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Julia Stemberger mit Stefan Jürgens (l.) und Martin Schwab 2024 in Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“.

Julia Stemberger mit Stefan Jürgens (l.) und Martin Schwab 2024 in Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“.
Foto: Lalo Jodlbauer

Steter Sehnsuchtsort

Festspiele Reichenau

Julia Stemberger spielt seit 2008 regelmäßig in Reichenau und wurde in dieser Zeit so etwas wie das Gesicht der Festspiele. Sie weiß um den Mythos, die künstlerische Qualität und das Miteinander an diesem magischen Ort.

In Wien aufgewachsen, wurde Julia Stemberger im Alter von 19 Jahren mit dem Film „Herzklopfen“ über Nacht bekannt und startete in der Rolle der Schülerin Susanne eine beispiellose Schauspielkarriere, die sie nicht nur an die bedeutendsten deutschsprachigen Theater brachte, sondern die ihr auch beim Kino- und TV-Publikum große Erfolge bescherte. So spielte sie die Desdemona in George Taboris „Othello“-Inszenierung am Burgtheater, war als Charmian in „Antonius und Cleopatra“ – Regie Peter Stein – bei den Salzburger Festspielen zu erleben, gab Eliza in „My Fair Lady“ an der Volksoper, beeindruckte als Jeanne d’Arc am Münchner Gärtnerplatztheater und war im TV-Mehrteiler „Der König von St. Pauli“ für einen Straßenfeger mitverantwortlich. Auch in Robert Dornhelms Historienzweiteiler „Maria Theresia“, im Kinofilm „Schächten“ von Regisseur Thomas Roth, in der Kultserie „Vorstadtweiber“ sowie in der neuesten „Sisi“-TV-Produktion war Julia Stemberger präsent – um nur einige wenige zu nennen.

Seit 18 Jahren ist sie wiederkehrend auch bei den Festspielen Reichenau zu Gast. „Mein erstes Engagement war 2008“, erinnert sie sich im Interview. „Wir haben unter der Regie von Hermann Beil ,Die Wahlverwandtschaften‘ von Goethe auf die Bühne gebracht. Die Sommermonate sind häufig mit Dreharbeiten voll, aber da ging es sich zum ersten Mal terminlich gut aus, was für mich eine große Freude war.“

KÜNSTLERISCHE ERFÜLLUNG

Seitdem stand Julia Stemberger oft in Reichenau auf der Bühne. „Ich war in vielen Produktionen österreichischer Autoren wie Schnitzler, Roth, Hofmannsthal oder Doderer zu sehen, aber auch in Tolstois ,Anna Karenina‘ und Ibsens ,John Gabriel Borkman‘. Jede dieser Inszenierungen war eine ganz eigene Welt, auch weil die Stücke der unterschiedlichen Autoren spezielle Universen sind. Ich bin um die Vielzahl der Erfahrungen sehr dankbar.“ Vor zwei Jahren brillierte sie als Königin der Nacht in Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“, im vergangenen Jahr berührte sie als Deborah in Joseph Roths „Hiob“. Und heuer wird sie in der Dramatisierung von Stefan Zweigs Novelle „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“ Mrs. C verkörpern. „Eine bemerkenswerte Geschichte, in der Zweig so eigenen Dichte der Sprache. In präziser Genauigkeit schildert er die Gefühle, das psychologische Innenleben seiner Protagonisten. Menschen am Abgrund, die nach einander greifen“, schildert Julia Stemberger die Besonderheiten dieses nicht jedermann geläufigen Texts. „Meine Figur verlässt dabei alle ihre bislang gewohnten Komfortzonen, um einen Menschen zu retten. Was da an Ungelebtem erwacht und Feuer fängt, wird die Suche innerhalb des Probenprozesses sein.“

KONZENTRIERTE UTOPIE

Reichenau wird von Menschen, die hier bereits künstlerisch zugange waren, oft als Sehnsuchtsort beschrieben. Was macht ihn dazu? „Reichenau zieht interessiertes Theaterpublikum an, hier treffen sich Jahr für Jahr Kolleg*innen aus den unterschiedlichsten Theaterhäusern Wiens und, so wie ich, freischaffende Schauspieler*innen, die in einer intensiven Zusammenarbeit spannende Theaterprojekte umsetzen. Diese Ingredienzen wirken sich offenbar befeuernd und produktiv aus“, erklärt Julia Stemberger, weshalb die Festspiele über die Jahrzehnte zur Institution geworden seien. „Wir machen anspruchsvolle Abende für Leute, die das Theater lieben. Das empfinde ich als eine Verpflichtung, der ich mit Freude nachkomme.“ Maria Happel spricht von einer fünf Wochen dauernden „konzentrierten Theater-Utopie“ und lobt das generationenübergreifende Arbeiten sowie das Hochhalten des Ensemblegedankens – wiewohl es bei einem Festival natürlich kein Ensemble im klassischen Sinne gibt. Wie empfindet Julia Stemberger diese außergewöhnliche Gemeinschaft? „In Reichenau begegnen sich Kolleginnen und Kollegen in unterschiedlichen Konstellationen. Mal arbeitet man gemeinsam, mal übergibt man einander die Garderoben. Es ist ein dichtes Geflecht an Miteinander, jeder weiß, was wir in diesen fünf Wochen gemeinsam stemmen.“

Hat es sie mit ihrer reichen Erfahrung nie gereizt, auch einmal Regie zu führen? „Ich bin da zurückhaltend, weil ich großen Respekt vor einem guten Theaterabend habe. Aber wer weiß, vielleicht juckt es mich mal so sehr, dass ich das ausprobieren werde.“ Dem Mythos der bezahlten Sommerfrische muss Julia Stemberger leider abschließend eine Abfuhr erteilen. „Ich habe in Reichenau den Fokus immer auf der Arbeit. Es ist ein dichter Theatersommer, dem ich meine ganze Kraft widme. Man sieht mich eher nicht auf der Rax wandern.“ Das ist für sie schade. Und für das Publikum ein Segen.

Weitere Informationen zu den Festspielen Reichenau finden Sie hier!

Klaus Peter Vollmann
Klaus Peter Vollmann
Autor
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