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„Radio Goo Goo“: Noch bis 28. Februar im Kosmos Theater.

„Radio Goo Goo“: Noch bis 28. Februar im Kosmos Theater.
Foto: Bettina Frenzel

Radio Goo Goo: Die letzten Tage der Menschheit

Kosmos Theater

Die Erde hat Menschheit. Und zwar im Endstadium. Das bedeutet, dass die letzten Tage der Menschheit angebrochen sind. In Judith Humers Stück „Radio Goo Goo“ begleitet eine Radiomoderatorin die Zeit bis zum „Tag der Tage“. Regisseurin Nehle Dick bringt das Stück, das zwischen Hörspiel und musikalischem Theaterabend oszilliert, im Kosmos Theater zur Uraufführung.

Die Erde hat Menschheit. Und zwar im Endstadium. Das ist nicht plötzlich passiert, sondern hat sich über einen längeren Zeitraum angebahnt. Mittlerweile pfeift die Erde aus dem letzten Loch und leidet an Raucherhusten. Das ist jedenfalls der Ausgangspunkt in Judith Humers Stück „Radio Goo Goo“, das vor kurzem im Kosmos Theater uraufgeführt wurde.

Das Besondere an der Grundsetzung ist unter anderem: Der genaue Zeitpunkt für den Weltuntergang steht fest, der titelgebende Radiosender begleitet die letzten Wochen musikalisch und mit einer Fülle unterschiedlicher Reportagen – vom Friedhof, aus einer Geburtenstation, aus dem Untergrund, einem Nagelstudio und aus einer Fabrik für Särge. Die rasende Reporterin kommt dabei auch in Kontakt mit den Hörer*innen ihrer Sendung, die trotz – oder gerade wegen – des bevorstehenden Endes weiterhin ihren alltäglichen Beschäftigungen nachgehen. Sie hören gemeinsam Radio, stricken Strampelanzüge und unternehmen Busfahrten. Außerdem weisen sie einander kleine Aufgaben zu.

Luka Vlatković, Aline-Sarah Kunisch in „Radio Goo Goo“.
Foto: Bettina Frenzel
Luka Vlatković, Aline-Sarah Kunisch in „Radio Goo Goo“.

Judith Humer ist gebürtige Linzerin. Das muss man nicht wissen, um in sich in dem von ihr erdachten Weltuntergangsszenario zurechtzufinden, in der Entstehung ihres Theatertextes spielte die oberösterreichische Hauptstadt jedoch eine wichtige Rolle. „2019 musste die Turmkreuzkugel des Linzer Mariendoms restauriert werden. In ihrem Inneren fand man eine Zeitkapsel aus dem Jahr 1901. Das hat mein Interesse geweckt. Ich habe daraufhin begonnen, mich in dieses Thema einzulesen und bin im Zuge dessen auch auf die Schallplatten an Bord der Voyager-Sonden gestoßen. Ich finde es spannend, dass es doch recht viele Menschen gibt, die das Bedürfnis haben, etwas zu hinterlassen und sich mitzuteilen, auch wenn sie selbst nicht mehr da sind. Damit hat diese Reise begonnen.“

Wir sitzen im Kosmos Theater, das Team von „Radio Goo Goo“ ist gerade in die heiße Endprobenphase gestartet. Dass sich das Radiomachen und das Radiohören als inhaltliche Fäden durch das Stück ziehen könnten, sei ihr beim Duschen eingefallen, so die Autorin und Dramaturgin. „Plötzlich sind bei mir Geschichten losgegangen. Und es sind immer mehr Fragen aufgetaucht. Unter anderem, was mit den Themen Arbeit und Fortpflanzung passiert, wenn das Datum für den Untergang der Menschheit feststeht.“

Aline-Sarah Kunisch, Johanna Orsini und Claudia Kainberger.
Foto: Bettina Frenzel
Aline-Sarah Kunisch, Johanna Orsini und Claudia Kainberger.

Hören sichtbar machen 

Der Text entstand im Drama Lab der Wiener Wortstätten, ihr Stückentwurf, der dem fertigen Stück vorausging, wurde aus einer Vielzahl an Einreichungen ausgewählt. Die Zusammenarbeit sei „unglaublich bereichernd“ gewesen, bringt Judith Humer die Arbeit der vergangenen Monate auf den Punkt. „Die Wiener Wortstätten bringen so viel Erfahrung und Herz mit. Das merkt man. Außerdem geht es darum, gemeinsam etwas zu entwickeln, die Ellbogen werden zu keinem Zeitpunkt ausgefahren.“ Als „Patentheater“ hat das Kosmos Theater den Schreibprozess begleitet. Und auch Nehle Dick, die die Uraufführung inszeniert, hat sich in den Prozess eingebracht. „Das war Gold wert“, wie Judith Humer festhält.

