Er ist wieder da
Stefano Bernardin spielt in „Er ist wieder da“ Adolf Hitler, der in die Jetztzeit zurückkehrt. Wir haben den Publikumsliebling getroffen und mit ihm über das Hitstück gesprochen. Regie: Thomas Birkmeir.
Auch Katzen mögen Hitler nicht. Selbst dann nicht, wenn er aussieht wie Stefano Bernardin. Normalerweise sind die Herrscherinnen der Terrasse, auf der wir den Publikumsliebling in Szene gesetzt haben, wenig verschreckt. Aber Stefano Bernardin kehrt mit der Produktion „Er ist wieder da“ an den Ort seines Karrierestarts zurück: ans Renaissance-Theater in Wien. Hier hat er seinen ersten NESTROY bekommen – und mit dem Regisseur von damals wird er auch dieses Mal wieder arbeiten: Thomas Birkmeir.
Der Inhalt des Stücks ist schnell erklärt: Adolf Hitler ist plötzlich wieder da, in der Jetztzeit, und wird unter anderem zum Social-Media-Phänomen. Das Buch war ein Bestseller, der Film auch. Und das Theaterstück wird offensichtlich ein Hit. Die Kombination – Stück, Schauspieler, Regisseur – löste im Übrigen einen derartigen Run auf die Tickets aus, dass Sie sich beeilen sollten, wenn Sie noch welche ergattern wollen. Wir haben derweil mit Stefano Bernardin ein langes Gespräch geführt ...
Was ist dieses Stück? Eine Satire? Eine Warnung? Angesichts der Welt eine Bestandsaufnahme?
In allererster Linie ist es ja tatsächlich eine Verwechslungskomödie. Alle Personen des Stücks glauben, Adolf Hitler ist in Wahrheit ein Komödiant, nur er selbst weiß es nicht. Er weiß, er ist der „Führer“. Und das ist die eine komische Schiene dieses Stücks (neben zahlreichen anderen).Der Umgang mit Adolf Hitler in diesem Stück ist auf jeden Fall eine Satire, denn Satire ist laut Definition eine Kunstgattung, die durch beißenden Spott an Personen und Ereignissen Kritik übt und sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert und mit scharfem Witz geißelt. Also ja, ja (und wie der Führer im Stück sagt) und nochmals JA.
Aber: Was mich durchaus bei dieser Frage beziehungsweise meiner Antwort verunsichert, ist die erste Definition der Satire, nämlich Übertreibung. Und da muss ich mich noch von unserer Interpretation überraschen lassen, denn wie könnte man Hitler „übertreiben“? Ein Mensch, der ja seine eigene Überhöhung gewesen ist, zumindest wie er sich dem Volk präsentiert hat. Ich rede jetzt nicht vom privaten Hitler, von dem wir ja sehr wenig wissen und auch kaum Material haben, außer aus Erzählungen. Aber Hitler, der Führer des Dritten Reichs, ist ja schon in der Realität nicht zu überhöhen gewesen. Was sollte man denn da noch übertreiben? Die Frisur? Den lächerlichen Bart? Die Sprache? Nicht mal beim Namen seines Hunds lässt uns das Original noch Spielraum für Übertreibung! Was soll ich bei „Blondie“ noch übertreiben?
Zum Thema Warnung angesichts der derzeitigen Situation: Na ja, wie man heute sieht, haben wir nicht viel aus den Gefahren der Vergangenheit gelernt. Die Demokratie ist massiv in Gefahr. Die Leute haben wieder kein Problem, Minderheiten zu degradieren. Antisemitismus ist überall, nicht nur bei den Ewiggestrigen, sondern plötzlich auch in der liberalen und linken Szene. Er war immer anwesend, in Österreich, in Europa, auf der ganzen Welt.
Aber das ist zum Glück nicht das eigentliche Thema dieses Stücks. Ich sage zum Glück, denn für die unfassbarsten Verbrechen der Menschheit an der Menschheit, die Grauen des Holocausts, würde diese Erzählform am Theater diesem Trauma des Humanismus nicht gerecht werden. Wenn ich sage, es ist nicht das EIGENTLICHE Thema, dann deshalb, weil man in dem Moment, wo der Name Adolf Hitler erwähnt wird, nicht drum herumkommt, an seinen Judenhass und die Massenvernichtung der Juden durch ihn zu denken. Das Thema ist die Lenkbarkeit der Menschen, die Verblödung der Gesellschaft und das dadurch leichte Spiel der Demagogen. Die Leute wollen keine wissenschaftlichen Lösung von Problemen, sie wollen ihren Ängsten emotionalen freien Lauf lassen.
Wir Menschen suchen den Sündenbock! Wir suchen die Unzufriedenheit, um gemeinsam GEGEN etwas sein zu können. Das lässt uns stark fühlen, vereint und gibt uns einen Sinn in unserem Lebenslabyrinth. Die Medien bedienen das. Die Presse verkauft sich durch Angst, Hass und Hardliner, die bewusst Minderheiten verletzen und ausgrenzen. Das ist keine Vermutung, das ist Fakt. Trump, Orban, die AfD, Kickl, Putin. Interviews, TV-Duelle, Schlagzeilen mit diesen Namen verkaufen sich einfach um ein Vielfaches.
Wie ist es, in eine Figur zu schlüpfen, die das personifizierte Grauen ist?
