Unter Tieren
Selbst die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern: Die Welt geht vor die Hunde und der freie Markt wird es nicht mehr richten. In Elfriede Jelineks „Unter Tieren“ wird deutlich, dass der Kapitalismus ein ziemlich dickes Fell hat. Nicolas Stemann inszeniert, Mavie Hörbiger gehört zum siebenköpfigen Ensemble.
Beim Versuch, den modernen Finanzkapitalismus zu verstehen, kann man sich eigentlich nur zum Affen machen. Selbst als noch so alter Hase in Sachen Geldanlage und Investmentbanking wird man irgendwann einsehen müssen, dass die Wege des lieben Geldes nicht nur unergründlich, sondern auch undurchdringbar sind. Und zwar so undurchdringbar, dass nicht einmal der Dachs, als einer der besten aller Tunnelgräber, einen soliden Zugang zu diesem weitverzweigten System findet
„Wir alle müssen Federn lassen bei der Finanz“, schreibt Elfriede Jelinek in ihrem aktuellen Stück „Unter Tieren“, das auch der Grund für den tierisch metaphorischen Einstieg in diesen Artikel ist. Sicher ist: Weder Affe, Hase noch Dachs kommen am Ende ungeschoren davon, denn das Stück der Nobelpreisträgerin ist alles andere als eine Streicheleinheit für den modernen Kapitalismus. Im Gegenteil. Es ist ein ebenso rasiermesserscharfer wie poetischer Abgesang des kapitalistischen Systems. „Im Grunde schauen wir den Tieren dabei zu, wie sie daran scheitern, den modernen Finanzkapitalismus zu verstehen. Sie stehen staunend vor dem Nichts“, bringt es Nicolas Stemann, der die Uraufführung zuerst bei den Salzburger Festspielen und dann an der BURG inszeniert, auf den Punkt.
RAUM IM RAUM
Szenenwechsel: Nach einer der ersten Proben treffen wir Schauspielerin Mavie Hörbiger, die zum Ensemble der Uraufführung gehört, im Arsenal zum Gespräch. Die ersten Proben seien ein Herantasten gewesen, sagt sie. „Wir haben viel gelesen, noch ist alles offen. Nicolas Stemann hat einen großen Zauberkasten mitgebracht und wir werden sehen, was am Ende dabei herauskommt.“ Der Text selbst setze sich unter anderem mit René Benko, der SIGNA-Pleite, dem Wirecard-Skandal und ihren politischen Dimensionen wie auch mit dem P&R-Container-Skandal und dem Skandal rund um den Fußballverein Mattersburg auseinander, so Mavie Hörbiger.
Außerdem gehe es um die Ausbeutung der Natur, den Klimawandel, um Naturkatastrophen, den Zusammenhang zwischen Krieg und Kapitalismus und auch darum, dass die ganze Finanzwelt auf Krediten basiert – das Geld demnach keinen wirklichen Gegenwert mehr hat. Und auch darum, dass wir in einem System leben, das auf Wachstum basiert, sich jedoch die Frage stellt, wohin man eigentlich noch wachsen möchte. „Wie die Tiere im Stück stehen auch viele Menschen, zu denen ich mich ebenfalls zähle, ratlos vor der Frage, wie der Kapitalismus eigentlich funktioniert. Vor allem dann, wenn es, wie in unserem Text, um das Kreditwesen geht. Aber vielleicht soll auch bewusst verhindert werden, dass wir das alles durchdringen, weil das System sonst nicht mehr funktionieren würde. Oft habe ich den Eindruck, dass Elon Musk und Co ganz bewusst Aussagen machen, die wie Nebelgranaten funktionieren. Die eigentlichen Themen und Probleme sind so nicht mehr sichtbar“, findet die Schauspielerin klare Worte.
