Der flirrende Planet
„Der irrende Planet“ ist ein Spaziergang durch das vielschichtige Universum des Schweizer Schriftstellers Robert Walser. Und der Versuch, die Schwerkraft auszuhebeln. Mit dabei: Maria Happel, die beim Spielen nach dem berühmten Flirren sucht.
Nie war die Frage, worum es geht, passender als bei dem Theaterstück "Der flirrende Planet“. Und gleichzeitig wohl auch selten so schwierig zu beantworten. Ersteres ist vor allem darauf zurückzuführen, dass Barbara Freys Auseinandersetzung mit dem Universum des Schriftstellers Robert Walser formal wie auch inhaltlich um das Spazierengehen kreist.
Zweiteres liegt in erster Linie daran, dass ebenjener Kosmos unglaublich vielschichtig und reichhaltig ist. Sicher ist: Die Schweizer Regisseurin und der 1878 geborene Walser begegnen einander unter anderem in ihrer Liebe zum Spaziergang. „Wer viel spaziert, rechnet damit, viel zu sehen und zu hören. Spaziergänge sind eine merkwürdige Form der Zeitverschiebung, im Wortsinn. Sie sind von Natur aus unbestimmt und suchen sich ihr eigenes Umfeld im menschlichen Alltag. Wenn man es zulässt, können sie im Finstern beginnen und im Hellen enden. Oder umgekehrt. Diese Unsicherheit zeigt eine große Nähe zu den Künsten: Entscheidend ist, eine Erfahrung zu machen“, so die Regisseurin und passionierte Spaziergängerin, die auch ihren aktuellen Arbeitsweg, der vom achten Bezirk hinauf zur Probebühne der BURG ins Arsenal führt, gern zu Fuß zurücklegt.
Maria Happels neuerliche Zusammenarbeit mit der für ihre hoch konzentrierten Theaterarbeiten bekannten Regisseurin ging ebenfalls mit einem Spaziergang los. „Barbara Frey rief mich an und meinte, dass sie gern eine Runde mit mir gehen würde. Wir haben uns beim Burgtheater getroffen und sind dann über den Ring und an der Lände vorbei zurück in den ersten Bezirk spaziert. Dort hat sie mir dann in einem Kaffeehaus von ihrem Theaterprojekt über Robert Walser erzählt. Nachdem das schon meine zehnte Arbeit mit ihr ist und ich großes Vertrauen in sie habe, stellte sich mir die Frage gar nicht, ob ich diesen Spaziergang gern mit ihr machen würde. Nun bin ich gespannt, wo die Reise hingeht und wo sie endet.“
Wolke oder Fels?
Wir treffen die Schauspielerin nach der Probe im Arsenal. Neben viel guter Laune und einer großen Portion Redelust hat sie auch eine Tasche zum Fotoshooting mitgebracht, auf der in goldenen Lettern ihr Name steht. Sofort schießen Assoziationen zu dem bekannten Ausspruch von Max Reinhardt über das Theater in den Kopf: „Es ist der sehnlichste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiter zu spielen.“ Augenscheinlich befindet sich in Maria Happels Tasche zwar nur ihr Smartphone, wer „die Happel“ ein wenig kennt, weiß jedoch, dass ebenjenes, zugegeben etwas überstrapazierte Zitat zu hundert Prozent auf sie zutrifft.
Die gebürtige Schweizerin hat schon oft an der BURG inszeniert. Zuletzt „Der Tartuffe“ von Molière. Die Arbeiten der Regisseurin und Schlagzeugerin wurden mehrfach ausgezeichnet.
Ihr eigenes Verhältnis zum Spazierengehen hätte sich sehr verändert, seit sie aufs Land gezogen ist, erzählt sie. „Ich gehe am liebsten in der Früh, noch bevor der Tag startet.“ Der Gedanke, den Tag anzugehen, erhält auf diese Weise eine zusätzliche Bedeutungsebene. Vielleicht könnte man auch sagen: Wer sich für den aktiven Vorgang des Gehens entscheidet, hat keine Lust, die Dinge einfach so über sich ergehen zu lassen. Der Lauf der Dinge heißt zwar so, lässt sich aber vielleicht spazierend am allerbesten unterwandern. Unser Gespräch über „Der irrende Planet“ findet ebenfalls zu einem noch recht frühen Zeitpunkt im Probenprozess statt. Ein paar Einblicke kann die Schauspielerin, die seit 1991 zum Ensemble des Burgtheaters gehört, aber bereits mit uns teilen.