Als Schauspieler solltest du nicht einen Menschen spielen, von dem du sagst: Der ist ein Monster, der ist das absolut Böse. Das sollen die anderen sagen oder seine Taten, Worte, was auch immer. Ich als Schauspieler muss Sachen finden, die ich an diesem Menschen mag, die ich verstehe, seien es auch nur erfundene Erlebnisse aus der Kindheit. So müsste ich an jede Rolle herangehen. Ich muss was finden, das ich mag oder – sagen wir so – zumindest nachvollziehen kann.
ABER: Hier ist, wie gesagt, die Satire im Vordergrund. Seit Chaplins „Diktator“ ist Hitler zusätzlich zu seiner Inkarnation des Bösen auch eine Witzfigur, eine Schablone. Es IST nun mal so, dass man sich über Hitler (aufgrund seiner markanten Eigenheiten) öfter lustig macht als über Mao oder Stalin.
In dem Stück wird beschrieben, wie die Welt auf Hitler reagiert – wie realistisch ist das?
Na ja, zum Glück reagieren alle anders. Es gibt sehr wohl auch die Menschen, die geschockt sind, die ihn nicht ernst nehmen, die Angst vor ihm haben. Aber in Bezug auf Comedy ist es sehr interessant, denn die TV-Produzenten und auch das Publikum finden ihn ja anfangs zum Brüllen komisch und mit der Zeit verschwimmt das dann immer mehr zu einer Art von „Anhimmeln“, zu einer Art von „Ja, eigentlich hat er ja Recht!“ und „Es ist ja wirklich so!“.
Das Tragische ist: Es gibt natürlich auch immer wieder Punkte, die irgendwo etwas aufgreifen, das die Leute anspricht. Probleme gab es ja tatsächlich in der Zwischenkriegszeit. Den Hunger und die Arbeitslosigkeit haben ja nicht die Nazis erfunden. Die Sündenböcke haben sie erfunden. Die Lösungen waren gelogen. Die Probleme sollte man auch heute nicht immer wegwischen. Es gibt genug Menschen, denen es nicht gut geht, die sich nicht mehr wohlfühlen in unserer Gesellschaft. Es gibt ja auch bei den populistischen Parteien, bei den extrem rechten oder auch linken Parteien, Punkte, die stimmen, sonst könnte man ja die Massen nicht mobilisieren. Die Lösungen sind jedoch die Lügen! Und wenn man einen verantwortlichen Feind findet für alle Probleme, na dann gibt es eine Vision: ein besseres Leben ohne diesen Feind! Der muss weg!
Wie groß ist die Gefahr, dass Hitlers wiederkommen und wir ihnen verfallen?
Das Phänomen an Hitler, und das unterscheidet ihn ja von ganz, ganz vielen Tyrannen und Despoten, ist ja, dass er anfangs so ein „Loser“ war. Dass er ja nichts erreicht hat. Er wurde als Künstler nicht ernst genommen, er war als Soldat im Ersten Weltkrieg kein Held, er war im Gefängnis, er war zerfressen von Minderwertigkeitskomplexen. Und dann sieht er auch noch aus wie eine Witzfigur mit diesem lächerlichen Bärtchen, diesem Scheitel, diesem Gezappel und Gebrüll. Das ist ja weder ein Clark Gable, noch ein Redner wie Churchill, kein Brad Pitt und auch kein Cristiano Ronaldo. Aber während ich das so sage, fällt mir jemand ein, der genauso unterdrückt wurde von seinem Vater, der auch nicht wirklich was kann, der genauso lächerlich aussieht mit seiner orangen Haut, seiner blonden Tolle und seinen zu langen Krawatten. Donald! Donald Trump, der Lügner, der ungebildete Komplexler, der innerhalb von zehn Monaten die Demokratie der Vereinigten Staaten infrage gestellt hat …
Wie sehr sorgen Sie sich um die Zukunft Ihrer Kinder?
Ich mache mir große Sorgen um die Zukunft unserer Kinder. Aber die Frau von H. C. Artmann, die weise Rosa Artmann, hat mir unlängst gesagt: „Lass sie ihr Leben leben. Es ist ihr Recht, ein eigenes Leben zu haben. Mach ihnen lieber Mut, Angst machen die Medien eh genug.“
Ein großes Motto des Nachkriegs-Österreich war: „Wehret den Anfängen!“. Haben wir da was übersehen?
Entschuldigung??? Wir haben Walter Rosenkranz als Nationalratspräsidenten! ER ist der „Chef“ vom Parlament, ein Mann, der sich nie klar distanziert von Sympathisanten der NS-Zeit, ein Mann, der Orbán ins Parlament nach Wien einlädt und die Fahnen der EU herunternehmen lässt … Die stärkste Partei in diesem Land unterstützt die AfD, eine Partei in der wirkliche Neonazis sind. Ich muss nicht weiterreden, oder?
Du hast am Beginn deiner Karriere mit Thomas Birkmeir gearbeitet und umgehend den NESTROY gewonnen. Was kann er, was andere nicht können?
Thomas Birkmeir war sehr, sehr wichtig für meinen Beruf. Er hat mir gezeigt, dass es in erster Linie ein Handwerk ist. Zuerst musst du sprechen lernen und danach musst du die Handlungen und Gefühle, die dadurch entstehen, wiederholen können – und zwar 70 mal en suite. Er betonte auch immer: „Theater ist halt auch das Wiederholen-KÖNNEN.“ Nicht wie beim Film, wo der Take im Kasten ist – und das war’s. Und er gab mir immer Sicherheit. Er hat mich immer bestärkt in meinem Tun auf der Bühne, bei den Proben. Wir haben gearbeitet wie Viecher, beide, aber wir hatten trotzdem immer Spaß!