All das wird in Textflächen verhandelt, die vor allem wenn man sie leise für sich liest, genauso undurchdringbar scheinen wie die Finanzwelt selbst. „Das ändert sich jedoch, wenn man sie vorgelesen oder vorgespielt bekommt. Als Spielerin finde ich es eine schöne Aufgabe herauszufinden, wie diese Sätze funktionieren. Oft gibt es eine Form von Doppelbelichtung. Es wird das eine gesagt, jedoch etwas ganz anderes damit gemeint. Mit jedem Satz eröffnen sich neue Räume. Es macht großen Spaß, in diese Räume hineinzutauchen und sich dabei vorzustellen, wie Elfriede Jelinek all diese Zusammenhänge hergestellt hat. Es fühlt sich fast so an, als dürfe man ganz kurz in ihr Gehirn hineinsteigen. Ohne ihre visionären Gedanken wären wir wirklich ein ganzes Stück ärmer.“
Es ist nicht das erste Mal, dass sich Mavie Hörbiger tief in die Sprache der Dichterin und Dramatikerin hineinstürzt. Aktuell ist sie im Stück „Burgtheater“ zu sehen, 2013 gehörte sie zum Ensemble von „Schatten (Eurydike sagt)“. Mit Nicolas Stemann arbeitet sie zum ersten Mal zusammen. „Ich habe den Eindruck, dass er die Spieler*innen sehr dazu einlädt, Dinge auszuprobieren und ihren Impulsen zu folgen. Das ist eine sehr befreiende Art, Theater zu machen, die sehr gut zu dem passt, was ich gerade von meiner Arbeit will.“
MAXIMALE OFFENHEIT
Erneuter Szenenwechsel: Nicolas Stemann ist nach der Probe auf dem Weg zum Flughafen, hat aber Zeit für ein Telefonat. Der Regisseur, der seit der Uraufführung von „Das Werk“ im Jahr 2003 schon zahlreiche Texte der österreichischen Dramatikerin inszeniert hat, ist für seine Spiellust entfachenden, offenen und musikalischen Arbeiten bekannt. Mit Elfriede Jelinek verbindet ihn eine bald 25-jährige Arbeitsbeziehung. Sie war es auch, die sich den 1968 geborenen Regisseur für die Uraufführung von „Unter Tieren“ gewünscht hat. Stemann verweist in diesem Zusammenhang auf ihre Wirtschaftskomödie „Die Kontrakte des Kaufmanns“, die er kurz nach dem großen Bankencrash im Jahr 2008 ebenfalls auf die Bühne gebracht hat. Inhaltlich gebe es einen klaren Zusammenhang zwischen den beiden Texten, hält er fest. Und auch formal könnten sich einige Parallelen ergeben, wobei er sich zu diesem noch sehr frühen Zeitpunkt im Probenprozess auf nichts festnageln lassen möchte.
Maximale Offenheit, so lautet die Devise. Ganz offen spricht Nicolas Stemann auch von der Bedeutung der „Kontrakte des Kaufmanns“ für sein eigenes Theaterschaffen: „Diese Arbeit war für das gesamte künstlerische Team eine Offenbarung, weil wir einen hohen Grad von Freiheit erreicht haben. Es gab viele improvisatorische Elemente, jede Vorstellung war anders. Als Zuschauer*in konnte man einer Inszenierung beim Entstehen zusehen.“
Zudem war es dem Publikum möglich, den Saal zu verlassen und wieder hereinzukommen. Auch das sei inhaltlich begründet gewesen, sagt Stemann. „Freiheit und Sicherheit sind zwei zentrale Themen dieses Texts. Einerseits wünscht man sich die Freiheit und entfesselte Grenzenlosigkeit eines neoliberalen Kapitalismus, andererseits möchte man aber davon profitieren und für diese Profite auch Sicherheit haben. Das hat die Inszenierung formal abgebildet. Es gab zwar diese große Freiheit, dadurch konnten aber auch viele Sachen schiefgehen. Die letztgültige Sicherheit hat sich zu keinem Zeitpunkt eingestellt. Bei ‚Unter Tieren‘ möchten wir uns auf keinen Fall wiederholen, denn die Welt ist heute eine andere als damals, es könnte aber trotzdem spannend sein, mit dieser lebendigen, offenen Form zu experimentieren.“
Wie bei jeder Inszenierung eines Texts von Elfriede Jelinek gilt auch diesmal wieder, dass sie dem Regieteam nichts vorgibt und sich nicht einmischt. „Sie hat uns geschrieben, dass wir uns keine Sorgen machen sollen, denn sie sei auch nicht viel klüger als die Tiere in ihrem Stück“, hält der Regisseur lachend fest. Oft sei das Nicht-Verstehen ohnehin ein besserer Ausgangspunkt als die Sehnsucht danach, sich alles herleiten und erklären zu wollen, so Stemann.
„Ich glaube nicht, dass es darum geht, dass jeder einzelne Satz eindeutig entschlüsselbar ist, sondern vielmehr darum, diese Sätze als Anlässe zu verstehen, damit überhaupt Theater entstehen kann. Ihre Texte brauchen nicht meine Intelligenz, sondern eher meine Intuition und meine Spielfreude. Deshalb finde ich dieses anfängliche Nicht-Verstehen sehr wertvoll und möchte das auch gar nicht immer auflösen, obwohl ich gewisse Dinge vielleicht entschlüsseln könnte. Es ist eher ein Ringen um das Verstehen als ein tatsächliches Verstehen. Was wiederum als theatraler Akt sehr viel Spaß macht.“
Eine andere Frage, die sich aufdrängt, ist, welche Auswirkungen es auf das Theater hat, wenn Politiker*innen ihm mit ihren teils clownesken Auftritten den Rang ablaufen. „Die Frage ist schon, ob beispielsweise die Farce wirklich noch ein scharfes Schwert ist. Oder haben uns Trump und Co schon längst eingeholt? Diese Frage stellt sich durchaus. Das Gute bei den Stücken von Elfriede Jelinek ist jedoch, dass bei ihr, von Philosophie über Komödie bis hin zur Poesie, unglaublich viel zusammenkommt. Und sie das auf einzigartige Weise miteinander verbindet. Und das kann jemand wie Trump definitiv nicht“, so Stemanns klare Antwort. Der Regisseur muss weiter. Wir verabschieden uns.