Die Probe ist vorbei, Nehle Dick setzt sich zu uns an den Tisch. Auch sie hätte die Zusammenarbeit als sehr bereichernd empfunden, erzählt sie. „Es war für meine Arbeit sehr wertvoll, so viel von Judiths Fantasie mitzubekommen. Das hat mir bei meinem Vorhaben, diesen Text zum Glänzen zu bringen, sehr geholfen.“

Der Ansatz, einen sehr unaufgeregten Weltuntergang zu zeigen, hat sie sofort begeistert fügt sie hinzu. Früh war ihr auch klar, dass sie das inhaltliche Element des Radiohörens und -machens gerne zu einer Art von Formprinzip erheben würde. „Ich wollte das Hören sichtbar machen. Außerdem ist das Radio ein Medium, das dem Theater in gewisser Weise artverwandt ist, weil es – wenn man seine Urform betrachtet – auch nur im Moment stattfindet. In unserem Stück ist es außerdem so, dass es diese kleine Gruppe von Menschen gibt, die immer gemeinsam Radio hört. Wie im Theater, wo man ja auch diesen Aspekt der Gemeinschaft hat.“

Das Besondere an der Inszenierung ist auch, dass die Spieler*innen selbst für die Ebene des Tons verantwortlich sind. Und damit sind nicht nur die Songs gemeint, die im Stück vorkommen, sondern auch alle anderen Geräusche, die sie – wie Foley Artists beim Film – selbst herstellen. Auch hier gibt es eine Überschneidung zwischen Form und Inhalt, wie Nehle Dick betont. „In all dem Irrsinn hält vor allem das Tun die Figuren über Wasser.“

„Ich finde, dass durch diese Foley-Elemente eine Zartheit entsteht, die für mich sehr gut zu diesem Text passt. Wenn ich eine Münze in einen Wunschbrunnen geworfen hätte, dann wäre genau das, was Nehle gemacht hat, dabei rausgekommen“, fügt Judith Humer hinzu.

Den Faden nicht verlieren

Falls das bisher noch nicht klar herauskam: Bei „Radio Goo Goo“ liegt der Fokus auf dem Alltäglichen. Laute, bombastische Held*innenreisen à la Hollywood sucht man vergeblich. Im Gegensatz dazu geht es eher um Solidarisierung und darum, beieinander und tätig zu bleiben. Eine tröstliche Vorstellung, sind sich die beiden Künstlerinnen einig. „Während meiner Recherche habe ich unter anderem eine Geschichte über ein Erdbeben mit darauffolgendem Blackout gelesen. Da gab es plötzlich an allen Kreuzungen Zivilist*innen, die den Verkehr geregelt haben. Ohne dass es je einen Aufruf dazu gegeben hat, einfach aus einem Gemeinschaftssinn heraus“, erzählt Judith Humer. „Ich glaube, dass dieses Bedürfnis etwas zutiefst Menschliches ist. Deshalb wundere ich mich auch darüber, wenn immer wieder die Frage danach aufgeworfen wird, ob die Menschen arbeiten wollen oder nicht.“

Um den Faden – auch im übertragenen Sinn – nicht zu verlieren, ist die im Stück gezeigte letzte Generation auch fortwährend am Stricken. Unter anderem entsteht dabei ein Strampler mit acht Beinen – wer weiß denn schließlich schon, wie die nächste Spezies auf dem Planeten aussehen wird.

„Radio Goo Goo“ ist definitiv kein dystopisches Stück, sondern vielleicht eher eine Utopie in der Dystopie. Außerdem spielt das Stück in einer Zeit, die sich zu einem gewissen Anteil bereits bekannt anfühlt, obwohl sie in der Zukunft liegt. „Es ist eine Zukunft, die man sich bereits vorstellen kann“, bringt es Nehle Dick auf den Punkt. Die Probenarbeit mit ihrem vierköpfigen Ensemble fasst sie am Ende unseres Gesprächs lachend wie folgt zusammen: „Wir sind über all die Wochen auch ein bisschen zu Endzeitmenschen geworden. Ich kriege auch nur noch Werbung von Kurbelradios.“

Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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