hinunter, wo Gustav Mahler die drei letzten Sommer seines Lebens verbracht hat.“ In „Urlicht“, inszeniert von Yaron Lifschitz, sind Ausschnitte aus allen großen Liederzyklen von Mahler zu hören. Allerdings wird in den von Franui rekomponierten Stücken nicht gesungen. Eine künstlerische Strategie, die schon früh zu einem wichtigen Eckpfeiler der Band wurde. „Wir haben dem Publikum erzählt, dass der Sänger den Eingang in unser Tal nicht gefunden hat. In Wahrheit wollen wir das Kunstlied von ganz bestimmten Traditionen der Interpretation befreien und diese großartige Musik in einem neuen Licht präsentieren.“ In diesem Fall könnte man auch sagen: in einem Urlicht.
Hier geht es zu den Spielterminen von URLICHT PRIMAL LIGHT im Volkstheater!