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Kristina Sprenger.

Kristina Sprenger.
Foto: Caro Lenhart

Theater ist ein One-Taker

Interview

Kristina Sprenger über Theater im Sommer, gesellschaftliche Verantwortung und die Unsterblichkeit der Bühne.

Kristina Sprenger gehört zu den bekanntesten Schauspielerinnen Österreichs. Jahrelang prägte sie das Fernsehen, spielte in Serien, Filmen und auf großen Bühnen. Seit 2014 leitet sie als Intendantin das Stadttheater Berndorf, zudem ist sie Obfrau des Theaterfests Niederösterreich. Im Gespräch spricht sie über die neue Qualität des Sommertheaters, wirtschaftlichen Druck, starke Geschichten – und darüber, warum Theater heute vielleicht wichtiger ist als je zuvor. Es ist ein Gespräch, an dessen Ende man sich fragt: Warum eigentlich lässt man Sprenger nicht in Wien an eines der Theater ran? Als Volksschauspielerin mit echter Theater-Straßenkampf-Erfahrung. Aber das ist nur einer der vielen Gedanken, die man nach einem Treffen mit ihr mitnimmt.

Frau Sprenger, wie macht man eigentlich Theater im Sommer?

Eigentlich genauso wie im Winter. Für mich ist das wirklich nur eine andere Jahreszeit – keine andere Haltung. Theater muss im Sommer genauso leidenschaftlich, genauso professionell und genauso qualitativ hochwertig sein wie an jedem anderen Haus. Dieses alte Bild vom Sommertheater als etwas Halbprofessionellem oder Leichtgewichtigem gibt es meines Erachtens längst nicht mehr. Früher wurde der Begriff ja fast ein bisschen despektierlich verwendet. Aber die Qualität hat sich enorm verändert. Heutesieht man Produktionen bei Sommerfestspielen, die genauso gut an einem großen Wiener Haus stattfinden könnten. Das betrifft Schauspiel genauso wie Oper. Da hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein unglaublicher Wandel vollzogen. Es ist mittlerweile selbstverständlich geworden, mit hoher Professionalität zu arbeiten – und das Publikum erwartet das auch.

Gleichzeitig ist das Publikum im Sommer doch ein anderes als etwa im Burgtheater oder in der Staatsoper. Viel heterogener, viel schwerer greifbar.

Ja, und genau das ist eigentlich das Spannende daran. Ich glaube, der große Unterschied liegt darin, dass Theater im Sommer eine gewisse Niederschwelligkeit haben sollte. Das heißt nicht, dass es einfacher oder weniger anspruchsvoll sein muss – überhaupt nicht. Aber es bedeutet, dass man Menschen abholt, die vielleicht sonst nie ins Theater gehen würden. Ich finde grundsätzlich, dass Kunst und Kultur nicht nur ein Bildungsbürgertum bedienen sollten. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen gesellschaftlich alles sehr polarisiert ist, in denen ständig zugespitzt und positioniert wird, braucht es Räume, in denen unterschiedliche Lebensrealitäten aufeinandertreffen können. Und vielleicht gelingt das im Sommertheater manchmal sogar besser als in den klassischen Stadthäusern. In Wien gehört es für gewisse Milieus einfach dazu, ins Theater zu gehen. In Regionen muss man diese Leidenschaft erst wecken. Da braucht es oft mehr Überzeugungsarbeit. Aber ich würde niemals sagen, dass das Publikum in einem großen Wiener Haus „mehr versteht“ als jenes in Haag oder Berndorf. Das wäre unglaublich arrogant. Publikum ist Publikum – öffentliche Zuhörerschaft. Wenn auf der Bühne echte Begeisterung herrscht und eine Geschichte ehrlich erzählt wird, dann erreicht das Menschen unabhängig davon, wo sie sitzen oder welchen Hintergrund sie haben.

Bedeutet das auch, dass Sommertheater stärker von Mundpropaganda lebt?

