Jedes Stück braucht ein Zuhause
Johanna Lakner verantwortet Bühne und Kostüm für Joseph Roths „Die Legende vom heiligen Trinker“. Ihren Beruf betrachtet sie nicht isoliert, sondern als Kunstform, die Hand in Hand mit der Regie geht.
Als „vollkommene, vollendete Prosa“ bezeichnete der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in einer Rede Joseph Roths Novelle „Die Legende vom heiligen Trinker“, in der dieser auch seine eigene Alkoholabhängigkeit einer genauen Selbstbeobachtung unterzog – exemplarisch und stellvertretend für viele, die diesen Weg gehen. Andreas lebt als Clochard unter einer Pariser Brücke und trifft einen ihm fremden Mann, der ihm Geld leiht, das er vertrinkt. Er zieht durch die Straßen, bereit, das Leben zu feiern, das auch gut zu ihm scheint. Immer wieder beschert es ihm „Wunder“ – in Form von finanziellen Zuwendungen oder menschlichen Begegnungen –, langsam beginnt ihn aber auch die Vergangenheit einzuholen. Joseph Roth erzählt mit zartem Ton, voller leiser Würde und feiner Ironie und öffnet so einen Raum, in dem Schmerz, Hoffnung und Humor still nebeneinander existieren dürfen. Regisseurin Alexandra Liedtke dramatisierte dieses literarische Vermächtnis Joseph Roths, das erst kurz nach seinem Tod veröffentlicht wurde, und bringt es in Reichenau auf die Bühne.
Sie verantworten Bühne und Kostüm für „Die Legende vom heiligen Trinker“. Was zeichnet dieses Stück für Sie aus?
Die Poesie der Sprache von Joseph Roth ist das, was dieses Stück auszeichnet, ähnlich wie bereits bei „Hiob“. Wir führen die Arbeit, die wir im vergangenen Jahr begonnen haben, weiter und dürfen erneut mit dieser Sprache arbeiten. Daraus entwickelt sich eine Kostüm- und Bühnensprache, die wir konsequent weiterdenken. Das Besondere ist vielleicht auch, dass ein eigentlich unmöglicher Zustand, Krankheit und Verfall, konkret die Abhängigkeit von Alkohol, dennoch mit einer Form von Weichheit erzählt wird.
Dieser Spagat zwischen Abgrund, großer Poesie und Hoffnung macht das Stück so besonders und spannend. Wir wissen, dass Alkoholismus zerstörerisch ist, und wir leben in einer Zeit, die von Kriegen und Unruhen geprägt ist. Umso bemerkenswerter ist es, dass es dennoch immer wieder die Möglichkeit gibt, Hoffnung zu finden. Joseph Roth rettet sich in eine literarische Welt und schafft es, die Realität des Alkoholismus mit Poesie und Hoffnung zu verbinden.
Müssen Sie ein Werk „mögen“, um es ausstatten zu können?
In jedem Text liegt eine Herausforderung und in jeder Herausforderung eine große Stärke. Es geht darum, sich intensiv mit einem Stoff auseinanderzusetzen und darin jene Seiten zu finden, die man beleuchten möchte.
Mit Regisseurin Alexandra Liedtke arbeiten Sie seit 2010 immer wieder zusammen. Worauf beruht diese künstlerische Verbundenheit?
Alexandra Liedtke und ich arbeiten seit vielen Jahren gerne, intensiv und erfolgreich zusammen. Unsere künstlerische Verbundenheit basiert auf einem gemeinsamen ästhetischen Zugang und einer engen konzeptionellen Zusammenarbeit. Uns verbindet ein Verständnis von Theater als untrennbare Einheit von Regie, Bühne und Kostüm. Diese Bereiche werden nicht isoliert gedacht, sondern entwickeln sich parallel aus einer gemeinsamen Idee heraus. So entsteht ein roter Faden, der sich durch alle Ebenen der Inszenierung zieht – von der Figurenentwicklung bis zur Bildsprache. Es macht große Freude, solche Projekte wie jetzt wieder in Reichenau 2026 gemeinsam zu entwickeln und umzusetzen.
Wie schaut Ihr Konzept für die Bühne und die Kostüme des heiligen Trinkers konkret aus? Wovon haben Sie sich inspirieren lassen?
Das Konzept für Bühne und Kostüm versteht sich als Fortführung der Auseinandersetzung mit der Sprache und Poesie von Joseph Roth. Im Zentrum steht das Aufeinandertreffen zweier Welten: der realen, vom Alkoholismus geprägten Wirklichkeit und einer poetischen Ebene, die von Hoffnung und Sehnsucht erzählt. Diese Dualität spiegelt sich sowohl im Bühnenraum als auch in den Kostümen wider. Die reale Welt erscheint reduziert, klar und dunkel. Demgegenüber steht eine zweite Ebene, die sich durch Farbe, Leichtigkeit und eine fast spielerische, teils auch humorvolle Qualität auszeichnet.
Sie haben ursprünglich Mode studiert. Wann und warum haben Sie sich für Bühne und Kostüm als künstlerisches Ausdrucksmittel entschieden?
Ich habe in San Francisco Fashion und Visual Arts studiert und bin in einer Künstlerfamilie aufgewachsen, in der es selbstverständlich war, vieles auszuprobieren. Während des Studiums und später als Assistentin am Burgtheater, meinem ersten Job am Theater, hat sich mein Interesse zunehmend in Richtung Theater und Oper verschoben. Mich faszinieren die vielen Facetten des Lebens, die auf der Bühne sichtbar werden. Als Bühnen- und Kostümbildnerin kann ich eigene visuelle Welten erschaffen und diese ästhetisch prägen. Das hat mich als Künstlerin letztlich stärker interessiert als die Mode allein, auch wenn sie im Kostümbild weiterhin eine wichtige Rolle spielt. Zudem empfinde ich Theater und Oper in unserer immer schneller werdenden digitalen Welt als einen besonderen Ort: einen Raum, in dem Kunst analog entsteht und erlebt wird.
Was macht ein gutes Kostüm, eine gelungene Bühne aus?
Die entscheidende Frage ist immer: Was braucht es wirklich, um die Geschichte zu erzählen? Für mich sind ein gutes Kostümbild und eine gelungene Bühne vor allem visuell klar, ohne überladen zu sein oder sich in den Vordergrund zu drängen. Es hängt immer stark vom jeweiligen Stück ab. Manchmal reicht eine sehr abstrakte, stark reduzierte Form.
Worin liegt für Sie generell der Reiz des Festivals Reichenau begründet?
Der Reiz liegt für mich gerade in seiner kleineren Struktur im Vergleich zu den großen Häusern, an denen ich sonst arbeite. Es ermöglicht ein sehr freies Arbeiten, bei dem ich innerhalb der Produktion vieles selbst übernehme. Genau darin liegt die besondere Qualität: die Möglichkeit, eigenständig zu gestalten und unmittelbar als Künstlerin zu arbeiten. Mit vergleichsweise reduzierten Mitteln eine starke Wirkung zu erzielen und das Publikum zu erreichen und zu berühren, empfinde ich als besonders spannend. Alexandra Liedtke und ich haben das im vergangenen Jahr gemeinsam mit einer großartigen Besetzung gezeigt und wir hoffen, dass uns das auch heuer wieder gelingt.
Andreas lebt als gescheiterte Existenz unter einer Brücke an der Seine, als sich ihm durch die geheimnisvolle Begegnung mit einem fremden Mann die Möglichkeit eines Neuanfangs eröffnet. Doch wie geht man damit um, wenn einen das Glück so plötzlich überfällt?