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Foto: Schwimmender Salon

„Kirschgarten“ schlägt Smartphone

Kolumne

Sexy und die Realität spiegelnd: So will die Gen Z Theater, meint Angelika Hager in ihrer neuen Kolumne.

Mit Sicherheit alles Smartphone-Junkies. Deswegen war es fast wie ein Wunder, erzählt der Autor und  Regisseur Simon Stone: 2024 hat vor allem das junge Publikum seinen in die Gegenwart gehievten „Kirschgarten” in Seoul gestürmt. Wobei man davon ausgehen kann, dass 99 Prozent der Gen-Z-ler von diesem „random dude” Tschechow wahrscheinlich nicht einmal einen Flügelschlag von Kenntnis hatten. In einem digital verseuchten Land wie Korea, wo die Internet-Besessenheit sicher unsere Breiten noch in die Harmlosigkeitszone verschlägt, ist Theater also ein Exotikum, eine Rarität, mit der die meisten nicht sozialisiert wurden, also etwas richtig Besonderes.

So etwas wie eine Prada-Tasche an Freizeitgestaltung. Der Sexappeal besteht aus der unmittelbaren Direktheit, in der man den Atem, die Kunst, das Charisma der Schauspieler so spüren kann wie nirgendwo sonst, Textzeilen fliegen lernen und „die Realität direkt und ohne Zeitverzögerung widergespiegelt wird”, so Stone. Im besten Fall. Stone, dessen Trauma- und Traumproduktion „Das Ferienhaus“ am Burgtheater irritiert und fasziniert, macht den Zoovergleich: „Jahrelang siehst du Elefanten im Netz oder im Fernsehen und plötzlich bekommst du einen echten im Zoo zu Gesicht. So verhält sich Theater zum Film.“

Ergänzend meckere ich: Wenn nicht wieder diese Klassikerbesessenheit in den Spielplänen überhandnimmt, die schon Thomas Bernhard an seinem Regiekumpel enerviert hatte. „Herr Peymann leidet an der unheilbaren Klassikerkrankheit, die sich (…) in den letzten Monaten zu einer geradezu bösartig galoppierenden entwickelt hat.”

Genug Molière, Goethe, Kleist – und auch von Shakespeare hat man langsam doch einiges mehrfach gesehen.

Wo bleiben die zeitgenössischen Autor*innen, die vielleicht einmal nicht von einem durch Nazivergangenheit traumatisierten, in Lebenslügen verstrickten Familieninferno in der Provinz oder vom Antifa-Kampf zweier Lesben in der Queerfeindlichkeit einer Großstadt erzählen? „Been there, done that, got the t-shirt”, könnte man flapsig hinzufügen.

Der Weg zur Theaterlust führt über das Lesen. Es ist auch der einzige Weg, um seinen Wortschatz hochzujazzen. BookTok oder das fröhliche Literatur-Tralala auf Instagram trägt dazu mehr bei als die öden Leselisten, die sich im Deutschunter- richt seit 30 Jahren nicht wesentlich geändert haben. Auch wenn die selbst ernannten Literaturpäpste dort manchmal mit dreister Ahnungslosigkeit agieren: „,Der große Gatsby‘ fand ich jetzt nicht so dolle, hat aber gute Ansätze.”

Kürzlich machte ich am Flughafen, wo ich Zeit wegzukriegen hatte, das Experiment: Wie viele Menschen halten ein Buch in der Hand? Es waren tatsächlich nicht mehr als zwei, die sich in die zwischen zwei Pappdeckeln verborgenen Welten stürzten. Ein französisches Pärchen. Es reagierte etwas überrumpelt, als ich ihm zu diesem analogen Kraftakt gratulierte. Die Franzosen haben generell ein nahezu libidinöses Verhältnis zur Literatur. Paris ist voller Gedenkstätten zu Ehren seiner Literaten. Im Stadtmuseum steht das Bett, in dem Marcel Proust sein Jahrhundertwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” hüstelnd gekritzelt hat. In seinem Tagebuch hatte der Weltklassestilist notiert: „Man liest nur in äußerster Not. Man telefoniert davor ausgiebig.” Zu viel vom Parfüm der Selbstironie vor diesem Eintrag aufgetragen: Er war ein besessener Leser.

Erschienen in
Bühne 02/2026

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Angelika Hager
Angelika Hager
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