Die Bühne. Ein Leben.
Marianne Nentwich gehört dem Ensemble des Theaters in der Josefstadt seit 62 Jahren an. Nun verabschiedet sich die Doyenne des Hauses mit einem Stück von Peter Turrini. Würdevoll, wertschätzend – und lediglich ein bisschen wehmütig.
Schauspieler sind ein seltsames Völkchen. Sie üben freiwillig einen Beruf aus, der bescheren würde. Und sie gehen nie in Pension. Anstatt Enkel zu hüten, Gärten zu pflegen oder Reisen zu genießen, lernen sie seitenweise Texte, proben wochenlang Stücke und stehen allabendlich im Rampenlicht. Auch noch mit 70, 80 oder 90. Es muss schön sein, derart gebraucht zu werden.
Marianne Nentwich kennt dieses Gefühl seit 62 Jahren. So lange gehört die „amtierende“ Doyenne bereits dem Theater in der Josefstadt an. Eine Stütze des Ensembles. Künstlerisch im Rang einer Vielseitigkeitsmaschine. Geschätzt vom Feuilleton. Vom Publikum geliebt. Dass sie nun an der Josefstadt aufhört, mag man kaum glauben. Ihr Vertrag wurde unter der neuen Direktion nicht verlängert. Und Gast wollte sie nicht sein an diesem Theater, das ihr so lange ein Zuhause war. Adieu sagt sie mit Peter Turrini, dessen Stücktitel für sie auch Programm ist. „Es ist mir eine große Ehre und Freude, dass ich am 30. Juni den allerletzten Satz der Direktion Föttinger auf dieser Bühne sprechen werde: ,Was für ein schönes Ende.‘“
ERSTAUNLICHER START
Dabei war keinesfalls absehbar, dass aus der gebürtigen Wienerin dereinst eine gefeierte Schauspielerin werden sollte. Vielmehr arbeitete sie als Stenotypistin beim ORF und hatte den Wunsch, Sprecherin zu werden, weshalb sie an einer privaten Schauspielschule Unterricht nahm.
„Es war für mich damals utopisch, diesen Beruf zu ergreifen, weil ich gar nicht genügend Selbstbewusstsein hatte. Außerdem wollte beinahe jedes Mädchen zur Bühne oder zum Film.“ Die Liebe zum Text habe eine Deutschlehrerin am Gymnasium gefördert. „Damals hat man noch vieles mit verteilten Rollen gelesen und ich wurde meistens für die Hauptrollen ausgewählt. Eine gewisse Begabung muss schon da gewesen sein, denn mein Vater, der auch gerne Schauspieler geworden wäre, hat mir später erzählt, dass ich schon als Kind mit Vergnügen die Aufmerksamkeit auf mich gezogen hätte.“
In der Schauspielschule sei sie „die Einäugige unter Blinden“ gewesen, erinnert sie sich gänzlich unpathetisch. „Da man dafür Schulgeld bezahlen musste, wurde auch jeder genommen.“
Nach der Abschlussprüfung überredete sie ein Kollege, an einem Vorsprechen am Volkstheater unter Direktor Leon Epp teilzunehmen. „Vorsprechen war für mich die Hölle. Wir mussten zwei Szenen vorbereiten, dann hieß es: ,Was haben Sie noch? Nichts? Wie faul die jungen Leute heutzutage doch sind!‘ Danach wurde allen gesagt, man würde sich bei ihnen melden. Bei mir hieß es, ich solle im Herbst wieder- kommen. Das hat mich gefreut, weil ich dachte, man hätte Interesse.“
Und tatsächlich. Sie wurde kurz darauf für einen Anne-Frank-Monolog, der im Rahmen einer im Volkstheater abgehaltenen sozialistischen Jugendweihe vorgetragen werden sollte, engagiert. Dort fiel sie der Schauspielerin Grete Zimmer auf. „Sie hat vor meinen Augen und Ohren Franz Stoß, Direktor in der Josefstadt, angerufen und mich empfohlen. Die suchten eine Einspringerin für eine Rolle im Stück ,Ein schöner Herbst‘, die zuvor Senta Berger und Gaby Jacoby gespielt hatten.“
Marianne Nentwich bekam dieses auf acht Vorstellungen begrenzte Engagement. „Es war schwierig, weil ich keine Erfahrung hatte und das Handwerk nicht beherrschte.“ Im Gedächtnis blieb sie dennoch. Als Nächstes wurde sie in Molnárs „Der gläserne Pantoffel“ als Irma besetzt, was ein derart fulminanter Erfolg war, dass sie 1964 fest ins Ensemble aufgenommen wurde.
