Glückliche Heimkehr
Als Harras in Carl Zuckmayers „Des Teufels General“ erlebte Stefan Jürgens nach vielen TV-Erfolgen 2022 in Reichenau ein Bühnencomeback. Heuer verkörpert er in Schnitzlers „Reigen“ die Rolle des Grafen.
Maria Happel habe ein gutes Gespür für Timing, findet Stefan Jürgens. Denn sie sei es gewesen, die ihn nach vielen Jahren der Film- und TV-Erfolge mit dem Angebot, bei den Festspielen Reichenau General Harras in „Des Teufels General“ zu spielen, 2022 für die Bühne wiedergewonnen habe.
„Ich hatte mich just aus der Fernsehwelt vorübergehend verabschiedet und suchte nach neuen Herausforderungen“, erzählt der dem heimischen Publikum vor allem aus der TV-Serie „Soko Donau“ und dem „Tatort“ bekannte Schauspieler. 2023 spielte er in Reichenau die Titelrolle in „Tartuffe“, 2024 den Doktor in. „Der Intrigant und der Wahnsinnige“ und 2025 Jonathan Brewster in „Arsen und Spitzenhäubchen“ – heuer wird er als Graf im „Reigen“ auf der Bühne stehen. Schnitzlers Drama war ob seiner standesübergreifenden Sexualität ein Skandal und wurde von diesem selbst bis 1982 mit einem weitgehenden Aufführungsverbot belegt. Heute ist es das erfolgreichste Stück des Autors, der noch vor Freud der Gesellschaft tief in die Seele blickte. Den „Reigen“ inszenieren werden Alexandra Henkel und Dietmar König, was sowohl den weiblichen als auch den männlichen Blick garantieren dürfte.
Für die Rolle des Harras wurden Sie mit dem Publikums-NESTROY ausgezeichnet. Welche Bedeutung hatte in dieser Phase Ihrer Karriere die Anerkennung in Form von Österreichs wichtigstem Theaterpreis?
Na ja, als ich vom Theater wegging, war das nicht eben ein triumphaler Auszug mit Pauken und Trompeten. Ich saß, 30-jährig, ordentlich angetrunken in der Kantine und habe mich über Gott und die Welt und vor allem über meinen Intendanten beschwert. Insofern war da noch eine Rechnung offen. Dass sich dieser Kreis doch noch geschlossen hat und obendrein so wunderbar honoriert wurde, war ein schönes Lebensgeschenk.
Heuer treten Sie zum fünften Mal bei den Festspielen Reichenau auf. Was macht den Reiz dieses Festivals aus – warum sagen Sie immer wieder Ja?
Es ist tatsächlich ein bisschen wie Landschulheim – um das in Theaterkreisen manchmal überstrapazierte Wort Familie zu vermeiden. Intensiv und zeitlich klar begrenzt, also gut planbar, mit wunderbaren Kollegen in einer herrlichen Landschaft. Und wie sehr ich als Piefke Wien und Österreich mag, ist ja mittlerweile kein Geheimnis mehr.
Erleben Sie dabei auch die berühmte Sommerfrische oder bleibt für Müßiggang gar keine Zeit?
Absolut! Ich genieße die Gegend, lasse zwischendurch die Seele baumeln und schaue anderen beim Wandern zu. Und obendrein ist die Zeit in Reichenau auch außerhalb der Theatervorstellungen für mich eine höchst kreative Phase. Im letzten Jahr habe ich dort mein Tucholsky-Programm entwickelt und direkt danach am Semmering zur Premiere gebracht.
Auf Ihrem Programm 2026 steht die Rolle des Grafen in Schnitzlers „Reigen“. Wie würden Sie diese Figur charakterisieren?
Auf den ersten „vorprobenlichen Blick“ scheint er mir weniger ein Charakter großer psychologischer Tiefe zu sein. Er übt innerhalb eines hermetischen Systems eine klare Funktion aus, die er offenbar auch gar nicht hinterfragt. Sein Adelstitel, sein Status öffnen ihm buchstäblich die Türen. Und mehr scheint ihn auch nicht zu interessieren – ein individuelles Zentrum scheint er nicht zu haben und aus seiner Sicht auch nicht zu brauchen. Ich spüre eine gewisse routinierte Kälte in ihm …und eine ziemlich erschreckende Leere. Aber: Wir haben noch nicht angefangen zu proben.
Das Stück war ein Skandal, weil es sexuelle Begegnungen, noch dazu durch alle Gesellschaftsschichten, zeigt. Damals stand die Freiheit der Kunst auf dem Spiel. Warum ist es wichtig, den „Reigen“, der aktuell an manchen Stellen aus ganz anderen Gründen problematisch erscheint, heute noch immer zu spielen?
Weil es, salopp gesagt, in manchen Bereichen unserer Gesellschaft immer noch einen erheblichen „Modernisierungsstau“ gibt. Vieles wird heute thematisiert und hinterfragt, Gott sei Dank. Aber man kann nun wirklich nicht sagen, dass die einseitigen Macht- und Herrschaftsansprüche überkommen oder aufgegeben sind. Die patriarchalischen Strukturen sind nach wie vor tief verwurzelt. Das Personal im „Reigen“ scheint ja durchgehend von sich selbst entkoppelt – sowohl die „Täter“ als auch die „Opfer“. Der Spiegel, den Schnitzler uns vorhält, ist noch nicht blind.
„Reigen“ wird im Neuen Spielraum aufgeführt. Dieser ist eine Art Arenabühne, das Publikum sitzt rund um die Schauspieler, der Aktionsradius umfasst beinahe 360 Grad. Welchen Unterschied macht das für Sie als Schauspieler?
Das Spiel ist – auch räumlich – nach allen Seiten offen. Man ist nicht auf die eingeschränkte Publikumsrichtung der klassischen Theaterbühne begrenzt. Das erlaubt mitunter eine fast filmische Spielweise, was ich sehr schätze.
Man kann nun wirklich nicht sagen, dass die einseitigen Macht- und Herrschaftsansprüche überkommen oder aufgegeben sind.
– Stefan Jürgens, Schauspieler
Die Intendantin sagt, man müsse diesen Raum auch sprachlich beherrschen. Was genau ist, neben der Lautstärke, damit gemeint?
Durch die 360-Grad-Öffnung ist eine enorme Präsenz gefordert. Das Publikum muss ja nicht nur aus einer Richtung „abgeholt“ werden. Blöd gesagt: Du musst auch nach hinten spielen und dementsprechend auch zu hören sein. Das ist neben der Lautstärke vor allem eine Frage der inszenatorischen Klarheit und der persönlichen Spielgenauigkeit.
Welche Pläne haben Sie für den Sommer 2027?
Das fragen Sie mich am besten Anfang 2027 noch einmal. Frühestens.