Absolut. Vielleicht sogar mehr als jedes andere Theater. Denn die meisten Festspielorte haben ja nur eine einzige Produktion pro Saison. Das heißt: Diese eine muss funktionieren. Wenn du diese Premiere versemmelst, hast du nicht noch sechs weitere Stücke, die das Publikum zurückholen. Du musst die Menschen wirklich begeistern, damit sie sagen: „Nächstes Jahr fahre ich wieder hin.“ Und das ist etwas Besonderes am Sommertheater: Die Menschen verbinden den Theaterabend oft mit einem Ausflug, mit einem Restaurantbesuch, mit einer Autofahrt durchs Land. Der Theaterabend wird zum Erlebnis. Aber genau deshalb muss dieses Erlebnis auch stimmen. Theater im Sommer ist tatsächlich ein bisschen ein „One-Taker“. Du hast diese eine Chance – und die muss sitzen.

 

Theater ist mein Ursprung. Ich wollte nie reich und berühmt werden – ich wollte immer Geschichten erzählen.

– Kristina Sprenger

Ist der Druck dadurch höher?

Ja, extrem hoch. Viele wissen gar nicht, wie wirtschaftlich diese Theater arbeiten müssen. Bei den meisten Spielorten des Theaterfests macht die öffentliche Förderung nur ein Sechstel oder ein Siebtel des Budgets aus. Alles andere muss über den Kartenverkauf finanziert werden. Das bedeutet: Man braucht Auslastungen von über 80 Prozent – und zwar echte, verkaufte Tickets. Nicht irgendwelche Kooperationen oder verschenkte Karten. Tatsächlich verkaufte Plätze. Und ehrlich gesagt: Viele öffentliche Häuser in großen Städten würden sich solche Zahlen wünschen. Der Druck ist deshalb enorm. Wenn man mehrere Jahre hintereinander scheitert, wird es schwierig. Das ist fast wie im Spitzensport. Wenn ein Fußballverein drei Jahre lang schlecht performt, wird auch irgendwann alles infrage gestellt. Im Theater ist das ähnlich. Die Reputation kann sehr schnell verloren gehen – und sie wieder aufzubauen, ist unglaublich schwer.

Gleichzeitig erlebt man derzeit einen erstaunlichen Qualitätsboom im Sommertheater. Früher galt es fast als „B-Liga“ des Betriebs. Heute spielen dort die großen Namen.

Ja, und das zeigt eben, wie sehr sich die Wahrnehmung verändert hat. Früher hat man oft von „Provinztheater“ gesprochen – auch das natürlich abwertend. Aber Provinz ist ja nichts anderes als eine Region. Und mit provinziell hat das alles längst nichts mehr zu tun. Sommertheater ist heute keine „Pawlatschenbühne“ mehr und auch keine Notlösung für Schauspielerinnen und Schauspieler, die sonst nichts zu tun haben. Im Gegenteil: Viele Kolleginnen und Kollegen, die sehr erfolgreich drehen, wollen bewusst Theater spielen. Und das hat auch mit der Struktur zu tun. Sommertheater ist kompakt. Man probt intensiv, spielt en suite sechs oder sieben Wochen – und danach geht es weiter zum nächsten Projekt. Das lässt sich oft besser in einen vollen Kalender integrieren als ein fixes Engagement im Repertoirebetrieb. Aber ich glaube, es ist noch etwas anderes passiert: Die Lust am Theater ist zurückgekommen. Schauspielerinnen und Schauspieler haben Freude daran, gute Geschichten live zu erzählen. Wenn Andreas Lust in Stockerau spielt oder Gerti Drassl in Haag, dann zeigt das, welchen Stellenwert diese Bühnen mittlerweile haben.

Sie hätten wahrscheinlich problemlos weiterhin hauptsächlich Fernsehen machen können. Warum wollten Sie plötzlich Intendantin werden?