„Das Bühnenbild könnte eine schwebende Wolke sein, vielleicht ist es aber auch ein herabstürzender Felsen. Beides ist wichtig – die Leichtigkeit, aber auch die Schwere. Im Hintergrund sieht man die Beine eines Riesen herausragen. All das sind Dinge, die durch Walsers Texte inspiriert sind. Es gibt zwar Figuren, aber man spielt nicht durchgehend eine Rolle. Am Ende fügen sich dann all die Geister und Stimmen zu einem Stück zusammen. Wobei wir einige Passagen chorisch erarbeiten.“
Mit offenen Augen und Ohren
Einer der Ausgangspunkte der Inszenierung ist Walsers Erzählung „Der Spaziergang“, über die auch schon die amerikanische Philosophin Susan Sontag begeistert geschrieben hat. Die spazierende Hauptfigur sagt unter anderem: „Spazieren muss ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebedingen Welt aufrechtzuerhalten.“
Das Wahrnehmen und Beobachten der vermeintlich kleinen Dinge am Rande des Daseins scheinen auch ein wichtiger Motor für Barbara Freys Inszenierung zu sein. „Es geht zum Beispiel darum, dass die Gegenstände und Dinge, denen man begegnet, auch Augen haben und einen beobachten. Seit ich mich so intensiv damit beschäftige, gehe ich ganz anders – mit einer anderen Sensibilität – durch die Stadt“, hält Maria Happel fest und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Wie immer bei Barbara Frey ist darin auch viel Platz für Komik, die unter anderem aus der Genauigkeit im Beobachten resultiert. Man beginnt, anders zuzuhören und hinzuschauen. In der Schauspielschule habe ich früher oft die Übung gemacht, einfach fünf Minuten in Stille zu verbringen und danach zu beschreiben, was man gehört hat.“
Maria Happel erzählt außerdem, dass der Titel der Inszenierung daher rühre, dass es auch um die Auflösung der Schwerkraft geht. „Vielleicht, denn zum jetzigen Zeitpunkt ist noch alles offen“, fügt sie lachend hinzu. Ein irrender Planet könnte auf jeden Fall jemand sein, der durchs Universum treibt, ohne in seinem Denken und Begreifen je wirklich angenommen zu werden, setzt sie ihren Gedankengang fort. „In diesem Zusammenhang finde ich spannend, dass ich erst kürzlich gelesen habe, dass sich die Erde in der letzten Zeit schneller dreht. Ich frage mich: Will sie uns abschütteln?“
Der 1878 in Biel im Kanton Bern geborene Schriftsteller schrieb vier Romane und zahlreiche Erzählungen und Kurzgeschichten. Trotz anfänglicher Erfolge verbrachte er den größten Teil seines Lebens in Armut. Sein Werk ist von genauen Alltagsbeobachtungen geprägt und lässt sich nicht so einfach fassen.
Alles offen
Weil wir uns auf der Probebühne befinden, möchten wir von der vielseitigen Schauspielerin mit der markanten Stimme wissen, ob sie gern probt. „Ja“, schießt es sofort aus ihr heraus. Sie fügt hinzu: „Das hat viel mit Neugier zu tun. Aber auch damit, dass alles noch offen ist und man noch mitentscheiden kann, welches Gewürz man heute verwendet. Es ist einfach noch alles möglich.“ Mit all den Umwegen umzugehen, die damit einhergehen, sei ihr trotzdem noch nie leichtgefallen, merkt sie an. „Gleichzeitig braucht man diese Wände, gegen die man rennt, um zu wissen, in welche Richtung es weitergeht.“
Im Fall von „Der irrende Planet“ sind noch so ziemlich alle Himmelsrichtungen möglich. Wobei Barbara Frey schon sehr viel Vorarbeit geleistet hat, wie die Schauspielerin betont. Sie sei ohnehin eine Meisterin, wenn es darum geht, so tief wie möglich in Stoffe einzutauchen. „Wir springen ihr da jetzt einfach hinterher und versuchen, die Schwerkraft auszuhebeln. Es wird so lange weiter gewühlt und weiter gegraben, bis man auf einen Schatz oder eine große Gemeinsamkeit stößt. Das kann auch mühsam sein, gleichzeitig ergibt sich dadurch aber auch eine ganz eigene Spannung.“
Somit ist der Spaziergang in gewisser Weise auch kein Spaziergang, aber so ist das nun einmal am Theater. Wenn Maria Happel bemerkt, dass Theater eines nie sein darf, nämlich langweilig, bezieht sie das im ersten Moment vermutlich aufs Publikum, meint es gleichzeitig aber bestimmt auch für sich selbst. „Auf der Bühne muss es immer ein Geheimnis geben“, ist sie überzeugt.
Das große Flirren
Die Frage danach, ob bei ihr die Dinge eher aus dem Kopf oder aus dem Bauch kämen, beantwortet die im Spessart geborene Schauspielerin wie folgt: „Ich wundere mich oft beim Spielen, dass Sachen passieren, die ich mir nicht vorgenommen habe. Ich würde mich nicht als Schreibtischtäterin betrachten, sondern als Spielerin, die gern Dinge geschehen lässt. Bei Arbeiten wie dieser macht es mir aber auch großen Spaß, ganz präzise mit diesen Texten umzugehen – Verknüpfungen und Verkettungen aufzulösen. Ein bisschen wie beim Lösen eines Sudokus. Das mache ich nämlich auch total gern.“
Und wie fühlt es sich an, wenn eine Vorstellung abhebt? Auch dafür hat Maria Happel ein passendes Bild parat: „Das ist ein Flirren. Man kommt in einen Flow, das Licht verschwimmt und man hat das Gefühl, nichts falsch machen zu können. Das macht einfach glücklich. Wenn ich wüsste, wie man das herstellt, hätte ich schon ein Buch darüber geschrieben und wäre reich.“ Kritiken liest sie in der Regel erst dann, wenn ein bisschen Zeit vergangen ist. „Ich möchte zuerst ein Gefühl dafür haben, wie das Publikum reagiert und mit dem Stück umgeht. Das ist für mich wie ein Schutzmantel.“
Beim Spielen legt Maria Happel diesen jedoch gern ab. „Ich glaube fest an die Kraft des Theaters, weil ich davon überzeugt bin, dass wir diese Tuchfühlung als Menschen einfach brauchen. Die Berührung, die Emotion und die Gemeinschaft.“
Hier geht es zu den Spielterminen von "Der irrende Planet" im Burgtheater!