Auch vom Kapitalismus? Noch sieht es nicht wirklich danach aus. Geht es nach Elfriede Jelinek und ihrem Stück, muss über das „Für und Widder“ jedoch nicht mehr diskutiert werden. Oder doch? Die Zeichen scheinen klar auf Wid(d)erstand zu stehen. Vor allem dann, wenn dieser auf solch kluge, raffinierte und witzige Weise wie bei der Nobelpreisträgerin passiert. Sicher ist: Ungeschoren werden am Ende auch die nicht davonkommen, die schon zahlreiche kapitale Böcke geschossen haben.
GEHT ALLES VOR DIE HUNDE?
Zurück ins Arsenal zu Mavie Hörbiger. Wir sitzen in einem dieser spärlich eingerichteten Mehrzweckräume, die es einem schwer machen, sie mit dem großen, prunkvollen Illusionskasten in der Mitte der Stadt in Verbindung zu bringen. Es geht um die ebenfalls im Stück verhandelte Verbindungslinie zwischen Kapitalismus und Faschismus.
Und darum, wie gerade finanziell und politisch instabile Zeiten faschistische Tendenzen verstärken und befeuern. Außerdem sprechen wir über ihr Aufwachsen als „totales Kapitalismuskind“. „Ich wurde Ende der Siebzigerjahre geboren, in einer Zeit, in der das Gefühl aufkam, man müsse nicht mehr auf die Straßen gehen, so wie unsere Eltern das noch getan hatten. Man hat aus Strohhalmen getrunken und sie danach weggeworfen und Amerika war ein einziges großes Versprechen. Außerdem wurden wir damit indoktriniert, dass der Kapitalismus das einzige funktionierende System ist.“
Bedeutet das, um in der Tiermetaphorik zu bleiben, dass die Welt dazu verdammt ist, vor die Hunde zu gehen? Oder können wir das Ruder noch herumreißen? „Im Stück ist es so, dass zum Schluss die Toten sprechen“, gibt die Schauspielerin eine klare Antwort und setzt nach: „Ich denke, dass unsere Generation diesen Moment verpasst hat. Aber ich bin auch eine ziemliche Pessimistin. Unseren Kindern könnte es jedoch gelingen. An die glaube ich. Sie standen auf der Straße und haben gerufen, dass ihnen gerade die Zukunft weggenommen wird. Außerdem ist mein Eindruck, dass sie viel sorgsamer mit sich selbst und miteinander umgehen.“
Bei aller Ruhe und Gefasstheit, die sie ausstrahlt, merkt man, dass etwas in ihr tobt, wenn sie über diese Themen zu sprechen beginnt. Dieses Toben kanalisiert Mavie Hörbiger jedoch in eine klare Haltung und in Sätze, die schnörkelloser nicht sein könnten. Die Schauspielerin gehört definitiv zu jenen Menschen, die einen dazu bringen, den gemeinsamen Wortstamm von Pose und Positionierung infrage zu stellen. Letzteres ist bei jedem Satz, den die Schauspielerin abfeuert, gut spürbar, während sie auf Ersteres überhaupt keine Lust hat. Das merkt man auch, wenn sie über ihren Arbeitsplatz spricht.
„Mein Blick auf das Theater hat sich verändert, weil es mittlerweile wirklich ums Überleben geht. Die Politik versucht uns ja gerade zu erklären, dass man es in dieser Vielfalt vielleicht gar nicht so dringend braucht. In besonderem Maße habe ich das gemerkt, als nicht ganz klar war, ob wir nicht vielleicht bald in einem von der FPÖ regierten Land leben. Diese Zeit ist mir auf sehr grausame Weise in Erinnerung geblieben. Ich habe mir viele Produktionen aus der freien Szene angeschaut, weil ich mir dachte, dass das die Ersten sein werden, denen es an den Kragen geht. In diesen Vorstellungen gab es, trotz all der Angst, ein starkes Gemeinschaftsgefühl und genau darin lag eine große Hoffnung und Kraft.“
Wir sprechen noch einmal über „Unter Tieren“ und landen bei der Frage, wie es sich anfühlt, sich als Spielerin immer wieder in eine neue Arbeitsweise hineinzudenken. „Es gibt oft Momente, so ging es mir auch jetzt bei Nicolas Stemann, in denen ich mich frage, ob ich nicht fehl am Platz bin. Und dann fühlt es sich schön an zu erkennen, dass man es doch kann – und zwar auf seine ganz eigene Art. Man fängt in diesem Beruf einfach immer wieder von vorne an. Und darum geht es letztendlich im Theater ja auch: um die Wandlung. Und nicht darum, etwas zu wiederholen, das schon einmal funktioniert hat.“
Gleichzeitig, fügt Mavie Hörbiger hinzu, wüsste sie ganz genau, wo sie steht. „Ich kenne mich in diesem Haus aus, die BURG ist auch meine Bühne. Und ich hoffe, dass sie das noch lange ist. Denn es ist schon so, dass rundherum der Eindruck entsteht, dass am Theater nicht nur mehr gespart wird, sondern auch immer mehr Austauschbarkeit herrscht.“ Womit wir letztendlich wieder bei „Unter Tieren“ und den darin verhandelten Themen wären.
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