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Johanna Arrouas ist Schauspielerin, Sängerin und Regisseurin. Für das junge Reichenauer Publikum brachte sie 2025 Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ auf die Bühne.

Johanna Arrouas ist Schauspielerin, Sängerin und Regisseurin. Für das junge Reichenauer Publikum brachte sie 2025 Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ auf die Bühne.
Foto: Christoph Liebentritt

Kleiner Prinz, große Magie

Festspiele Reichenau

Antoine de Saint-Exupérys Erzählung „Der kleine Prinz“ ist eine Aufforderung, die Kinderbrille wieder hervorzukramen. Vielleicht öffnet sich dadurch ja der Blick für das Wesentliche. Johanna Arrouas bringt die ebenso wundersame wie magische Geschichte als Stück für junges Publikum auf die Bühne.

Es gibt Gleitsichtbrillen, Lesebrillen, Bildschirmbrillen, Sonnenbrillen und noch einige andere Nasenfahrräder. Obwohl ihre Einsatzgebiete unterschiedlich sind, erfolgt ihre Verwendung stets mit demselben Ziel: die Dinge so klar und scharf wie möglich zu sehen. Es gibt jedoch auch Situationen, in denen es nicht auf die Schärfe, sondern auf etwas anderes ankommt – auf eine Art von Blick, der ohne Unvoreingenommenheit zum Wesen der Dinge durchdringt. Und in genau diesen Momenten beginnt die Suche nach der Kinderbrille, deren Comebacks in der Regel mit zunehmendem Alter immer seltener werden. Dabei wäre es doch eigentlich ein Kinderspiel, sie hin und wieder hervorzukramen und aufzusetzen.

Ein Buch, das wie kein anderes dafür steht, die Kinderbrille nicht im hintersten Eck des Kramuri-Kasterls verstauben zu lassen, ist Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“. Davon zeugt unter anderem die wohl berühmteste Stelle des Buchs: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Natürlich lösen sich nicht alle Probleme plötzlich in Luft auf, wenn man sie mit der Unvoreingenommenheit und dem fantastischen Vorstellungsvermögen eines Kindes betrachtet, doch im besten Fall wird der Blick für das Wesentliche wieder ein wenig geschärft. Danach kann man auch ruhig die Bildschirmbrille wieder aufsetzen.

SCHÖN? BEÄNGSTIGEND!

Für Johanna Arrouas schafft Saint-Exupérys weltberühmte Erzählung die sprichwörtliche Quadratur des Kreises: „Mit kurzen, einprägsamen Sätzen spricht sie grundlegende menschliche Themen an. Diese Schlichtheit, die aber gleichzeitig eine unglaubliche Tiefe und Herzenswärme beinhaltet, macht sie sowohl für Kinder zugänglich als auch für Erwachsene lohnend.“ Die Schauspielerin, Sängerin und Regisseurin bringt den Text im Neuen Spielraum auf die Bühne. Bei der Fassung sei ihr vor allem wichtig gewesen, den doch sehr melancholischen Grundton des Originals immer wieder aufzuhellen, erklärt sie. „Mir war es wichtig, Elemente zu betonen, die den Humor der Situationen hervorheben. Und ich wollte so persönlich wie möglich an die Fassung herangehen.“

Johanna Arrouas hat bereits Erfahrung darin, Klassiker für Kinder und Jugendliche auf die Bühne zu bringen. In der Wiener Volksoper reüssierte sie mit ihrer Fassung des französischen Kultromans „Krieg der Knöpfe“, in Reichenau brachte sie Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ auf die Bühne. Das Inszenieren für junges Publikum hat unter anderem ihr Bewusstsein dafür geschärft, dass es beim Theatermachen „immer darum gehen muss, das unsichtbare Band zwischen Bühne und Publikum gespannt zu halten“. L’art pour l’art funktioniert am Theater weder für Kinder noch für Erwachsene, ist sie überzeugt.

„Es geht immer um Kommunikation.“ Bei der Frage, was das Schöne am Inszenieren für junge Menschen sei, muss sie lachen. „Schön? Es ist beängstigend! Im Ernst: Junges Publikum bleibt nicht aus Höflichkeit ruhig, das ist das Fordernde, wenn es funktioniert, aber auch das unübertrefflich Schöne. Dieses vorhin erwähnte Kommunikationsband nicht loszulassen, ist eine sehr beglückende Herausforderung, weil es sich richtig anfühlt und weil es so herzlich belohnt wird.“

„Der kleine Prinz“ ist ihr in der dritten Klasse Volksschule zum ersten Mal begegnet, erzählt die Regisseurin, die in Reichenau außerdem auch im Stück „Krieg und Frieden“ auf der Bühne stehen wird. „Ich hätte die Schlange gespielt, aber es ist leider nichts daraus geworden“, fügt sie lachend hinzu. Umso schöner sei es für sie, nun an ihrer eigenen Version zu arbeiten. Die inhaltliche Message der Erzählung ist für Johanna Arrouas untrennbar mit ihrer poetischen Kraft verbunden. „Die tatsächliche ‚Verdichtung‘ der Gedanken ist es doch, was die Botschaft so zwingend macht. Das Poetische daran ist für mich vor allem, wie wertvoll jede einzelne Formulierung und sogar jedes Wort ist. Es wirkt wirklich so, als ob der Text auf das absolut Wesentliche reduziert wurde.“

Der kindliche Blick ist im Übrigen auch für ihren Beruf unabdingbar, hält sie abschließend fest. „Für mich bedeutet er die kompromisslose Behauptung von Figuren und Situationen – sich einfach ‚reinzuhauen‘, ohne Gedanken an die Wirkung zu verschwenden.“

Skye MacDonald studierte an der
Hochschule für Schauspielkunst
Ernst Busch und arbeitet als freier Schauspieler.
FOTO: LAURA NOWKA
Skye MacDonald studierte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und arbeitet als freier Schauspieler.