Weil Theater immer mein Ursprung war. Ich wollte nie berühmt oder reich werden oder über rote Teppiche gehen. Ich wollte Geschichten erzählen. Theater war für mich immer der eigentliche Grund, warum ich diesen Beruf ergriffen habe. Diese Direktheit, diese Unmittelbarkeit – das ist etwas ganz Besonderes. Nicht umsonst existiert Theater seit Jahrtausenden. Du trittst auf der Bühne in Verbindung – mit den Kolleginnen und Kollegen und mit dem Publikum. Dieses gemeinsame Erleben ist etwas zutiefst Menschliches. Und ich finde es unglaublich spannend, ein Theater zu führen. Du arbeitest ja nicht nur künstlerisch. Du baust Teams auf, stellst Ensembles zusammen, entwickelst Programme, führst Menschen zusammen. Das ist Kulturmanagement, aber gleichzeitig auch ein kreativer Prozess. Beim Film gibst du immer nur einen Teil ab. Du bist abhängig vom Drehbuch, von der Kamera, vom Schnitt, von der Musik. Auf der Bühne gestaltest du unmittelbarer. Das liebe ich.

 

Sprenger im Stiegenhaus ihres Büros in Wien.
Foto: Caro Lenhart
Sprenger im Stiegenhaus ihres Büros in Wien.

Was passiert in Ihnen kurz vor der Vorstellung, bevor das Licht angeht?

Ich glaube, das kennen alle Menschen, die auf der Bühne stehen: dieses angenehme Aufgeregtsein kurz davor. Und dann geht plötzlich das Licht an – und du bist komplett in der Geschichte drin. Es ist wirklich erstaunlich: Selbst wenn man müde ist oder denkt, heute ist die Energie nicht so da – in dem Moment funktioniert man. Als hätte man intravenös zwanzig Espressos bekommen. Das ist irgendwie Teil der DNA.

Sie sprechen oft von Geschichten. Haben Sie das Gefühl, dass uns die großen Geschichtenerzähler langsam ausgehen?

Vielleicht hat sich die Form verändert. Wenn man an die großen Theaterautorinnen und -autoren denkt – Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek –, dann gibt es davon vielleicht weniger. Aber gleichzeitig entstehen unglaublich spannende neue Erzählweisen. Viele Künstlerinnen und Künstler erzählen Stoffe heute anders: schneller, direkter, mutiger. So werden beispielsweise im Theater Bronski & Grünberg von Alexander Pschill große Romane auf 90 Minuten verdichtet, Klassiker völlig neu interpretiert. Das funktioniert hervorragend und ich finde das spannend, weil ich das Gefühl habe, dass Theater heute weniger belehren möchte. Wir hatten eine Phase, in der das sogenannte Regietheater oft sehr dominant war. Da hatte man manchmal das Gefühl: „Ich provoziere euch jetzt und ihr müsst das aushalten.“ Das kann spannend sein, aber manchmal ging dabei die Geschichte verloren. Jetzt habe ich eher das Gefühl, dass man das Publikum wieder stärker mitnimmt. Dass man gemeinsam erzählt – und nicht gegeneinander arbeitet. Das gefällt mir.

Wie schwierig ist es heute für Schauspielerinnen und Schauspieler, in diesem Beruf zu bestehen?

Es ist sicher nicht einfacher geworden. Es wird weniger gedreht, die Projekte werden kürzer und gerade Frauen sind im Theater immer noch oft benachteiligt, weil es einfach mehr Männerrollen gibt. Deshalb ist es natürlich klug, wenn man sich breit aufstellt – sofern man die Begabungen dafür hat. Manche können moderieren, andere lesen großartig, wieder andere funktionieren hervorragend auf der Bühne, aber nicht vor der Kamera. Und man darf eines nicht vergessen: Schauspielerinnen und Schauspieler werden extrem schnell in Schubladen gesteckt. Im Fernsehen ganz besonders. Da gibt es die „ZDF-Blondine“, die immer die Gute ist, oder den Schauspieler, bei dem man sofort weiß: Das ist der Mörder. Diese Typisierungen existieren noch immer sehr stark. Deshalb ist es wichtig, sich auch immer wieder neu zu zeigen und andere Dinge auszuprobieren.

