Zwischenwelt
Es gibt kaum einen Zwischenraum, den Leo Tolstoi in seinem monumentalen Werk „Krieg und Frieden“ nicht ausleuchtet. In einige davon begeben sich Regisseur Philipp Hauß und sein Ensemble im Südbahnhotel Semmering hinein – und landen immer wieder bei der Frage, wofür man eigentlich leben soll.
Was befindet sich zwischen Krieg und Frieden? Das kleine Wörtchen „und“ könnte man jetzt sagen, wenn man die Frage mit einer gewissen Nüchternheit beantworten und sich lieber nicht zu tief in diesen Zwischenraum hineinbegeben möchte. Geht es nach Leo Tolstoi steckt darin jedoch sehr viel mehr. Mit seinem Werk „Krieg und Frieden“ hat der 1828 geborene russische Schriftsteller ein genaues Bild der Gesellschaft des zaristischen Russlands zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschaffen, das wie kaum ein anderes genau diese Zwischenwelt ausleuchtet und beschreibt. Die Fragen, die dabei aufgeworfen werden, haben keinesfalls an Gültigkeit verloren, sagt Regisseur und Schauspieler Philipp Hauß, der den Prosakoloss in einer Dramatisierung von Nicolaus Hagg im Südbahnhotel Semmering auf die Bühne bringt. Ganz im Gegenteil.
WOFÜR MAN LEBEN SOLL
„Vor ein paar Jahren war es vor allem der Frieden, den wir kannten. Wie viele andere Menschen bin auch ich mit der Idee von Abrüstung groß geworden, mittlerweile ist der Krieg jedoch wieder sehr viel näher an uns herangerückt. Diese Inszenierung ist eine Möglichkeit, etwas über Krieg zu erzählen, ohne die gegenwärtigen Kriege benennen zu müssen“, bringt es Hauß auf den Punkt. „Die Kernfrage ist für mich, wie und wofür man eigentlich leben soll. Wie können wir uns in dieser Welt bewegen? Wo ist unser Platz und was können wir Sinnvolles tun?“
Weder Tolstois Werk noch die Inszenierung werden diese Fragen beantworten, hält Philipp Hauß mit ruhiger Stimme fest. „Allerdings können weitere Fragen und vielleicht auch Anhaltspunkte auftauchen, während man die Figuren bei ihren Versuchen, genau diese Dinge herauszufinden, begleitet. Am Ende gibt es jedoch schon so etwas wie Hoffnung, dass wir mit der Welt vorankommen können, solange wir an Liebe, Fürsorge und Solidarität festhalten.“
Dem Regisseur und Schauspieler kommt daraufhin sofort eine Szene rund um die Hauptfigur Pierre in den Sinn, die genau diese Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach Veränderung und der gleichzeitigen Ahnungslosigkeit, wie diese aussehen könnte, beschreibt: „Es war, als ob sich eine Hauptschraube in seinem Kopf, die seinem ganzen Leben eine Stütze gewesen war, gelockert hätte. Diese Schraube ging weder heraus noch hinein, aber sie drehte sich, ohne zu greifen, immer in demselben Gewinde herum und er konnte nicht anders, als immer wieder an ihr zu drehen.“ Bemerkenswert findet Philipp Hauß auch, dass sich Tolstois Werk nicht an Heldengeschichten abarbeitet. „Geschichte wird von vielen gemacht. Sie entsteht aus einem unendlichen Räderwerk, in dem Napoleon nicht wertvoller ist als ein einfacher Soldat. Tolstoi hat nicht an Genies geglaubt.“
BRÖCKELNDE DEKADENZ
Neben dem Stoff selbst hätte ihn auch die Möglichkeit, im Südbahnhotel zu inszenieren, sehr gereizt, fügt er hinzu. „Die bröckelnde Dekadenz und das Morbide dieses Orts haben mich sehr angezogen. Und auch das Setting, das es ermöglicht, als Zuschauer*in mittendrin zu sein und nicht nur draufzuschauen. Ich denke, dass man dadurch ganz anders in die Geschichte eintauchen kann. Es wird im Laufe der Inszenierung auch einen Ortswechsel innerhalb des Hotels geben.“ Wenn man so möchte, ist außerdem auch das Südbahnhotel eine Art Zwischenwelt. Das einst prunkvolle Grandhotel wurde in den vergangenen Jahren zur Kulturstätte umfunktioniert.
Das vierzehnköpfige Ensemble von „Krieg und Frieden“ versammelt Spieler*innen unterschiedlicher Generationen auf einer Bühne. Martin Schwab kenne er am längsten, so Hauß. „Ich habe ihn am Max Reinhardt Seminar kennengelernt, er war damals mein Lehrer. Später haben wir zusammen gespielt. Dass er hier dabei ist, löst ein großes Glücksgefühl in mir aus und ist auch ein Ansporn für mich. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass die jüngeren Spieler*innen diesen Ort anders für sich einnehmen werden – ein bisschen hineinstürmen. Wichtig ist mir, dass wir diesen Abend wirklich als Ensemble erzählen und sich das Publikum an die Fersen der Figuren heften kann.“ Sicher ist, dass hier Künstler*innen zusammenkommen, die all die Zwischentöne in Tolstois Werk spür- und hörbar machen werden.
Einer davon, nämlich der bereits erwähnte Martin Schwab, sagte im großen BÜHNE-Interview über seinen Beruf: „Die Bühne war mein Freiraum, weil ich auf ihr so sein konnte, wie ich aufgrund meiner Erziehung nicht sein durfte. Im Leben muss man sich zusammennehmen, am Theater ist man Liebhaber, Mörder oder Priester.“ In „Krieg und Frieden“ spielt der mit dem Lebenswerk-NESTROY ausgezeichnete Schauspieler Fürst Nikolai Bolkonski. Johanna Mahaffy, die zum dritten Mal in Reichenau auf der Bühne steht, wird als Natascha Rostowa zu sehen sein. „Natascha ist, glaube ich, eine sehr lebendige und instinktive Figur, die durch ihre radikale Offenheit intensiv liebt, scheitert und daran wächst. Zu Beginn des Romans ist sie ja noch wirklich sehr jung und man begleitet sie dabei, wie sie zu einer erfahrungsreichen Frau heranwächst. Diesen großen dramaturgischen und emotionalen Bogen darzustellen, wird wahrscheinlich eine der größten Herausforderungen für mich sein“, sagt die Schauspielerin, die sich zwischen den Proben gern in der Schwarza – „kalt, sehr kalt“ – abkühlt. Die Zusammenarbeit mit Kolleg*innen unterschiedlicher Generationen weiß sie sehr zu schätzen. „Eine Kollegin sagte neulich etwas, das bei mir sehr hängen geblieben ist: dass ältere Schauspielerinnen oft unterrepräsentiert sind, kurz gesagt, weil weniger für sie geschrieben wird und ein gewisser Ageism spürbar ist. Und dass unsere Generation das nicht stillschweigend hinnehmen sollte, wenn es in Zukunft anders werden soll. Sichtbarkeit ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Frage des Diskurses.“
Als Regisseur möchte Philipp Hauß weder den Zuschauer*innen vorschreiben, wie sie leben sollen, noch den Spieler*innen erklären, wie sie spielen sollen. „Es geht darum, einen Rahmen zu schaffen, damit sich die Menschen, die genau wissen, was sie tun, selbst ins Spiel bringen können.“