Wir mussten zwei Szenen vorbereiten, dann hieß es: „Was haben Sie noch? Nichts? Wie faul die jungen Leute heutzutage doch sind! “
– Marianne Nentwich
„Seither bin ich da“, bilanziert sie feinhumorig-trocken. Gern hätte sie Ophelia, Julia oder das Gretchen gespielt. „Die großen Jugendrollen eben“ – doch in der Direktionsära Stoß seien kaum Klassiker auf dem Spielplan gestanden. „Das waren insgesamt schwierige Jahre, in denen sich die Josefstadt den Ruf des verstaubten Theaters erworben hat. Damals war das ein Inzuchtverein, es gab kaum Schauspielerwechsel und wir hatten Hausregisseure, die nicht zu den besten zählten. Als Schauspielerin oder Schauspieler konnte man sich überhaupt nicht einbringen, sondern jede Handbewegung wurde einem vorgegeben. Der Entwicklungsprozess einer Inszenierung braucht aber die Zusammenarbeit des Regisseurs und der Darsteller. Heute ist das längst Realität.“
FARBENFROHES ALTER
Marianne Nentwich hat es weit gebracht in diesem Beruf. Sie spielte allein an der Josefstadt in 135 Stücken, gehörte 20 Jahre lang zum Stammensemble der Festspiele Reichenau, war acht Jahre lang bei den Salzburger Festspielen präsent, ging auf Tourneen, trat in Berlin und New York auf und veredelte zahlreiche TV-Produktionen – von „Kottan“ bis zum „Ringstraßenpalais“. Erfüllt sie dieses Resümee nicht auch mit Genugtuung? „Ich war nie stolz auf mich. Nein, stimmt nicht, einen Punkt gibt es, der mich stolz macht: dass ich eine vielseitige Schauspielerin bin. Das ist mir aber erst mit dem Älterwerden klar geworden. Schon als junge Frau habe ich um Charakterrollen gekämpft, aber erst in späteren Jahren haben sich so viele Facetten ergeben. Ich bin draufgekommen, dass ich komisch sein kann. Und böse. Ich habe viele böse alte Weiber gespielt (lacht). Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Eigentlich ist die ganze Buntheit dieses Berufs erst in der zweiten Hälfte meines Lebens so aufgegangen, wie ich mir das vorgestellt hatte.“
Ich bin draufgekommen, dass ich komisch sein kann. Und böse. Ich habe viele böse alte Weiber gespielt.
– Marianne Nentwich
Verspürte sie in all den Jahren nicht auch einmal Lust, Wien den Rücken zu kehren? „Doch, ich hatte sogar starke Ausbruchsgefühle. Vor allem, weil ich außer sauberen Mädchen und eleganten Damen lange nichts angeboten bekommen habe. Als ich am Berliner Schillertheater ,Geschichten aus dem Wiener Wald‘ gemacht habe, wollte mich Intendant Boleslaw Barlog engagieren. Und einmal bin ich kühn nach Düsseldorf ans Schauspielhaus gereist, wo mir Direktor Karl-Heinz Stroux sehr wohlgesonnen war. Aber am Ende des Gesprächs meinte er: ,Ich glaube, Sie wollen gar nicht weg aus Wien.‘ Vielleicht hatte er recht, denn meine erste Tochter war bereits auf der Welt und ich hatte sicher Angst vor dem Leben mit einem Baby allein in einer fremden Stadt.“
Bereut hat sie ihren Verbleib an der Josefstadt allerdings nie. „Weil sich doch so viel getan hat an diesem Theater. Im Laufe der Zeit begannen auch immer mehr Frauen zu inszenieren, was ich als große Bereicherung empfinde. Das Haus ist wirklich zu meiner Heimat geworden.“
FAMILIÄRE ZUSTÄNDE
Woran zeigt sich denn das oft zitierte besondere Josefstadt-Gefühl? „An der unvergleichlichen Atmosphäre. Das kann man schwer in Worte fassen. Es besteht ein sehr freundschaftlicher Zusammenhalt, das Konkurrenzdenken ist wenig ausgeprägt. Mich hat – und das ist mir sehr wichtig zu sagen – wahnsinnig aufgeregt, als die Medien von einem Klima der Angst, das hier herrschen solle, geschrieben haben. Natürlich wurden Fehler gemacht, wie sie in jedem Berufsfeld vorkommen, aber eine Atmosphäre von Angst und Schrecken hat wirklich nicht geherrscht. Solche leichtsinnig aufgegriffenen Vorwürfe zerstören den Ruf eines Menschen und eines Hauses, was kaum wiedergutzumachen ist. Das macht mich wütend.“
Sie blicke mit großer Dankbarkeit auf diese 62 Jahre zurück und habe – nach anfänglichem Hadern – auch mit der Tatsache der Nichtverlängerung ihren Frieden geschlossen. „Oft erweist sich ja erst viel später, wofür etwas gut ist.“
Das Haus betreten wird sie nach ihrem Abgang allerdings nie wieder. „Ein Lebensabschnitt geht zu Ende und ich möchte die Josefstadt so in Erinnerung behalten, wie sie jetzt ist.“ Was wird sie also ab dem 1. Juli 2026 machen? „Die Matura meiner Enkelsöhne feiern. Endlich lesen, denn dazu bin ich in den letzten Jahrzehnten viel zu wenig gekommen. Meinen Garten pflegen. Im Oktober werde ich bei den Herbsttagen Blindenmarkt als Großfürstin in ,Der Zarewitsch‘ auftreten. Und ich werde weiterhin an der Volksoper Mrs. Higgins in ,My Fair Lady‘ spielen.“ Auch für Film und Fernsehen sei sie zu haben.
Vermutlich wird auch Marianne Nentwichs Hund Charlie das Theater vermissen, hat er sich doch hinter den Kulissen längst zum Liebling gemausert. Dazu hat sie noch eine Anekdote auf Lager. „Als Otto Schenk Direktor war, gab es im Haus sehr viele Hunde. Das fiel auch einem Magistratsbeamten auf, der einen Brief schrieb, wonach die Präsenz von Haustieren verboten sei. Also veranlasste Schenk einen Aushang, auf dem stand: Ab jetzt betreten unsere geliebten Vierbeiner das Theater nur noch illegal!“
Hier geht es zu den Spielterminen von "Was für ein schönes Ende" im Theater in der Josefstadt!