Sie selbst wurden durch eine sehr populäre Fernsehrolle bekannt. War das manchmal auch ein Käfig?

Nein, eigentlich nicht. Ich bin dieser Rolle sehr dankbar. Ohne sie würde ich wahrscheinlich heute nicht hier sitzen. Und man muss auch ehrlich sein: Diese enorme Bekanntheit entsteht nur durch die Frequenz einer Serie. Wenn Menschen dich jede Woche sehen, wirst du Teil ihres Lebens. Das kann man später auch nutzen – für Theater, Lesungen oder andere Projekte. Wichtig ist nur, dass man irgendwann selbstbestimmt Entscheidungen trifft. Dass man nicht aus Bequemlichkeit irgendwo bleibt. Denn natürlich ist es angenehm, erfolgreich zu drehen. Man wird abgeholt, versorgt, gut bezahlt. Aber manchmal muss man sich bewusst wieder herauslösen und etwas Neues wagen.

Was macht für Sie ein perfektes Theaterstück aus?

Es muss dramaturgisch gut gebaut sein. Wie ein guter Roman. Es braucht eine starke Einführung, einen Höhepunkt und vor allem einen guten Schluss. Gerade bei Komödien ist das oft schwierig. Viele steigern sich großartig nach oben und finden dann keine wirklich elegante Auflösung mehr. Unabhängig vom Genre muss ich das Gefühl haben, dass mich das Stück im Hier und Jetzt betrifft. Es kann in den 1970ern spielen oder im antiken Griechenland, aber die Emotionen müssen heute spürbar sein. Liebe, Hass, Wut, Trauer, Sehnsucht – diese Themen verstehen Menschen in jeder Zeit und in jeder Gesellschaftsschicht. Der perfekte Theaterabend ist für mich jener, bei dem ich komplett eintauche und nie auf die Uhr schaue. Wenn man vergisst, dass man im Theater sitzt, dann ist etwas gelungen.

Glauben Sie an die Zukunft des Theaters?

Absolut. Ich glaube sogar mehr denn je an seine Zukunft. Weil Theater etwas erfüllt, das Menschen immer brauchen werden: das gemeinsame Erleben. Deshalb funktionieren Konzerte, Fußballspiele oder Theater seit Jahrhunderten. Alles, was wir gemeinsam erleben, verankert sich viel stärker in uns. Gerade heute, wo wir ständig in digitalen Räumen unterwegs sind und unsere Algorithmen uns immer nur bestätigen, wird Theater vielleicht sogar wichtiger. Es zwingt uns, andere Perspektiven auszuhalten. Und deshalb glaube ich an die Unsterblichkeit des Theaters.

Zum Schluss: Warum sollte man diesen Sommer unbedingt nach Berndorf fahren?

Weil wir mit „Gerüchte ... Gerüchte ...“ von Neil Simon eine großartige Komödie spielen, die perfekt in unsere Zeit passt. Neil Simon konnte einfach Theaterstücke schreiben. Diese Dialoge, dieser Rhythmus, dieser Witz – das ist meisterhaft gebaut. Und gleichzeitig geht es um etwas sehr Heutiges: Fake News, Gerüchte, Machtstrukturen, gesellschaftliche Netzwerke. Also um diese Mechanismen, die wir gerade überall erleben. Das Stück spielt in der Upper Class – und dort wird bekanntlich oft besonders viel gelogen. Genau deshalb ist es so aktuell.

Hier geht es zum Programm der Festspiele Berndorf!

Erschienen in
Bühne 06/2026

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Atha Athanasiadis
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