DEN MOMENT AUSKOSTEN

Für Schauspieler Skye MacDonald war das Suchen und Aufsetzen der Kinderbrille im Schauspielstudium immer wieder Thema. Wobei es, wie er anmerkt, dabei um mehr ging als „nur“ eine andere Sichtweise. „Mein Bewegungslehrer hat uns immer wieder erklärt, dass sich Babys eigentlich nicht verletzen könne, weil sie immer in ihrem Zentrum sind. Das wieder zu erlernen, war eine wichtige Aufgabe. Und sich auch freizumachen von Barrikaden, die man als Erwachsener unweigerlich entwickelt. Auch Naivität war ein wichtiges Thema für mich. Ich neige dazu, aus Nervosität oder Unsicherheit schnell Pläne zu schmieden, schnell etwas zu erfinden, um die Menschen bei Laune zu halten. Einfach nur da zu sein, den Moment auszukosten und das Gegenüber ein Angebot machen zu lassen, das musste ich richtig trainieren.“

KLASSIK TRIFFT FERIENCAMP

Die Geschichte des kleinen Prinzen, des Piloten und der anderen Figuren begegnete ihm zum ersten Mal als Kind und ein zweites Mal im Gymnasium, als die Erzählung im Französischunterricht durchgenommen wurde. „Als ich sie nun, als Erwachsener, wieder gelesen habe, habe ich mich ertappt gefühlt, weil man plötzlich Teil dieser zynischen, einsamen Erwachsenenwelt ist. Das hat mich beim Lesen schon sehr getroffen“, hält der 29-jährige Schauspieler fest.

„Der kleine Prinz“ ist seine erste Theaterarbeit für junges Publikum und seine dritte Theaterarbeit in Reichenau. „Wir spielen alle mehrere Rollen. Außerdem hat Johanna eine eigene Fassung mit eigener Storyline geschrieben, die auch begründet, warum die Geschichte erzählt wird“, gibt Skye MacDonald erste Einblicke. Er freut sich auf das direkte Feedback des jungen Publikums und dessen Art und Weise, Behauptungen, die auf der Bühne aufgestellt werden, lautstark zu hinterfragen. „Kinder bringen einen wieder ein bisschen runter. Am Ende ist es ja einfach nur Theater, was wir da machen. Viele große Dramatiker wie unter anderem Shakespeare haben diese Ebene ja explizit in ihre Stücke hineingeschrieben.“ Shakespeare ist ein gutes Stichwort, denn eine Sache, die der Schauspieler an Reichenau unter anderem sehr schätzt, ist, dass viele klassische Stoffe auf die Bühne kommen. Das sei eine schöne Abwechslung zu den Stückentwicklungen, in die er sich in der freien Szene hineinwirft. „Da wird es meistens sehr komiklastig, bunt und körperlich. Das mag ich auch sehr, aber es macht mir auch Spaß, mich auf die Sprache zu konzentrieren und etwas von dem Handwerk zu zeigen, das ich auf der Schauspielschule mitbekommen habe“, erzählt der Schauspieler, der nicht nur gern Theater spielt, sondern auch mit viel Enthusiasmus und Scharfsinn darüber spricht. Offen, reflektiert, lässig, aber nicht gelassen. Denn das würde ja bedeuten, dass er die Dinge einfach passieren lässt. Und das – so viel ist bereits nach wenigen Gesprächsminuten klar – ist nicht Skye MacDonalds Herangehensweise an seinen Beruf.

Darüber hinaus hätten die Festspiele durchaus Feriencamp-Charakter, fügt er lachend hinzu. „Man geht zusammen schwimmen und begegnet Menschen aus an- deren Ensembles. Diese Begegnungen machen diese Zeit für mich so besonders.“

Wir sprechen noch einmal über den „Kleinen Prinzen“, die Zugänglichkeit und die gleichzeitige Doppeldeutigkeit, die den Text auch für Erwachsene so reizvoll macht. „Die Geschichte hat etwa Prophetisches und Mystisches an sich, gleichzeitig erzählt sie uns natürlich auch viel über Neugier, Hingabe, Loyalität und Liebe. Ich denke, dass sie Erwachsenen dabei helfen kann, rauszuzoomen und anders auf Dinge zu schauen. Dinge neu kennenzulernen oder vielleicht auch internalisierte Denkmuster zu hinterfragen, das wünschen wir uns ja auch am Theater. Den Zuschauer*innen einen möglichst freien Blick zu ermöglichen, ihnen keinesfalls eine Sichtweise aufzuzwingen.“

Wenn er ins Theater geht – und das tut er sehr oft – wünscht er sich manchmal einen naiveren Blick zurück, sagt Skye MacDonald, bevor wir uns wieder verabschieden. Vielleicht sogar so etwas wie eine Kinderbrille. Am Ende ist es ja einfach nur Theater. Oder? Mal sehen, was das junge Publikum in Reichenau dazu sagt.

Hier geht es zu den Spielterminen von "Der kleine Prinz" bei den Festspielen Reichenau!

Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
Autor
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